Leonhard-Frank-Biographie

Der Traum vom wahren Leben

Von Jakob Hessing
01.01.2021
, 22:59
Ist der Mensch gut, oder isst er nur gut? Katharina Rudolph schreibt die erste Biographie des Schriftstellers und Herzens-Sozialisten Leonhard Frank.

Leben und Werk des Schriftstellers Leonhard Frank (1882 bis 1961) umspannen alle Epochen der deutschen Geschichte, vom Kaiserreich bis in die frühen Jahre der Bundesrepublik. In ihrer gut recherchierten, oft spannend erzählten Biographie zeigt Katharina Rudolph die Spuren, die er in jeder dieser Epochen hinterlassen hat.

Das gilt allerdings auch umgekehrt – Franks Werke tragen die Spuren der jeweiligen Epoche, in der sie entstanden sind. Doch obwohl er in einer Zeit katastrophaler Zerstörungen lebte, wirkt sein Werk merkwürdig konstant. Es hält eine Seelenlandschaft fest, die sich stets gleich bleibt und es Frank vielleicht ermöglicht hat, zu überleben.

In Würzburg kam er als viertes Kind einer „Familie von Tagelöhnern und Dienstmägden“ zur Welt, und mit der niederen Herkunft war vieles für ihn vorbestimmt. Hermann Hesse hat den Terror in den Schulen des Kaiserreiches beschrieben, und auch Frank hatte einen tyrannischen Lehrer. Früh wurde er Lehrling und Fabrikarbeiter, und der traurigen Wirklichkeit setzte er vorerst nur den Traum von einem besseren Leben entgegen.

Blühende Phantasie

Künstlerisch begabt war schon seine Mutter, die eine Autobiographie geschrieben hat und dort von einem Liebesabenteuer berichtet, das sie mit dem bayrischen König erlebt haben will. Ihre blühende Phantasie hat sie dem Sohn vererbt. Der hoffte zuerst Maler zu werden, in München studierte er bei berühmten Lehrern, doch seine Bilder sind leider nicht erhalten.

Der Durchbruch als Schriftsteller gelang ihm erstaunlich früh. Sein erster Roman, „Die Räuberbande“, erschien 1914 und erhielt sofort den angesehenen Fontane-Preis. In ihm erfinden Würzburger Jungen ihrer tristen Wirklichkeit eine Gegenwelt. Das gelingt ihnen eine Weile, aber dann beginnt der Prozess ihrer bürgerlichen Anpassung. Nur einer der Jungen, Michael Vierkant, schafft den wirklichen Ausbruch. Er verlässt Würzburg, wird zum Künstler und taucht nach einem symbolischen Selbstmord als „Fremder“ wieder auf, der unerkannt durch seine Heimatstadt streift.

Michael Vierkant ist das Alter Ego, das Frank sich erdichtet. Auch in späteren Werken tritt er unter diesem Namen auf, und die autobiographischen Elemente sind unverkennbar. Rudolph vergleicht sie mit den nachweisbaren Fakten seines Lebens und zeichnet die Grenzlinien nach, an denen er sich schreibend zwischen Wunsch und Wirklichkeit positioniert.

Mit großer Sprengkraft

Es ist ein idealisiertes Bild, das er nicht nur von sich selbst, sondern auch von der Welt entwirft, in der er lebt. Das machte sein zweites Werk, die Novellensammlung „Der Mensch ist gut“, noch deutlicher. So nannte er sein Manifest gegen den Ersten Weltkrieg: Frank war einer der wenigen, die den Wahnsinn des Krieges sofort erkannten, in den Novellen zeigt er die Opfer – die Witwe, die Krüppel, die Eltern, die ihre Kinder verlieren – und die Entstehung einer Protestwelle, die die Kriegstreiber schließlich davonjagen wird. Die Novellen, die in Deutschland nicht erscheinen durften, schrieb er in der Schweiz, sie wurden über die Grenze geschmuggelt und gewannen als Konterbande eine große Sprengkraft.

In die Schweiz kam er nicht erst während des Krieges. Seit 1906 hielt er sich oft in Ascona auf, wo deutsche Weltverbesserer diverser Schattierungen auf dem Monte Verità lebten, ihrem „Berg der Wahrheit“. Sie wollten die Realität aus den Angeln heben, und einer von ihnen, der Psychiater Otto Gross, wurde für Leonhard Frank gefährlich.

Gross kam aus der Schule Sigmund Freuds, der das Unbewusste erkennen und beherrschen wollte. Gross dagegen wollte es ausleben: Die Liebe sollte frei, die Monogamie sollte aufgehoben werden, und er lebte mit mehreren Frauen zugleich. Eine von ihnen war die Malerin Sophie Benz, die solcher erotischen Gewaltsamkeit nicht gewachsen war und 1911 Selbstmord beging.

Frank und Benz waren ein Liebespaar gewesen, bevor Gross ihre Beziehung zerstörte. Das verletzte Frank zutiefst, und er wandte sich von Gross ab, dessen Radikalität ihm in Wirklichkeit fremd war. Von ständigem Liebeshunger getrieben, brauchte Frank eine Frau, die nur für ihn da war und die er dafür ebenso unbedingt lieben konnte.

Dreimal war er verheiratet, und seine erste Frau – für Frank die „größte Liebe seines Lebens“ – starb in jungen Jahren. Die Biographie lässt uns jedoch im Zweifel, ob es hier einen Superlativ gibt: Frank liebte immer absolut, nur übertrug er, wenn die Umstände es verlangten, seine Liebe auf eine neue Frau. So ging es ihm auch mit zwei Frauen, die ihn nicht begleiteten, als er vor Hitler floh, zuerst in die Schweiz und dann nach Frankreich, und die dennoch zu verschiedenen Zeiten die Anker seiner Innenwelt waren.

Während er sie aus der Ferne liebte, war Frank verheiratet, hatte sich aber von seiner zweiten Ehefrau getrennt. Sie war die Mutter seines einzigen Sohnes, dem er nie ein Vater war, und stellte Ansprüche an ihn, die er nicht erfüllen wollte. Seine Liebe kannte nur eine Beziehung von Mann und Frau, keine Familie und keine Verantwortung für sie. Von einer Geliebten in Amerika, wo er zehn Jahre lebte (1940–1950), hatte er eine uneheliche Tochter, die Vaterschaft aber erkannte er nicht an. In Amerika heiratete er auch seine dritte Frau, die wieder seine große Liebe war, aber das Kind, das er mit ihr gezeugt hatte, musste sie abtreiben. Vater wollte er nicht mehr werden.

Er wurde zum Snob

Die Jahre im Exil und die gefährliche Flucht aus dem besetzten Frankreich gehören zu den besten Kapiteln in Rudolphs Biographie. Die Liebesdramen im Schatten der Katastrophe spiegeln den tiefen Gegensatz zwischen Franks Leben und Werk, und auch der Titel der Biographie macht ihn deutlich: Leonhard Frank war ein „Rebell im Maßanzug“.

Zu seiner Vorstellung von einer „guten“ Welt gehörte ein „Sozialismus“, der aber kaum durchdacht war. Als der Erfolg seiner Bücher ihn zeitweise reich machte, vergaß er ihn schnell und wurde zum Snob. Die Anzüge ließ er sich schneidern, die Hemden ließ er sich nähen, er speiste nur in teuren Restaurants, und Rudolph verklärt ihren Helden nicht. „Der Mensch isst gut“, zitiert sie ein witziges Bonmot, das über ihn im Umlauf war.

Seinen Mythos der Liebe erzählt Frank in „Karl und Anna“ (1927). Die Novelle wurde in der Weimarer Republik berühmt. Zwei Soldaten geraten in Kriegsgefangenschaft, und einem, Karl, gelingt die Flucht. Sein Kamerad hat oft von der Ehefrau Anna geschwärmt, und Karl hat sich in sie verliebt, jetzt sucht er sie auf. Anna erwidert sein Gefühl, sie werden ein Paar, und als der Ehemann heimkehrt, ist es zu spät. Ihre Liebe sprengt die Konvention der Ehe. Was Frank zutiefst verletzt hatte, als Otto Gross es ihm „in echt“ vorführte, verwandelt er jetzt in Literatur. Scharf tritt zutage, worauf die einst phänomenale Wirkung seiner Werke beruhte: In einer Welt, die den Mythen von links und von rechts erlag, gelang es ihm, eine seelische Omnipotenz zu suggerieren, die es nur in unseren Phantasien gibt, nicht in unserer Wirklichkeit.

Eine klare Unterscheidung zwischen Wunschdenken und Realität hat es bei ihm nie gegeben. Das ist seine Stärke und Schwäche zugleich: In den Zeiten überhitzter Phantasien konnte er das Publikum dafür begeistern, aber als er 1950 in ein geteiltes Deutschland zurückkam, das alle Illusionen verloren hatte, war Franks Zeit vorbei.

In seinem letzten großen Roman, „Die Jünger Jesu“ (1947), erzählte er noch einmal von einer jugendlichen Bande, die für Gerechtigkeit kämpfte; sowie von einer Jüdin, die den Nazimörder ihrer Eltern erschießt und vom Gericht freigesprochen wird. Solche schönen Utopien waren nicht mehr gefragt. Er lebte jetzt in München, gedruckt aber wurden seine Bücher vornehmlich in der DDR. Dort hatte man den Propagandawert seines „sozialistischen“ Enthusiasmus erkannt, doch als er seinem Verleger Walter Janka helfen wollte, als der in Ungnade gefallen war, konnte Frank nichts ausrichten. In den Kämpfen des zwanzigsten Jahrhunderts stand er auf der richtigen Seite, blieb aber immer naiv. Fünf Tage vor seinem Tod am 18. August 1961 kam die Nachricht vom Bau der Mauer. Und Frank frohlockte: „Na endlich! Nur so kann die DDR eine Ausbeutung durch den Westen verhindern.“

Quelle: F.A.Z.
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