Biographie über Roger Federer

Perfektion muss mühelos scheinen

Von Matthias Alexander
03.12.2021
, 19:28
Tanz auf dem Aschenplatz: Roger Federer am 9. Mai 2019 im Achtelfinale der Madrid Open
Vom Balljungen zu einem der prominentesten und bestverdienenden Sportler der Welt: Christopher Clarey zeichnet die epochale Karriere von Roger Federer als Tennisspieler, Familienvater und Geschäftsmann nach.
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Die jüngsten Nachrichten von Roger Federer sind für seine Fans nicht eben beruhigend ausgefallen. Die aktuelle Verletzung am Knie ist so schwerwiegend, dass er Wimbledon 2022 wohl verpassen wird. Bei seiner erhofften Rückkehr auf den Platz im Spätsommer nächsten Jahres hätte er das Leistungssportler-Greisenalter von bald 41 Jahren erreicht. Der an seiner Position in der Geschichte des Tennissports seit jeher sehr interessierte Federer steht also spätestens in einigen Monaten vor einer heiklen Entscheidung: Soll er in der Hoffnung auf ein glänzendes Comeback, wie es ihm 2017 schon einmal gelungen ist, riskieren, stattdessen mit demütigenden letzten Auftritten im Gedächtnis zu bleiben? Björn Borg hat diesen Fehler einst gemacht, und er hat ihn bereut.

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Federer-Biographen stehen vor der ähnlich schwierigen Frage, wann der beste letzte Zeitpunkt eintritt, das maßgebliche Buch über den Schweizer vorzulegen. Nach dessen Rücktritt wird das Interesse schließlich schnell abebben. Dass Christopher Clarey, erfahrener Sport-Korrespondent der New York Times, mit seinem umfassenden Blick auf die Karriere Federers jetzt auf den Markt geht, kann auch als eine Art Wette auf den Ausgang der Entscheidung des Schweizers betrachtet werden.

In einem Wort: Lockerheit

Clarey, der Zugang zu allen Prominenten des Tennissports genießt, hat nach bester amerikanischer Art keine Recherchemühen gescheut. Mit Dutzenden Weggefährten Federers, mit Vertrauten, Geschäftspartnern und Gegnern aus verschiedenen Spielergenerationen hat er sich unterhalten, um den Weg des umfassend geförderten Talents aus Basel zu einem der meistverdienenden Sportler der Welt nachzuzeichnen. Manches ist aus der umfangreichen Federer-Literatur altbekannt, anderes frisch und erhellend. etwa die Schilderung der Fotografin Ella Ling, die Federer zunächst nur ungern abgelichtet hat, weil er seine Emotionen auf dem Platz zumeist verborgen hält; ihre Einstellung änderte sich erst, als ihr auffiel, dass sich Federers Gesichtszüge selbst im Schlagmoment kaum verändern, sondern bei aller Kraftentwicklung entspannt wirken.

Christopher Clarey: „Der Maestro Roger Federer“.
Christopher Clarey: „Der Maestro Roger Federer“. Bild: Edel Books

Diese Beobachtung führt direkt zum Kern von Federers Wirkung: Er ist im Tennisspiel ganz bei sich, seine Bewegungen wirken anstrengungslos. Es fällt nicht einmal auf, wie schnell er ist, weil er sich so natürlich bewegt. Federer hat sogar darunter gelitten, dass bei ihm alles leicht aussieht, weil das den irrigen Schluss nahelegt, er müsse sich nichts erarbeiten.

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Clarey macht plausibel, dass sich die Momentaufnahme vom Tennisplatz als Charakterstudie auf den gesamten Menschen Federer übertragen lässt: Müsste man seine Persönlichkeit auf einen einzigen Begriff bringen, wäre es Lockerheit. So wie der Sohn einer südafrikanischen Mutter und eines Schweizer Vaters während seiner Spiele wenig schwitzt, nicht stöhnt und kaum eine Miene verzieht, so selbstverständlich zugewandt und gelassen begegnet er Menschen aller Prominenzgrade. Seine Vielsprachigkeit und sein tadelloses Verhalten auf dem Platz – von wenigen Ausnahmen des Contenance-Verlustes abgesehen – haben zu seiner Popularität ebenso beigetragen wie die Tatsache, dass er aus der Schweiz kommt, einem Land, das fast überall auf der Welt positive Emotionen weckt. Federer transzendiert patriotische Anwandlungen: Wenn er bei Turnieren gegen Spieler antritt, die aus dem jeweiligen Land stammen, ist keineswegs ausgemacht, wem die Sympathien des Publikums gelten. Um für Fans auf der ganzen Welt als Identifikationsfigur dienen zu können, hat es Federer stets vermieden, sich politisch zu äußern. Eine Haltung, die künftig schwieriger durchzuhalten sein könnte; als ihn Fridays for Future kritisierte, fiel die Stellungnahme Federers, der samt Familie und Entourage um den Globus fliegt, reichlich gewunden aus.

Alleinherrschaft über die Tenniswelt

Federer ist von Anfang an darauf bedacht gewesen, die Kontrolle über das Bild zu bewahren, das sich die Öffentlichkeit von ihm macht. Clarey als Schlüsseljournalist in Amerika wird von Federer bevorzugt behandelt; er nimmt ihn schon einmal im Privatjet mit, um über ein paar Tennisangelegenheiten zu diskutieren. Diese privilegierte Nähe hat die Sache für den Biographen Clarey leichter und schwerer zugleich gemacht; er ist jedoch klug genug, die Gratwanderung zwischen Vereinnahmungsgefahr und Erkenntnisgewinn offen zu reflektieren.

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Im Ergebnis ist Kritik vor allem in Andeutungen oder als Zitat von dritter Seite zu finden. Das gilt für die Passagen, die den gewieften Geschäftsmann Federer vorstellen, der gemeinsam mit seinem Manager den Laver Cup, einen überflüssigen Mannschaftswettbewerb zwischen Europa und dem Rest der Welt, aus der Taufe hebt. Und der sich kühl von seinem Ausrüster Nike trennt, weil ihm der japanische Fast-Fashion-Anbieter Uniqlo mehr Geld bietet. Clarey deutet an, dass das nicht unbedingt ein kluger Zug gewesen ist; man sollte die Fähigkeit der amerikanischen Sportmarke, ihre Heroen auch nach deren Karriereende in Erinnerung zu halten, nicht unterschätzen.

Momente der Ekstase

Das klug komponierte Buch, das sich nie zu lange mit der Beschreibung von Ballwechseln aufhält, ruft in Erinnerung, dass die Alleinherrschaft Federers über die Tenniswelt nur wenige Jahre lang dauerte, bevor ihn 2008 zunächst Nadal, später Djokovic und zwischendurch auch Murray herausforderten. Dabei bleibt ein wenig unterbelichtet, wie stark sich der Tennissport seit den Neunzigerjahren gewandelt hat. Man hätte gern mehr darüber erfahren, welche Rolle die Veränderungen von Material, Schlagtechnik und Taktik gespielt haben und wie sehr groß gewachsene Spieler davon profitieren. Diese Herausforderungen machen Federers Leistung in bald 25 Jahren auf der Tour in Duellen mit Gegnern von André Agassi bis Alexander Zverev nur umso größer; erst durch eine tiefgreifende Umstellung seiner Rückhand kam er beispielsweise in die Lage, Nadal 2017 bei den Australian Open zu schlagen.

Clarey, und das ist eine Unsportlichkeit, erwähnt nicht einmal den Namen David Foster Wallace. Das ist in etwa so, als würde ein Günter-Netzer-Biograph darauf verzichten, Karl Heinz Bohrer und dessen klassische Formulierung von der Tiefe des Raumes zu zitieren. Wallace hat in einem legendären Essay das Phänomen der „Federer-Momente“ beschrieben; er meinte damit die Gabe, die Gesetze der Physik mit scheinbar unmöglichen Schlägen außer Kraft zu setzen, um den Zuschauern Momente der Ekstase zu schenken – etwas, das er allen anderen Spielern unserer Zeit voraus hat. Auch wenn man Wallace nicht mehr interviewen kann, sollte man nicht so tun, als hätte man seine Worte nicht zur Kenntnis genommen.

Christopher Clarey: „Der Maestro Roger Federer“. Aus dem Englischen von J. Haas, F. Kugler, J. Orth und S. Scheer. Edel Books, Hamburg 2021. 480 S., Abb., geb., 24,95 €.

Quelle: F.A.Z.
Matthias Alexander - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Matthias Alexander
Stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton.
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