Biographie über Andy Warhol

Der Altmeister der Suppendose

Von Rose-Maria Gropp
25.02.2021
, 09:03
Steht er nun wirklich als Star neben Picasso? Der Kunstkritiker Blake Gopnik legt eine akribisch recherchierte Biographie von Andy Warhol vor.

Über keinen anderen Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts ist so viel geschrieben worden wie über Andrew Warhola, der sich seit Anfang der sechziger Jahre Andy Warhol nannte; mit einer Ausnahme wohl, Pablo Picasso. Nun hat der amerikanische Kunstkritiker Blake Gopnik dieser Bibliothek ein weiteres Werk hinzugefügt, das schlicht „Warhol. Ein Leben als Kunst“ heißt. Weniger schlicht ist der Umfang dieser Recherche, mehr als tausendzweihundert eng bedruckte Seiten einer akribischen Durchforstung der Vita des „Superstars“. Gopnik hat dafür zweihundertsechzig nähere und fernere Zeugen interviewt, rund hunderttausend Zeitdokumente eingesehen. Der Anhang des gewichtigen Bands verweist auf die Quellen, die Angaben zu den Zitaten und weiteren Belegen, die als Endnoten auf der Website des Verlags einsehbar sind und dort weitere siebenhundert Seiten füllen.

Hilfreich bei der Lektüre dieser Biographie ist ihr klassischer Aufbau, fünfzig chronologisch angeordnete Kapitel. Gopnik rekonstruiert verdienstvoll ausführlich auch die frühen Jahre: Es kommt die prekäre Kindheit des schon sehr speziellen kleinen Andrew in den Blick, der 1928 als jüngster von drei Söhnen russinischer Einwanderer in Pittsburgh geboren wurde. Es geht um die Zeit seines Kunststudiums am Carnegie Institute of Technology in Pittsburgh, um Warhols Ringen um seine sexuelle Identität, seine Queerness, die ihm lebenslang als Obsession, als Melancholie bleibt, trotz all seiner Liebhaber nicht im befreiten Ausleben. Erst sehr spät wird er sich, das ist bekannt, offen zu seiner Homosexualität bekennen.

Dieser wunderbare Schildkrötengeschmack

Im Kern geht es um Warhols ständige Neuerfindung seiner selbst, nicht nur im Rückgriff auf die eigene, flackernde Produktionsenergie, sondern auch durch die Inspiration, die er sich bei anderen holte. Es geht um die diversen Felder, auf denen er agierte: Malerei, Siebdruck, Fotografie, Film; um Musik in der Arbeit mit der Kultband „Velvet Underground“; um die Generierung seiner „Superstars“, wie etwa Edie Sedgewick, in deren Erscheinung er definitiv vernarrt war; außerdem und zentral um die Arbeit am eigenen öffentlichen Image, umgeben von den wechselnden Sippen seiner „Factory“ an verschiedenen Orten, am berühmtesten darunter die „Silver Factory“.

Wenn ihm die Ideen ausgingen, schreibt Gopnik, soll er sich gern bei anderen bedient haben. So im Fall der heroischen „Campbell’s“-Suppendosen: Angeblich gegen einen Scheck über fünfzig Dollar habe ihm die Kunsthändlerin Muriel Latow geraten, er müsse etwas finden, was jeder kenne – „etwas wie eine Suppendose von Campbell“ eben. Warhol seinerseits zog es vor, seine Mutter für die geniale Idee ins Spiel zu bringen, und erklärte gelegentlich, seine Lieblingssorte sei die mit Schildkrötengeschmack, „aber ich muss der Einzige gewesen sein, der sie gekauft hat, denn sie wurde nicht mehr hergestellt“. Als eine mögliche Quelle für die „Dollar“-Bilder etwa zur gleichen Zeit macht Gopnik die Arbeiten mit aneinandergereihten alltäglichen Drucksachen der griechisch-amerikanischen Künstlerin Chryssa aus, die damals in New York gerade Erfolg hatten. Solche erhellenden Mitteilungen finden sich in großer Zahl im Buch.

Sein ärgster Widersacher

Selbst an Warhols eigentlicher Urheberschaft am unzerstörbaren Spruch „In Zukunft wird jeder für fünfzehn Minuten weltberühmt sein“ meldet Gopnik Zweifel an mit dem Verweis darauf, dass er sich verbreitete, weil er so im Katalog zur ersten großen Warhol-„Retrospektive“ in Stockholms Moderna Museet 1968 abgedruckt war. Im Ganzen führt ihn das zu der Einschätzung: „Man könnte sagen, dass dieses Aufsaugen eines von Warhols Markenzeichen war, mit dem er sich einmal mehr dem Prinzip der Urheberschaft und der damit einhergehenden Originalität verweigerte – eine Geste, die einen seiner schockierendsten und zugleich originellsten Beiträge zur Kunst darstellt.“ Dabei identifiziert Gopnik als „ärgsten Widersacher“ – aus Warhols eigener Perspektive – tatsächlich an einer Stelle Picasso, weil „der offiziell als größter lebender Künstler galt“.

Das Buch ist keine kunsthistorische Erkundung oder Einordnung im eigentlichen Sinn, die sich auf Spuren früherer Künstler im Schaffen Warhols einließe. Vielmehr ist es eine mit Intuition und unerhörtem Fleiß – sieben Jahre hat Gopnik daran gearbeitet – zusammengesetzte Ansammlung von bisher teils noch nicht gesichtetem oder jedenfalls nicht publiziertem Material. Dessen intelligente, nie langweilige Anordnung macht die Biographie zur über weite Strecken unterhaltsamen Lektüre. Tiefergehender Deutungen enthält sich der Autor weitgehend. Zu nennen wäre hier zumal die Ästhetik von Warhols frühen Zeichnungen aus den Fünfzigern, die offensichtlich an die europäische Moderne anknüpfen. Das wird sogar in den Arbeiten sichtbar, die seine erfolgreiche Phase als Werbegraphiker kennzeichnen.

Ein Superstar ohne Eigenschaften

Erstaunlich ist da schon, dass der Name Henri Matisse, als ein Vorbild, gar nicht erst fällt; nur ein Mal der seines Sohnes Pierre Matisse, weil der in seiner New Yorker Galerie eine Ausstellung Jean Dubuffets zeigte. Ebenso wenig finden die ersten europäischen, zumal deutschen Sammler von Warhols Werken Erwähnung. Einzig der Galerist und Händler Rudolf Zwirner, der früh Warhol kaufte, kommt vor. Es wäre lesenswert gewesen, wie ein amerikanischer Kunsthistoriker diesen gelegentlich diagnostizierten Umweg des wirklichen „King of Pop“ über das alte Europa einschätzt.

In jeder Hinsicht erschöpfend, setzt diese Biographie allein der Materialfülle wegen Maßstäbe für einige Zeit. Gopnik bleibt hart auf seiner Fährte der Rekonstruktion von Andy Warhols Leben, mit jedem kleinsten Schnipsel, den er dazu finden und auswerten kann. Der „Markenname“ Warhol lässt sich aber nicht in die bündige Geschichte über einen Superstar ohne Eigenschaften packen. Deshalb kann Gopnik keine zweite großen Künstler-Erzählung des zwanzigsten Jahrhunderts gelingen – nach den (bisher) drei Bänden von John Richardsons monumentaler Picasso-Biographie. Richardson schöpfte dafür zudem aus persönlichen Begegnungen, während Gopnik auf die Eindrücke und Erinnerungen von Zeitgenossen Warhols setzen muss. Das macht er mit einigem Geschick, mitunter Ironie und ohne Scheu vor dem nötigen Gossip und vor Wiederholungen, darin durchaus auf einer Linie mit seinem Protagonisten.

Ganz am Ende heißt es dann: „Die kritische Skepsis, mit der sich Warhol zeitlebens auseinandersetzen musste, ist seit seinem Tod verflogen. Es sieht immer mehr danach aus, als hätte Warhol sogar Picasso als wichtigsten und einflussreichsten Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts abgelöst. Oder zumindest teilen sich nun beide diese Position auf dem Gipfel des Parnass, neben Michelangelo, Rembrandt und den anderen Genies.“ Das ist erstens fragwürdig, weil es Kritik an Warhols Schaffen weiterhin gibt, und zweitens einigermaßen gewagt, allein schon im freizügigen Umgang mit dem Genie-Begriff. Kleine Pointe dazu: Bei der Trauerfeier für Warhol am 1. April 1987 in der New Yorker St.Patrick’s Cathedral hielt, neben Yoko Ono, John Richardson die Gedenkrede. Es bleibt die an sich müßige Überlegung, ob der Person, die sich Andy Warhol nannte, Blake Gopniks Anstrengung gefallen haben würde. So viel Spürsinn wohl eher doch nicht. So viel Aufwand um ihn, das bestimmt schon eher. Und trotzdem bleibt er ein Rätsel, nicht zu fassen.

Blake Gopnik: „Warhol“. Ein Leben als Kunst. Die Biografie. Aus dem Englischen von Marlene Fleißig, Hans Freundl, Ursula Held, Hans-Peter Remmler, Andreas Thomsen und Violeta Topalova. C. Bertelsmann Verlag, München 2021. 1232 S., Abb., geb., 48,– €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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