Geschichte der Komintern

Die Chimäre einer proletarischen Weltpartei

Von Gerd Koenen
09.03.2021
, 23:24
Der oberste Genosse liest, der Zeichner hält es fest: Lenin und der Maler Isaak Brodski auf dem dritten Weltkongress der Komintern im Juli 1921 in Moskau.
Unterwegs für das Berichtswesen der Moskauer Zentrale: Die Historikerin Brigitte Studer schildert das Binnenleben der Kommunistischen Internationale.

Die von Lenin im Frühjahr 1919 proklamierte „Kommunistische Internationale“ war eine Organisation, wie es sie weder vorher noch seither in der Geschichte gegeben hat – und das aus guten Gründen. Denn von ihren frühen hochfahrenden Anfängen bis zu ihrer schleichenden Degradierung zu einem Hilfsorgan der Stalin’schen Weltpolitik und der sowjetischen Auslandsgeheimdienste war sie ein ebenso heroisches wie verfehltes Unternehmen.

Lenin schwebte allen Ernstes eine zentralistisch organisierte und geführte „Weltpartei“ vor, die nach Programm und Verfassung ein direktes Replikat der eigenen bolschewistischen Machtkohorte sein sollte. Mitten im Tumult des eigenen, verheerenden Bürgerkriegs und im Chaos der Nachkriegszeit sollte die neue Internationale eine „Weltarmee des Proletariats“ rekrutieren, um die von den westlichen Siegern diktierte und dominierte „Versailler Weltordnung“, auch „Weltkapitalismus“ und „Weltimperialismus“ genannt, durch eine Kombination sozial- oder nationalrevolutionärer Aufstände und direkter militärischer Vorstöße wie dem auf Warschau im Sommer 1920 über den Haufen werfen.

Vertreter des Kernkaders

Brigitte Studers Geschichte der Kommunistischen Internationale stellt ins Zentrum ihrer Darstellung die „Generation von 1920“, die bunt zusammengewürfelte Kohorte derer, die aus sehr unterschiedlichen Motiven zum zweiten, eigentlichen Gründungskongress der kurz „Komintern“ genannten Internationale ins halb ausgestorbene Moskau strebten. Ihre Vermutung, diese habe „einen Nerv der Zeit“ getroffen, weil „die alte Sozialdemokratie ausgedient und die Neuordnung der Arbeiterbewegung weitgehend ungeklärt“ gewesen sei, verkennt allerdings, dass gerade die mit den realen Arbeiterbewegungen verbundenen Kräfte, soweit sie beim Kongress vertreten waren, bald schon vom voluntaristischen Aktionismus und Militantismus der Komintern abgestoßen wurden.

Auch ein kultursoziologischer Blick auf die multinationale Gründungskohorte der Internationale und der Bolschewiki selbst (den Studer leider nicht versucht) würde zeigen, dass der Kernkader eher aus radikalisierten Intellektuellen und demobilisierten Soldaten (meist kleinbürgerlicher oder bäuerlicher Herkunft), aus Angehörigen nationaler Minderheiten und aus dissidenten Abkömmlingen des Adels oder des Großbürgertums gebildet wurde und nur sehr partiell aus realen Vertretern der industriellen Arbeiterschaften, die überwiegend sozialdemokratisch oder konfessionell gebunden blieben.

Über alle Kontinente verteilt

Unter den zwei Dutzend „Reisenden der Weltrevolution“, die Brigitte Studer ins Zentrum ihrer Darstellung gestellt hat, befinden sich einige prominente, gut erforschte Figuren wie der gebildete indische National- und Sozialrevolutionär Manabendra Roy, der umtriebige kommunistische Medienmogul Willi Münzenberg oder die Schauspielerin und Fotografin Tina Modotti. Aber auch eine Reihe weniger bekannter Akteure kommen mit ins Bild, vor allem einige Frauen, auf deren Rolle und Status im vorwiegend maskulin geprägten Komintern-Kader die Autorin ein besonderes kritisches Augenmerk legt. Vielleicht ohne ganz zu bedenken, dass ein Anteil von zehn Prozent weiblicher Mitglieder in politischen Organisationen damals ziemlich selten war und dass die Arbeitsteilungen, in denen Frauen meist als „Maschinistinnen“ oder Übersetzerinnen fungierten oder für die (großteils konspirative) Logistik zuständig waren, alles andere als „traditionell“ waren.

Studer möchte eine „Geschichte der Komintern als Arbeitsort“ liefern, als einer eigenen „Lebenswelt“ und „durch eine gemeinsame Sprache und gemeinsame Praktiken verbundenen Gemeinschaft“. Freilich umfasste diese „Gemeinschaft“ nicht nur die ungefähr achthundert Personen, die man bis zur Öffnung der russischen Archive nach 1990 kannte. Nach neuesten Datenbanken waren nicht weniger als 30.000 Personen in unterschiedlichsten Funktionen und über alle Kontinente verteilt für die Internationale tätig. Viele befanden sich in permanenter Zirkulation, tauchten unter verschiedensten Namen, mit falschen und fingierten Lebensläufen mal hier und mal dort auf, um als Abgesandte des Moskauer Exekutivkomitees an der Gründung neuer Parteien mitzuwirken, sie auf die jeweils gültige Linie zu bringen und ihre Konflikte und Strategien zu überwachen und zu rapportieren.

Ein weithin leerer Begriff

Das wäre, möchte man meinen, ein faszinierendes Thema und eine große Geschichte. Umso bedauerlicher ist, dass die Autorin ihre aus jahrzehntelangen Archivforschungen gewonnene Darstellung in das Prokrustesbett einer Vielzahl methodischer Imperative legt, vom „global“ und „transnational turn“ über die „subaltern“, „post-colonial“ oder „science studies“ zu den „kultur-, subjektivitäts- und erfahrungsgeschichtlichen Ansätzen“ und den „akteurszentrierten Perspektiven“ einer „pragmatischen Geschichtsschreibung“ – und so weiter.

Gravierender ist das kategorische Verbot, der „biographischen Illusion“ nachzuhängen, dem Bemühen also, sich von heute aus ein Bild davon zu machen, was diese recht interessanten Protagonistinnen damals wohl gedacht, gefühlt und wahrgenommen haben. „Die Herangehensweise an diese Biographien ist kontextuell, die individuellen Verhaltensweisen werden im Rahmen der kulturellen Praktiken des Kontextes erklärt.“ Aber was, wenn die „kulturellen Praktiken des Kontextes“, nämlich der „Komintern als Arbeitgeber“, diese Organisation vor allem als fast monströse „Berichtsproduktionsmaschine“ erweisen? Und was, wenn die „Quellen“, deren „Veto“ jedem biographisch einfühlenden Verstehen entgegenstehen soll, großteils in einer toten Sprache abgefasst sind, die nur durch eine situative und individuelle Kontextualisierung wieder lesbar gemacht werden kann? Zwar lässt Studer persönliche Briefe und Erinnerungen als Quellen zu, die denn auch etwas Farbe und Bewegung ins Bild der Handelnden bringen. Aber gerade sie bedürfen doch wohl der Interpretation, was Person und Situation der Schreibenden betrifft.

Zu Recht geht die Autorin davon aus, dass die schiere Macht der politischen Ideen und ideologischen Überzeugungen schwerlich ausreicht, um zu erklären, worum so viele unterschiedliche Menschen ihr Leben mit Haut und Haaren auf diese Karte eines „Kommunismus“ gesetzt haben, der noch ein weithin leerer Begriff war.

Wenn man den Fundus lebendiger Motivationen der Akteure aber nicht tiefer ergründen will, dann bleiben nur recht hölzerne Formeln, um die erstaunliche Energie und Hingabe zu erfassen, mit der diese „Reisenden der Weltrevolution“ als Fremde in fremden Ländern, deren Sprache sie meist nicht beherrschten und von denen sie kaum etwas wussten und verstanden, ausharrten und noch die wirklichkeitsfremdesten oder widersprüchlichsten Instruktionen, oft gegen besseres Wissen, durchsetzten, sich gegenseitig aller möglichen Abweichungen bezichtigten – und immerzu ihre langen Berichte verfassten, die auf absurd aufwendige Weise mit Hunderten Kurieren aus Berlin und Wien, Schanghai oder Madrid nach Moskau gebracht werden mussten, wo sie in den Zeiten des Großen Terrors oft genug über Leben und Tod entschieden.

Brigitte Studer: „Reisende der Weltrevolution“. Eine Globalgeschichte der Kommunistischen Internationale. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 618 S., Abb., br., 30 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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