Ungleichheit der Geschlechter

Ein Gemisch aus Potenz und Aggression

Von Kerstin Maria Pahl
16.04.2021
, 22:02
Mehr Ausrufezeichen waren selten: Carel van Schaik und Kai Michel möchten in einem historischen Durchgang das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern ergründen.

Gesundes Selbstbewusstsein tut diesem Thema gewiss keinen Abbruch: „wir, ein Evolutionsbiologe und ein Kulturwissenschaftler, glauben rekonstruieren zu können, was tatsächlich schiefgelaufen ist zwischen Frauen und Männern.“ Dann also mal los. Die Kernaussagen, die das niederländisch-deutsche Autorenteam Carel van Schaik und Kai Michel in ihrer makrohistorischen Gendergeschichte darlegen, sind rasch skizziert: Die Evolution kennt keine Intention. Nicht biologische Dispositionen laufen auf Sexismen hinaus, sondern kulturelle Rahmungen, allen voran als Herrschaftsinstrument institutionalisierte Religion.

Viele unserer Vorfahren, so die Autoren, von einigen Primaten über die Hominiden zu den Jägern und Sammlern, kannten Unterschiede („Sexualdimorphismus“), aber wenig Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern. Körperliche Unterlegenheit glich frau demnach durch exklusives Wissen oder Allianzen aus. Das änderte sich mit der neolithischen Revolution. Aufgrund der Landwirtschaft, des Anbaus von Pflanzen und des nun zu schützenden Privatbesitzes, mussten Männer häufiger anwesend sein als zuvor.

Frauen als Kriegsbeute

Die in die „patrilokalen“ Familien einheiratenden Ehefrauen verloren ihr Netzwerk. Getreide verdrängte eisenreiches Fleisch und kalziumhaltige Nüsse vom Speiseplan, was Frauen, die stärker zu Mangelerscheinungen neigen, besonders traf. Da Kinder früher abgestillt wurden, nahmen die Geburten zu. Die Nachwuchspflege, zuvor ein Gemeinschaftsunterfangen, wurde exklusiv der Mutter zugeordnet. Diese „akkumulative kulturelle Evolution“, eine langsame Verdichtung verschiedener Entwicklungen, ziehe sich über Tausende Jahre hin und biege mit dem Aufkommen immer größerer Gemeinwesen endgültig falsch ab.

Die prähistorische Siedlung Göbekli Tepe in der Türkei, deren älteste Teile aus dem zehnten Jahrtausend v. Chr. stammen und die heute Weltkulturerbe ist, soll illustrieren, was geschah: In den Ruinen eines „Prototempels“, ausgestattet mit Bildern wilder Tiere, entsteht ein „düster-bedrohliches Gemisch aus Potenz, Aggression und Tod“. Die Jagd wird überhöht, der Kontakt zu außerweltlichen Mächten zum Privileg des männlichen „inner circle“. Die weiblich geprägte Alltagsfrömmigkeit wird erst eingehegt, dann diffamiert. Als sich im Vorderen Orient Staaten bilden, setzt sich die Entwicklung fort. Erlegt werden keine Auerochsen mehr, sondern Feinde. Frauen sind Kriegsbeute. Mit der Einführung von Gesetzestexten wird der gelebte „male bias“ festgeschrieben.

Das berüchtigtste Pubertätssignal der Religionsgeschichte

Die Schlussfolgerungen sind bekannt: Wir haben eine Welt übernommen, in der Männlichkeit die unhinterfragte Norm bildet. Vordenkerinnen der „patriarchalen Matrix“, wie Simone de Beauvoir, werden dementsprechend ausgiebig gewürdigt. Gerda Lerners Geschichte von der „Entstehung des Patriarchats“ in Mesopotamien zwischen etwa 3100 und 600 v. Chr. stand Patin, wird jedoch deutlich erweitert. Pierre Bourdieu ist Gewährsmann für die These, dass Herrschaft nicht ohne das „Monopol der legitimen symbolischen Gewalt“ funktioniere.

So differenziert diese Ausführungen sind, so holzschnittartig geht es auf einmal im letzten Teil zu. Jesus Christus, der Frauenfreund, mit seiner eigentumsfreien Kommune wird erst von Paulus auf Mittelschicht gepolt, dann von Konstantin für sein brutales Großmachtstreben gekapert. Mit dem wohl berüchtigtsten Pubertätssignal der Religionsgeschichte, Augustinus’ Erektion im Bade, wird die Sexualfeindlichkeit zum „Gottesdienst“. Frauen sind Huren oder Heilige. Und dann noch der Zölibat, der Priester in Nöte stürzt. Wäre Sex nicht Sünde, würde sich die katholische Kirche „ihrer Existenzgrundlage berauben und die Quelle ihrer Kraft aufgeben“. Wurden hier für den Zuschnitt die „Dornenvögel“ konsultiert?

Ein sehr eifersüchtiger Einzelgott

Interessant ist vieles allemal, aber auch oft weitschweifig. Es entbehrt nicht der Ironie, dass sich ein Evolutionsbiologe mit der Selektion schwertut. Weniger Zitate und eine Konzentration auf die Kernaussagen hätten die Stringenz gewahrt. Der Gestus ist vollmundig, und selbst die Interpunktion vermittelt Forschheit: Mehr Ausrufezeichen waren selten. Das verdeckt regelmäßig, dass eine instruktive Geschichte der schleichenden Prozesse erzählt wird.

Deren Stränge lässt das Autorengespann in Eva zusammenlaufen. In guter vorackerbaulicher Manier pflückte diese einen Apfel, der aber leider schon Privatbesitz war. Die Bibel spiegele so die (prä-)historischen Änderungen der Lebensbedingungen: Aus Nomaden wurden Bauern, aus hypersozialen kleinen Gemeinschaften patrilineare Erbdynastien. Und aus einem Geflecht vieler Geister und Götter wurde ein sehr eifersüchtiger Einzelgott, konfiguriert nach dem Vorbild des gewalttätigen assyrischen Großkönigs.

Sinn für Fairness

Lesern des voraufgegangenen Buchs, „Das Tagebuch der Menschheit“, werden die Argumente vertraut sein. Die Autoren übernehmen teilweise ihre Lektüre der Bibel, stellen aber empirische Befunde stärker heraus. Diese „andere Geschichte der Menschheit“ soll Yuval Noah Hararis kurze – und souveränere – Darstellung derselben ergänzen, die biologische Faktoren der Geschlechterungleichheit diskutiert, aber nicht vertieft hatte.

Beide Bücher führen, mit dem Ziel einer politischen Intervention, Erkenntnisse zusammen, die sonst in den Einzeldisziplinen ihr Dasein fristen. Revolutionär ist vieles daher nicht. Dass die Voraussetzungen unseres Denkens und Handelns selbst nicht voraussetzungslos sind, dürfte mittlerweile selbst außerhalb von Diskurskritik und Wissenschaftsgeschichte Widerhall gefunden haben. An der institutionalisierten Religion als einem Problem für Frauen arbeiteten sich amerikanische Suffragetten bereits im neunzehnten Jahrhundert ab.

Allerdings geben Carel van Schaik und Kai Michel mit ihrem biologisch fundierten, aber weder determinierenden noch essentialisierenden Ansatz dem Universalismus eine echte Chance: Durch alle Kultur hindurch wirke unsere erste Natur, die durch die Evolution in die Gene eingeschriebenen Anlagen, emanzipatorisch. Alltagsreligiosität und Sinn für Fairness rebellierten gegen die Ungerechtigkeiten einer Top-down-Religion und ihrer heutigen gesellschaftlichen Ausläufer. Wem derzeit der Optimismus erlahmt, kann mit der Lektüre dieses Buchs auftanken: Was der Mensch gefügt hat, das kann der Mensch auch lösen.

Carel van Schaik und Kai Michel: „Die Wahrheit über Eva“. Die Erfindung der Ungleichheit von Frauen und Männern. Rowohlt Verlag, Hamburg 2020. 704 S., geb., 26,– €.

Quelle: F.A.Z.
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