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Buch über Bildungswortschatz

Intention ist nicht mit Intension zu verwechseln

Von Wolfgang Krischke
 - 21:47
Einige Beispiele des behandelten Bildungswortschatzes: Coverillustration des Buches von Gerhard Augst

Was bedeuten Damaskuserlebnis, Desiderat, rekurrieren, à la longue und Narrativ? Wer es weiß, ist nicht unbedingt gebildet, kann aber zumindest die Rätselfragen zum Bildungswortschatz beantworten, die Gerhard Augst in einem YouTube-Video stellt. Die Auswahl der Wörter mit ihrer lateinischen oder französischen Herkunft, ihren religiösen und kulturellen Wurzeln vermittelt einen Eindruck von dem, was der Autor, der in den neunziger Jahren als Orthographiereformer bekannt wurde, unter „Bildungssprache“ versteht.

Es ist eine Stil- und Kommunikationsform, die zwischen der Familiarität der Alltagssprache und dem Spezialistentum der Fachsprachen angesiedelt ist. Sie dient Menschen – oft mit höherem Schulabschluss – dazu, über politische, kulturelle, wissenschaftliche Themen möglichst differenziert zu sprechen und zu schreiben, ohne dass sie selbst Experten auf diesen Gebieten sind. Ihr Satzbau und ihr Wortschatz machen das aus, was man früher eine kultivierte Sprache nannte. Die Abgrenzung zu fachsprachlichen Wörtern ist nicht immer leicht, oft liegen die Unterschiede nur in der Bedeutung: So ist der „Lackmustest“ wörtlich genommen ein Fachbegriff der Chemie, in seiner weiter gefassten Bedeutung als Prüfstein aber Bestandteil der Bildungssprache.

Dreitausend Wörter sollen es sein

Zwar behandelt das Buch, das selbst in einem gut lesbaren Bildungsdeutsch geschrieben ist, auch grammatische und stilistische Aspekte der Bildungssprache, aber sein Schwerpunkt liegt auf ihren Wörtern. Deren Zahl beziffert Augst auf etwa dreitausend. Das ist ein winziger Bruchteil des Gesamtwortschatzes, der – ohne allzu spezialisierte Fachausdrücke – über vierhunderttausend Wörter umfasst. Ein Bereich, in dem Bildungswörter sich häufen, sind die sogenannten Qualitätsmedien. Ein zahlenmäßiger Vergleich, den Augst zwischen „Spiegel“, „Zeit“ und der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (F.A.S.) zieht, weist der „Zeit“ den größten Ausstoß an Bildungswörtern zu; es folgen F.A.S. und „Spiegel“.

Augst unterscheidet einen klassischen von einem modernen Bildungswortschatz: Die klassische Abteilung speist sich vor allem aus der antiken Überlieferung, der Bibel, der Philosophie und der Literatur. Hier verkündet man ein „Credo“, stellt die „Gretchenfrage“, empfängt die „Hiobsbotschaft“ und ruft „Sapere aude!“. Wesentlich für die Tradierung dieses Wortschatzes waren früher das humanistische Gymnasium und die christliche Unterweisung. Beider Bedeutung ist längst geschwunden, und dementsprechend matt ist der Glanz dieses Vokabulars geworden. Etliche seiner Ausdrücke sind veraltet, andere werden zwar noch häufig benutzt, aber der Umgang mit ihnen wird unsicher, weil man ihre Bedeutung nur noch vage kennt.

Hakende Definitionen

Augsts Buch ist ebenso sehr Beschreibung wie Symptom dieses schleichenden Verlusts. Immer weiter in den Vordergrund schiebt sich demgegenüber der moderne Bildungswortschatz, dessen Quellen vor allem die Technik und die Naturwissenschaften, aber auch die Geistes- und Sozialwissenschaften sind. Hierher gehören Ausdrücke wie Simulation, Essential oder Diversity, Schwarmintelligenz, Placebo-Effekt oder Kollateralschaden. Griechisch und Latein, die wichtigsten Wurzeln des klassischen Bildungswortschatzes, sind auch hier präsent, allerdings oft in anglisierter Form.

Nicht immer leuchtet die Trennlinie ein, die Augst zwischen klassischem und modernem Bildungswortschatz zieht: Warum werden „Schierlingsbecher“ und „Scherbengericht“ unter den modernen Bildungswörtern abgehandelt, obwohl beide auf die Antike verweisen und seit Jahrhunderten zum deutschen Wortschatz gehören? Verbesserungswürdig sind auch einzelne Definitionen: So bedeutet „kontrafaktisch“ nicht „entgegengesetzt“, sondern „entgegen der Wirklichkeit“. Beim „Momentum“ fehlt die Bedeutung „Schwung“ neben dem „passenden Augenblick“; bei „idiosynkratisch“ beschränkt sich Augst auf die Angabe „von starker Abneigung geprägt“ und verzichtet auf die bildungssprachlich wichtigere Bedeutung „einem Individuum eigentümlich“. Doch das sind – bildungssprachlich gesagt – Monita, die den Gesamtwert des Buches nicht schmälern.

Vor Verwechslungen wird gewarnt

Diesen Wert macht auch aus, dass Augst seinen selbstgestellten Bildungsauftrag gegenüber der Leserschaft ernst nimmt. Er lässt sich durch das Gespreizte mancher Ausdrücke, ihre Eignung fürs Imponiergehabe, nicht dazu verleiten, die Sprache des Bildungsbürgertums zu karikieren, um sich so beim Publikum anzubiedern. Stattdessen verdeutlicht er die reichhaltigen Ausdrucksmöglichkeiten dieses Wortschatzes und gibt ratsuchenden Lesern Hilfestellung. Dazu dient vor allem ein Verzeichnis von Wörtern und Redewendungen, das die Hälfte des Buches ausmacht. Augst liefert hier nicht nur Bedeutungserklärungen, sondern warnt auch vor Fallstricken wie der Verwechslung des „Ténors“ mit dem „Tenór“ oder der „Intention“ mit der „Intension“. Schade, dass er nicht auch auf den Unterschied zwischen „Rezension“ und „Rezession“ hinweist, der selbst auf dem Campus nicht immer bekannt ist. Hinzu kommen Listen mit typischen Vor- und Nachsilben (dis-, infra-, -abel, -ifizieren) sowie Beschreibungen der Wortbildungsmuster und Wortfamilien, die die Systematik dieses Vokabulars deutlich machen.

Das Buch ist auch deshalb verdienstvoll, weil die Bildungssprache in der öffentlichen Kommunikation zunehmend in eine Randlage gerät, während ihr Gegenteil – die Umgangssprachlichkeit bis hin zur Vulgarität – in vielen Fernsehsendungen und den sozialen Netzwerken zur Normalität geworden ist. Welche Entwicklung hier stattgefunden hat, wird deutlich, wenn man sich einmal die begriffsscharfen, nebensatzfreudigen Formulierungen politischer Fernsehdiskussionen der sechziger und frühen siebziger Jahre anschaut.

Zugleich gerät die Bildungssprache noch von anderer Seite unter Druck: Verfechter der Leichten Sprache – die zweifellos ihre Verdienste hat – stellen das, was nicht ihren Einfachheitskriterien entspricht, gern als „schwere“ Sprache unter den Generalverdacht sozialer Ausgrenzung. Es ist nicht zuletzt dieser Zeitgeist, der Augst veranlasst hat, sein Buch mit einem mahnenden Hinweis auf die Gefahren der gesellschaftlichen Diskriminierung durch den Bildungswortschatz enden zu lassen. Er zitiert dafür Elisabeth Wehling, einem größeren Publikum bekannt durch ihren „Framing“ genannten Propagandaleitfaden für die ARD. Die „Power-Holder in unserer Gesellschaft“, so Wehling, würden die „Nicht-Bildungsbürger durch intellektuellen und sozialen Elitismus“ ausgrenzen. Das ist ein schönes Beispiel für den bildungssprachlichen „Elitismus“ einer antielitär auftretenden Bildungssprachkritik. Oder, um es leicht abgewandelt mit F. W. Bernstein zu sagen: Die schärfsten Kritiker der Elche sind meistens selber welche. Der Spruch gehört, obwohl bei Augst nicht verzeichnet, unbedingt zum Bildungswortschatz. .

Gerhard Augst: „Der Bildungswortschatz“. Darstellung und Wörterverzeichnis. Georg Olms Verlag, Hildesheim/Zürich/New York 2019. 220 S., br., 19,80 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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