Moralismus

Der Terror der guten Gesinnung ist schnell angeprangert

Von Gerd Schrader
04.03.2021
, 22:59
Wo Prinzipien für Auseinandersetzungen sorgen: Ein Sammelband versucht sich an der Klärung der Frage, wie weit der Vorwurf des Moralismus trägt.

Moral, so ist in den letzten Jahren in Publikationen vor allem von Philosophen und Soziologen zu lesen, die im politischen Spektrum eher als konservativ gelten, sei die neue Religion. In einer Gesellschaft, die sich selbst als aufgeklärt und vorurteilsfrei verstehe, triumphiere die vermeintlich gute Gesinnung über die Urteilskraft, nämlich die Fähigkeit, komplexe Probleme nüchtern zu diskutieren und zu lösen, ohne Andersdenkende als unwissend, egoistisch oder böswillig zu disqualifizieren. Moral verkomme zur Feier der eigenen Vortrefflichkeit. Den so Gescholtenen wird vorgehalten, sie argumentierten moralistisch. Ein Vorwurf, der gerne wenig verändert zurückgegeben wird. Die Fragen liegen da auf der Hand: Was unterscheidet Moralismus von berechtigter moralischer Kritik? Gibt es verschiedene Formen moralistischer Rhetorik? Neigen bestimmte Richtungen der Moralphilosophie zu Moralismus?

Nun ist ein Band mit Aufsätzen erschienen, die diese Fragen aus philosophischer, politischer und psychologischer Perspektive zu beantworten suchen. Behandelt werden auch aktuelle Aspekte der Moralismus-Debatte in Medien und Publizistik, zu Veganismus, der Höhe von Managementgehältern, zu Migration und Flüchtlingen, zu Online-Medien.

Mangelhafte Aufgeschlossenheit für die Nöte anderer

Das Wort „Moralist“ ist vieldeutig, wird nicht nur in politischen Auseinandersetzungen selten wertneutral und fast immer abwertend verwendet, anders als lange Zeit im Englischen und Französischen. Ein Moralist ist im Deutschen, wer andere mit erhobenem Zeigefinger belehrt, was geboten und vor allem verboten sei. Auch Fanatismus, Hysterie, Prinzipienreiterei, Tugendterror sind beliebte Vorwürfe. Aber nicht nur die Form der Kritik wird moniert: Ein Moralist klage dort Moral ein, wo es besser wäre, sich eines moralischen Urteils zu enthalten, da ansonsten die Freiheit der individuellen Entscheidung bedroht sei. So seien Ernährung und Fleischkonsum moralisch neutral – eine zumindest fragwürdige Behauptung, der nicht nur überzeugte Vegetarier oder Veganer angesichts der Massentierhaltung widersprechen werden.

Wenn aber nur noch darüber gestritten wird, ob überhaupt ein moralisches Problem vorliegt, wird, wie Oliver Hallich in seinem „Explikationsvorschlag“ zeigt, der ohnehin schillernde Moralismusbegriff unscharf. „Es gibt dann nur noch berechtigte oder unberechtigte moralische Kritik, und jede Auseinandersetzung über Moralismus kann von vorneherein als eine inhaltliche Auseinandersetzung über die Berechtigung oder Begründbarkeit moralischer Urteile geführt werden. Das Problem des Moralismus verschwindet.“ Doch bei dieser ebenso simplen wie eleganten Lösung eines vermeintlichen Scheinproblems wird, so Hallich, übersehen, dass gemeinhin nicht abwegige oder exzentrische Meinungen als moralistisch bezeichnet werden, sondern die Art und Weise, wie diese Überzeugungen vorgetragen werden. Nicht das Urteil selbst sei falsch, moralistisch sei die Begründung, wenn etwa soziale Konventionen zu moralischen Pflichten erhoben würden, denen jeder zu gehorchen habe.

Für Hallich ist Moralismus vor allem ein kognitiver Fehler, andere Autoren diagnostizieren eher mangelhafte Aufgeschlossenheit für die Nöte anderer. Moralisten neigten zu Überheblichkeit und stellten die Fehlbarkeit ihrer Urteile nicht oder zu wenig in Frage. Durch Exzesse moralischen Tadels provozierten sie zudem Abwehr und Ressentiments, so dass die Durchsetzung legitimer Ziele eher behindert werde. Allerdings könne Scham auch die Bereitschaft erhöhen, eingeschliffene Verhaltensweisen – wie es etwa Essgewohnheiten sind – zu verändern. Wer anderen Moralismus vorwirft, gesteht ihnen anders als Rassisten, Antisemiten oder Sexisten oft guten Willen und ehrbare Prinzipien zu. Verdächtigt werden sie eher, böse Folgen ihrer guten Absichten nicht zu bedenken.

Nur die eigene moralische Vollkommenheit anstreben

Der Begriff „Moralismus“ hat eine weit zurückreichende Tradition, auch in der Philosophiegeschichte. Als besonders schwerer Fall rigider Lebensfeindlichkeit, die das Glücksstreben von Menschen moralischen Pflichten opfere, gilt manchen die Philosophie Kants. Nietzsche empörte sich, der Kategorische Imperativ rieche nach Grausamkeit, sein Urheber sei von der „Moral-Tarantel Rousseau“ gestochen worden. Die Rigorosität, mit der Kant auf der Einhaltung bestimmter Pflichten wie etwa des Lügenverbots auch im Angesicht eines Mordwilligen bestand, scheint diesen Vorwurf zu bestätigen. Der unbedingte Vorrang der Moral vor anderen Erwägungen, etwa zu den möglichen Folgen einer Handlung, ist jedoch, so Maike Albertzart in ihrem Beitrag „Kant und das ,phantastisch Tugendhafte‘ in Zeiten globaler Probleme“ darlegt, zu unterscheiden von der Frage, wie zu reagieren sei, wenn wir Zeugen von Handlungen werden, die wir für unmoralisch halten. Sind wir berechtigt oder gar verpflichtet einzuschreiten?

Es mag verwundern, dass der so häufig des Moralismus gescholtene Philosoph in der „Metaphysik der Sitten“ beklagte, dass Moral zur Tyrannei verkommen könne. Hochmut, üble Nachrede und Spottsucht seien Laster, welche die Achtung, auf der der Antrieb zum sittlich Guten beruhe, schwächten. Nur die eigene moralische Vollkommenheit anzustreben sei Pflicht, gegenüber anderen seien Nachsicht und Wohlwollen geboten.

Während Kant zwar grausame Behandlung von Tieren beklagte, Fragen der Ernährung aber diätetisch unter dem Gesichtspunkt der Gesundheit und Bekömmlichkeit behandelte, kommt es heutzutage in Medien und sozialen Netzwerken zu oftmals erregten Debatten, was konsumiert werden dürfe, und ob es moralisch vertretbar sei, Fleisch zu essen. Auch der Kauf von Kleidung, die in Ländern der Dritten Welt unter miserablen Arbeitsbedingungen hergestellt wurde, Flugreisen und zu häufige Fahrten mit dem Auto kommen ins Visier. Der Übergang von Argumenten zu Polemik und Diffamierung ist da oft schnell gemacht. Den Autoren des Sammelbands gelingt es, die Grenzen zwischen moralischem Engagement und Herabwürdigung, berechtigter Empörung und Selbstgerechtigkeit genauer zu bestimmen.

Quelle: F.A.Z.
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