Rezension „Die Rattenlinie“

Wie ein österreichischer SS-Mann nach dem Krieg in Rom landete

Von René Schlott
29.01.2021
, 06:00
Mit bischöflicher Hilfe: Philippe Sands beschreibt in seinem Buch „Die Rattenlinie“ das Untertauchen und die Flucht eines österreichischen SS-Manns nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Die lesenswerten Recherchen geben einen Einblick in eine siebenjährige Spurensuche.

Wer das neue Buch von Philippe Sands zur Hand nimmt, dem fallen zwei kolorierte Fotografien auf dem Umschlag auf. Die eine, etwas grobkörnig, zeigt ein Paar mittleren Alters inmitten einer idyllischen Berglandschaft. Sie scheinen sich nach einer Wanderung auf einer Wiese niedergelassen zu haben. Das andere, auf dem Buchrücken, zeigt ein Familienporträt, Eltern mit zwei kleinen Kindern. Der Mann trägt eine Uniform und schwarze Lederstiefel, die Frau ein elegantes Cape und einen modischen Hut. Auf beiden Fotografien ist dasselbe Paar abgebildet: der SS-Funktionär Otto Wächter (1901–1949) mit seiner Frau Charlotte. Die Aufnahmen, im Abstand von nur vier Jahren entstanden, zeigen Wächter einmal als SS-Gruppenführer mit zwei seiner sechs Kinder, auf der anderen ist er ein gesuchter Kriegsverbrecher auf der Flucht, der sich in der Bergwelt der Hohen Tauern versteckt hält.

Das Familienporträt von 1944 vereint die drei Hauptpersonen von Sands’ Buch: Wächter selbst, seine Frau Charlotte (1908–1985) und ihren 1939 geborenen Sohn Horst Arthur. Letzteren hatte Sands bei den Recherchen für sein 2018 auf Deutsch erschienenes Buch „Rückkehr nach Lemberg“ kennengelernt. Die Begegnung mit Horst Wächter inspirierte Sands zu seinem neuen Buch, das sich wie eine Fortsetzung des ersten liest und ihm mit der Verknüpfung von lebendiger Erzählweise und historischer Methode gleicht.

Die Stadt Lemberg, heute Lwiw in der Ukraine, gehörte unter der deutschen Besatzung von 1941 bis 1944 zum Distrikt Galizien. Im Januar 1942 wurde der österreichische Nationalsozialist Otto Wächter, einer der führenden Köpfe des Wiener Juliputsches 1934 und seit November 1939 Gouverneur des Distrikts Krakau, zum Gouverneur des Distrikts Galizien ernannt. In die Amtszeiten Wächters fallen die Verfolgung, Gettoisierung, Deportation und Vernichtung der einheimischen jüdischen Bevölkerung und zahlreiche andere Verbrechen. Schon im Oktober 1942 berichtete die „New York Times“ unter der Überschrift „Polen klagt an“, dass die polnische Exilregierung Wächter als einen von zehn Hauptverantwortlichen für den Tod von 400.000 Menschen in Polen identifiziert habe.

Rekonstruktion von Wächters Fluchtgeschichte

Sein Sohn Horst will die Schuld des Vaters bis heute nicht anerkennen, machte Sands aber dessen Nachlass und den seiner Mutter Charlotte zugänglich. Auf der Grundlage zahlreicher Briefe, Tagebücher, Fotografien und anderer Unterlagen aus diesen Konvoluten rekonstruiert Sands die Lebens-, vor allem aber die abenteuerliche Fluchtgeschichte von Wächter, dem es gelang, sich der Strafverfolgung nach 1945 zu entziehen.

Unmittelbar nach Kriegsende hatte sich Wächter drei Jahre lang zusammen mit einem anderen SS-Mann in den österreichischen Bergen in ständig wechselnden Quartieren zwischen Salzburg und Zell am See versteckt gehalten. In dieser Zeit traf er sich immer wieder mit seiner Frau, die ihn mit Lebensmitteln und Wäsche versorgte.

Nachdem er vermutlich über ehemalige Kameraden auf die Unterstützung des Vatikans bei der Flucht nach Südamerika aufmerksam gemacht worden war, verließ er die Berge und schlug sich auf der berühmt-berüchtigten „Reichsfluchtstrecke“ von Südtirol bis in die italienische Hauptstadt durch. Auf der sogenannten „Rattenlinie“ war schon anderen Kriegsverbrechern wie Adolf Eichmann, Josef Mengele und Klaus Barbie mit der Hilfe hoher Würdenträger der katholischen Kirche die Flucht aus Europa gelungen.

Unter dem Auge des US-Geheimdienstes in Rom

In Rom, wo Wächter Ende April 1949 mit der Bahn ankam, lebte er versteckt in einem Kloster, um auf eine Möglichkeit zur Weiterreise nach Argentinien zu warten. In der Ewigen Stadt traf er auf ein ganzes Netzwerk von Helferinnen und Helfern. Die zahlreichen Begegnungen während des Rom-Aufenthaltes lassen sich aus einem akribisch geführten Kalender und Adressbuch sowie aus dem Briefwechsel mit seiner Frau Charlotte rekonstruieren.

Danach traf er bereits einen Tag nach seiner Ankunft in der Stadt mit Bischof Alois Hudal, dem Rektor des deutschen Priesterkollegs Santa Maria dell’Anima, zusammen, der zuvor schon gesuchten Nationalsozialisten Zuflucht geboten hatte (F.A.Z. vom 3. Januar 2020). Wächter wusste jedoch nichts von Hudals „Doppelrolle“ als Informant des amerikanischen Militärgeheimdienstes CIC, so dass die Amerikaner früh vom Aufenthaltsort des Kriegsverbrechers wussten, ohne ihn festnehmen zu lassen. Er starb als „Alfredo Reinhardt“ im Juli 1949 im Hospital Santa Spirito in Rom in den Armen von Bischof Hudal. Aufgrund seines plötzlichen Todes im Alter von nur 48 Jahren wurde lange vermutet, er sei vergiftet worden, was Sands jedoch entkräften kann.

Sohn glaubt weiter an Wächters Unschuld

Sein Buch ist nicht nur in dieser Hinsicht eine enorme Rechercheleistung, die den Autor von Österreich und Italien bis nach Albuquerque in New Mexico geführt hat. Sands ist die Orte von Wächters Fluchtroute selbst abgereist, um sich ein Bild zu machen, und er hat Zeitzeugen in aller Welt aufgesucht, um aus vielen kleinen Puzzleteilen schließlich ein Bild zu formen. So liest sich seine Darstellung an vielen Stellen wie eine Reportage von Reisen und persönlichen Begegnungen, und es gelingt ihm, seine aus zahlreichen Archiven zusammengetragenen Quellen zum Sprechen zu bringen.

Was dieses Geschichtsbuch zu einem besonderen macht: Der Autor lässt die Leser an seiner siebenjährigen Spurensuche teilhaben, bei der sich aus immer mehr Dokumenten und Gesprächen neue Erkenntnisse, Fragen, aber auch Gewissheiten ergaben. Otto Wächter starb an Leptospirose, einer bakteriellen Infektion, die er sich wahrscheinlich beim Schwimmen im verschmutzten Wasser des Tibers zugezogen hatte. Wächters Sohn Horst aber glaubt weiter an eine Vergiftung und auch an die Unschuld seines Vaters. Selbst als Sands ihm Fotografien vorlegt, die er nach langer Suche in einem Warschauer Archiv fand und die belegen, dass Otto Wächter im Dezember 1939 an einer Exekution von fünfzig polnischen Zivilisten in der Nähe von Krakau teilgenommen hatte.

Philippe Sands: „Die Rattenlinie“. Ein Nazi auf der Flucht. Aus dem Englischen von Thomas Bertram. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2020. 524 S., geb., 25,– €.

Quelle: F.A.Z.
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