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„The Kingdom of Characters“

Chinas Wege der Schriftrevolution

Von Sabine Dabringhaus
28.09.2022
, 20:53
Elektromechanischer Zwischenschritt: eine Schreibmaschine mit chinesischen Schriftzeichen Bild: Ullstein
Alte Zeichen, neue Technik: Jing Tsu verbindet Technologie- und Mediengeschichte, Linguistik und biographische Skizzen zu einer Darstellung der Entwicklung des Chinesischen seit dem neunzehnten Jahrhundert.

Wenn die chinesische Schrift nicht verschwindet, wird China untergehen!“ warnte 1936 Lu Xun (1881–1936), einer der bekanntesten chinesischen Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts. Staat und Gesellschaft Chinas befanden sich seit den Opiumkriegen der 1840er- bis 1860er-Jahre in einer existenziellen Krise. Auch für die jahrtausendealte chinesische Zeichenschrift stellten neue, von westlichen Erfindungen wie Telegraf und Schreibmaschine geprägte Kommunikationsformen eine beispiellose Herausforderung dar. Anders als in der Türkei, wo 1928 die traditionelle persisch-arabische Schrift durch ein lateinisches Alphabet abgelöst wurde, setzten sich in China die Verteidiger der klassischen Zeichenschrift durch. Dieser Konservatismus hatte revolutionäre Konsequenzen.

Jing Tsu, Professorin für chinesische Sprache und Literatur an der Yale University, verbindet Technologie- und Mediengeschichte, Linguistik und biographische Skizzen von Sprachreformern zu einem Gesamtbild der Entwicklung des Chinesischen seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Sie beginnt ihre Erzählung mit Wang Zhao, einem Beamten der Qing-Dynastie, der 1898 als Unterstützer der gescheiterten Bewegung zur Einführung einer konstitutionellen Monarchie ins Exil fliehen musste. Er sah Chinas Rettung aus der Krise in einem modernen Bildungssystem für die breite Bevölkerung und wählte den nordchinesischen Dialekt („Mandarin“) als Grundlage für das Erlernen der chi­nesischen Schriftzeichen mithilfe von phonetischen Symbolen. In der 1912 gegründeten Republik wurde Man­darin dann zur nationalen Hochsprache erklärt.

Schwierigkeiten, Rückschläge und Niederlagen

Bei ihrem Durchgang durch die Etappen der Schriftrevolution zeigt Jing Tsu immer wieder Verbindungen zum wechselhaften Schicksal Chinas im zwanzigsten Jahrhundert, das von militärischer Gewalt, Hungerkrisen, Verfolgung und Flucht geprägt war. Eine kontinuierliche Erfolgsgeschichte inmitten all dieser Turbulenz war die Verknüpfung der Zeichenschrift mit modernen Kommunikationsweisen. Der Erfolg der Schriftrevolution lasst sich auf zwei effektive Strategien zurückführen: zum einen die Anpassung neuer Technologien an die besonderen Erfordernisse des Chinesischen, zum anderen die Vereinfachung des Schriftbildes, ergänzt durch alphabetische Umschriften, die – wie schon bei Wang Zhao – als Lern- und Aussprachehilfen gedacht waren.

Jing Tsu: „Kingdom of Characters“. The Language Revolution that Made China Modern. Bild: Riverhead Books

Bereits in den Zwanzigerjahren wurden vermehrt Kurzzeichen eingeführt, von denen einige bereits vor dem dritten Jahrhundert entstanden waren. Die kommunistische Regierung unter Mao Tse-tung legte sie in den Fünfzigerjahren dann als Standardschrift fest. Mao sah in den Kurzzeichen ein Symbol nationaler Selbstbestimmung und ein Instrument zur Alphabetisierung und Indoktrinierung der Volksmassen. Sie galten auf dem Festland als kultureller Triumph über die im Bürgerkrieg unterlegenen Nationalisten Tschiang Kai-scheks, die auf Taiwan an den traditionellen Langzeichen festhielten. Die Verwendung von Kurz- oder Langzeichen ist bis heute ebenso ein Politikum wie die seit 1957 in der Volksrepublik verwendete Umschrift Pinyin. Sie löste das im neunzehnten Jahrhundert von gelehrten britischen Diplomaten entwickelte „Wade-Giles“- Transkriptionssystem ab.

Sehr viel schwieriger war die Anpassung der chinesischen Zeichenschrift an neuartige technische Hardware. Wie ließ sich eine Sprache mit Tausenden von Zeichen auf einer Schreibmaschine, einem Telegraphen oder einem Computer wiedergeben? Während manche der technischen Erläuterungen der Autorin für Laien nicht immer leicht zu verstehen sind, schildert sie die Lebensläufe von Erfinderpersönlichkeiten mit an­schaulicher Prägnanz. Sie betont dabei die erfolgreiche Kooperation von Wissenschaftlern und Tüftlern in China mit ihren Kollegen in den Vereinigten Staaten. So entwarfen der Luftfahrtexperte Zhou Houkun in Boston und der Ingenieur Qi Xuan in New York zwar den ersten Prototypen einer chinesischen Schreibmaschine, doch war es Shu Zhendong, ein Techniker beim Schanghaier Verlag Commercial Press, dem 1922 der Schritt zur Massenproduktion von Schreibmaschinen in China gelang. Sein Erfolg bestätigte, dass China begonnen hatte, im mechanischen Zeitalter sein technologisches Schicksal in die Hand zu nehmen.

Am Beispiel der drei wichtigsten Akteure des Entwicklungssprungs ins Computerzeitalter und in die Digitalisierung zeigt Jing Tsu, mit welcher Energie Chinas Erfinder nach Wegen zur modernen Sprach- und Schreibtechnologie suchten. Sie ließen sich dabei nicht vom politischen und sozialen Chaos in ihrem Umfeld abschrecken. So entwarf der 1946 in Leipzig promovierte Elektroingenieur Zhi Bingyi, der während der Kulturrevolution als „reaktionärer Akademiker“ verhaftet wurde, im Gefängnis das künftig für die Computertechnologie maßgebende chinesische Codierungssystem. Unter ganz anderen Umständen konnte der Pekinger Informatiker Wang Xuan von der Öffnung Chinas gegenüber Amerika zu Beginn der Siebzigerjahre profitieren und bei seiner Erfindung einer Computer-Lasersatztechnik eng mit dem Elektroingenieur Francis F. Lee in Boston zusammenarbeiten. Jing Tsu verschweigt freilich nicht, dass die allgemeine Erfolgsgeschichte von vielen Schwierigkeiten, Rückschlägen und Niederlagen begleitet war.

Zwiespältig fällt in ihrer lesenswerten Darstellung auch die Bewertung der heutigen Folgen der Schriftrevolution aus: Schuf sie einerseits die Voraussetzung für die weltweit größte Datengemeinschaft mit über neunhundert Millionen Nutzern in China, so unterwirft das autoritäre Regime in Peking die moderne Kommunikationstechnologie zugleich einer strikten Internetzensur und schränkt durch die Errichtung einer „digitalen Großen Mauer“, die sich willkürlich öffnen und schließen lässt, den Informationsfluss nach und aus China erheblich ein.

Jing Tsu: „Kingdom of Characters“. The Language Revolution that Made China Modern. Riverhead Books, New York 2022. 336 S., geb., 24,– €.

Quelle: F.A.Z.
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