Zweite Frauenbewegung

Die Sache mit dem Patriarchat war nur so eine Idee

Von Magnus Klaue
24.07.2021
, 22:06
Gründungsdirektorin des ersten Studiengangs für Gender Studies in Deutschland: Christina von Braun
Privilegien und Geschlechterhierarchien: Christina von Braun denkt über die Rolle der Frau von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart nach.

Dass Geisteswissenschaftler Autobiographien schreiben, ist ungewöhnlich. Zum Ethos des Gelehrten passen keine redseligen Selbstauskünfte. Womöglich ist die Popularität, die das autobiographische Genre in jüngerer Zeit bei Akademikern erlangt hat, ein Symptom für den Zerfall dieses Ethos. Doch hat die autobiographische Mode lesenswerte Bücher hervorgebracht, etwa Karl Heinz Bohrers „Granatsplitter“ (2012) und „Jetzt“ (2017) oder Helmut Lethens im vergangenen Jahr veröffentlichte Rückschau „Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug“.

Christina von Braun, Gründungsdirektorin des ersten Studiengangs für Gender Studies in Deutschland an der Humboldt-Universität, knüpft mit ihrem Buch „Geschlecht“ an solche Versuche der Verschränkung von Subjekt- und Sozialgeschichte an. Schon 2007 hat sie mit „Stille Post“ eine Studie über die unbekannten Frauen in ihrer von prominenten Männern bestimmten Familie vorgelegt.

Von heutigen Anschauungen überformt

Christina von Braun ist die Nichte des Raketenforschers Wernher von Braun, der im Dritten Reich Direktor der Heeresversuchsanstalt Peenemünde war; ihre Großmutter Hildegard Margis gehörte zur Widerstandsgruppe um den Kommunisten Anton Saefkow. „Stille Post“, der Versuch der Sichtbarmachung einer von der Familientradition verdrängten Frauengeschichte, erschien im selben Jahr wie ihre mit Bettina Mathes verfasste Studie „Verschleierte Wirklichkeit“. Wenn auch an jeweils historisch anderen Gegenständen, ähnelt sich das Verhältnis, das zwischen Geschlecht und Geschichte in beiden Büchern hergestellt wird: Der Wunsch nach männlicher Beherrschung der Frau wird als kulturunabhängiges Bewegungsgesetz von Zivilisation vorgestellt, womit Unterscheidungen zwischen Vermittlungsformen patriarchaler Herrschaft ebenso unmöglich werden wie solche zwischen dem jeweiligen Zivilisationsstand in den westlichen und islamischen Gesellschaften.

Christina von Braun: „Geschlecht“. Eine persönliche und eine politische Geschichte.
Christina von Braun: „Geschlecht“. Eine persönliche und eine politische Geschichte. Bild: Ullstein Verlag

Die Erwartung, dass „Geschlecht“ diesen Kulturrelativismus abermals variiert, wird glücklicherweise enttäuscht. Trotzdem ist der Blick auf die Zweite Frauenbewegung, die Christina von Braun miterlebt hat, ohne wirklich Teil von ihr gewesen zu sein, stark von ihren heutigen Anschauungen überformt. Ihrem Buch stellt sie eine Einleitung mit dem Titel „Das mit dem Patriarchat war nur mal so ’ne Idee“ voran, in der sie unter Berufung auf die Autorin Annie Ernaux, die sich „Ethnographin ihrer selbst“ nannte, und auf den Anthropologen Karl Polanyi ihr Vorhaben als Genealogie des Selbst umreißt.

Viele Konflikte werden wegerklärt

Der Gestus, mit dem hier die durch Entzweiungen (zwischen den Zeitschriften Emma und Courage, zwischen Courage und der als elitär verfemten Schwarzen Botin) geprägte Zweite Frauenbewegung einem „Wir“ subsumiert wird, hat einen Beigeschmack von Anmaßung. Es hatten keineswegs alle damaligen Feministinnen gelernt, „zwischen biologischem Geschlecht (sex) und sozialem, kulturellem Geschlecht (gender) zu differenzieren“. Durchgesetzt hat sich diese Unterscheidung erst, seit Judith Butler sie 1990 in ihrem Buch „Gender Trouble“ aufgriff, um sie zurückzuweisen, weil das biologische Geschlecht ebenfalls kulturell konstruiert sei.

Selbstwidersprüche in der Zweiten Frauenbewegung kommen in „Geschlecht“ so gut wie gar nicht vor. Die Schwarze Botin bleibt ungewürdigt, und selbst Alice Schwarzer, die der genderpolitischen Renovierung des Feminismus immer kritisch gegenüberstand und den Islam anders beurteilt als Christina von Braun, findet nur als frankophile Muse Erwähnung, die mit ihrer „Durchsetzungsfähigkeit und Schlagfertigkeit“ den Kampf für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs in die Bundesrepublik gebracht, jedoch einen anderen „Zugriff auf die feministische Frage“ gehabt habe als die künftige Genderforscherin.

Fragen wie die, was die Autorin von anderen Protagonistinnen der Frauenbewegung trennte, wie sich Lebensalltag und Feminismus zueinander verhielten – all das bleibt seltsam blass. Konflikte zwischen marxistischen und bürgerlichen, akademischen und proletarischen Frauengruppen werden mit Allgemeinplätzen wegerklärt, wenn es heißt: „Zwischen den unterschiedlichen Flügeln der Frauenbewegung kam es zu beträchtlichen Konflikten. Offenbar muss jede neue Bewegung erst einmal interne Abgrenzungskämpfe durchlaufen, bevor sie mit der eigenen Vielfalt umgehen kann.“ Die Kluft zwischen der Frauenbewegung und der Homosexuellenbewegung, welche die Achtzigerjahre prägte, wird mit dem Satz abgetan: „Seitdem Homosexualität als Teil der sexuellen Vielfalt begriffen und gesellschaftlich akzeptiert wird ..., haben viele dieser Konflikte an Brisanz eingebüßt.“

Das alles erweckt den Eindruck, dass Christina von Braun mit der Frauenbewegung, obwohl sie zur Vorgeschichte der Gender Studies gehört und deren Gegenstand ist, nur wenig verbindet. Die Gleichzeitigkeit der Erfahrung von Privilegien (die Eltern ermöglichten ihr Auslandsreisen und Internatsaufenthalte) und von Geschlechterhierarchien in der Familie könnte ein Grund für die Gleichzeitigkeit der Begeisterung für die Frauenbewegung und einer gewissen sozialen Blindheit ihr gegenüber sein.

Christina von Braun: „Geschlecht“. Eine persönliche und eine politische Geschichte. Ullstein Verlag, Berlin 2021. 368 S., geb., 24,– €.

Quelle: F.A.Z.
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