<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
„Der Fall Arnolfini“

Reich mir die Hand fürs Jenseits

Von Rose-Maria Gropp
 - 22:49

Jean-Philippe Postel stellt seinem Buch als Motto einen Satz des französischen Pathologen und Neurologen Jean-Martin Charcot voran, Direktor des Hopital de la Salpétrière in Paris, dessen Versuche, mittels Hypnose auf die Spur der Hysterie zu kommen, Sigmund Freud maßgeblich zu seinen Beobachtungen anfeuerten: „Hinsehen und noch einmal hinsehen und immer wieder hinsehen, und so gelingt es uns, zu sehen.“ Der Autor nimmt sich gemäß diesem Motto Jan van Eycks unerhörtes Gemälde von 1434 vor, das gemeinhin die „Arnolfini-Hochzeit“ heißt.

Das Bild ist bis heute ein Rätsel, auf den ersten Blick scheint es den Akt eines Heiratsversprechens darzustellen. Doch selbst das kann nicht als gewiss gelten. Sicher ist, dass sich die Hände zweier vermögender Personen treffen in einem intimen Gemach, das ebenfalls Reichtum verrät. Einigkeit herrscht auch darüber, dass sich in der Kunst van Eycks akribisch realistische Details mit hoher symbolischer Aufladung des christlichen Glaubens verbinden.

Doch wer nur einmal im Saal 56 der National Gallery in London vor dem grade einmal achtzig mal sechzig Zentimeter großen Gemälde stand, weiß intuitiv, dass er einem Geheimnis gegenübergetreten ist. Was machen die zwei merkwürdigen Gestalten da überhaupt? Ist die junge Frau schwanger, oder bedeutet die Wölbung ihres Leibs, was in der Zeit nicht ungewöhnlich war, jungfräuliche Fruchtbarkeit? Warum stehen der bleiche Mann und die kostbar gewandete Frau in der privaten Kammer beisammen, ohne sich mit Blicken zu begegnen?

Er reicht die linke Hand

Tatsächlich ruhen die Augen der Frau auf der wie zum Schwur erhobenen rechten Hand des Mannes. Und wieso reicht dieser ihr seine linke Hand, berührt sie aber kaum? Als handle es sich um eine morganatische Verbindung, eben „zur linken Hand“, in der die Frau die vom sozialen Stand her unterlegene ist? Wenn doch davon ausgegangen wird, dass es sich bei den Dargestellten um den schwerreichen italienischen Kaufmann Giovanni di Nicolao Arnolfini und seine ebenfalls reiche Gattin Costanza Trenta handelt. Die allerdings bereits 1433, also ein Jahr zuvor, gestorben war.

Jean-Philippe Postel, Arzt im Ruhestand, kennt die zahlreichen kontroversen Wendungen der Forschungsliteratur, angefangen bei Erwin Panofskys Deutung von 1953, und er lässt sie in seine Überlegungen einfließen. Aber er gräbt sich ein paar neue Wege, indem er seine Erkenntnisse nicht nur aus kunsthistorischen Quellen schöpft, sondern auch aus anderen Zeugnissen. Sie unterfüttert er mit einer guten Portion deutender Phantasie, auch der glückliche Zufall spielt ihm in die Hände. Seine feingliedrige Argumentationskette kann hier nicht nachgezeichnet werden – das würde auch ein intelligentes Spiel verderben –, aber einige ihrer Eckpunkte seien doch genannt.

Es beginnt damit, dass Postel auf den ursprünglichen Titel des Bildes rekurriert, nämlich „Hernoult le Fin mit seiner Frau in einem Schlafgemache“. So steht es Anfang des sechzehnten Jahrhunderts im Inventar der Gemälde Margaretes von Österreich, der das Werk damals gehörte. Sie ließ übrigens, aus bisher ungeklärten Gründen, „ein Schloss zum Verschließen“ vor diesem Bild anbringen, als sei seine Betrachtung gefährlich.

Postel bezweifelt, dass „Hernoult le Fin“ dem Namen „Arnolfini“ entsprechen soll. Dagegen hält er zeitgenössische Belege – angefangen beim „Rosenroman“ – dafür, dass „Arnould“ der Spitzname für betrogene Ehemänner, dass der „heilige Arnulf der Schutzheilige der Gehörnten, Hahnreie, der Geneppten...“ sei. Wer aber steht dann auf van Eycks Bild neben einem solchen? Es müsste doch, folgert Postel, eine Frau sein, die ihn dazu gemacht hat – zumindest eine, auf der dieser Verdacht ruht, der womöglich falsch ist. Der Spiegel an der Wand soll da Auskunft geben.

Dieser konvexe Spiegel zeigt nicht bloß winzig die zwei Gestalten, die auf der Schwelle zum Zimmer innehalten, eine davon vielleicht der Künstler selbst. Er lässt auch unbedingt Sichtbares weg, nämlich das Hündchen im Vordergrund, was kaum van Eycks Nachlässigkeit zuzuschreiben ist: Dafür identifiziert Postel im Spiegel „eine schwarze Verunreinigung, da, wo eigentlich die der Frau hingestreckte Hand des Mannes sein sollte“, samt „dieser verwickelten schwarzen Strähne, die sich daraus löst, hinter der Kleidung des Mannes herumläuft und sich dann in der Nähe des offenen Fensters auflöst“.

Beim Grübeln über dieses unerklärliche Phänomen, so Postel, sei ihm eine Geschichte in die Hände gefallen aus den „Infernalia“, die der französische Romantiker Charles Nodier 1822 zusammenstellte. Es geht dort darum, dass die Schwester der Mutter Melanchthons berichtete, ihr sei der verstorbene Gemahl aus dem Jenseits erschienen mit der Bitte, einige erlösende Messen für ihn lesen zu lassen – und ihm die Hand zu reichen. Was sie tat, ohne Schmerz, doch die Hand blieb lebenslang schwarz verbrannt.

Deutung nach Maßgabe eines Bilderrätsels

Postel steht nicht an, diese mystische Mär – spiegelbildlich – in die „Arnolfini-Hochzeit“ einzuschreiben. Dann wäre die junge Frau im Bild eine Tote, eine Wiedergängerin aus dem Fegefeuer, die den einstigen Gemahl, gehörnt oder nicht, um Gebete für ihre Erlösung bittet. Was er ihr mit der rechten Hand zuschwört, um den Preis der verbrannten linken, den schwarzen Fleck im Spiegel: „Fleck oder Farbtupfer oder Schmutzstelle. Oder aber: Abwesenheit – und zwar eine so abwesende Abwesenheit, dass sie unbemerkt bleibt.“ Postel hält diese Stelle im Spiegel buchstäblich offen. Die freilich auch eine klitzekleine Macke samt länglichem Kratzer auf der Oberfläche sein könnte. Und dann wäre da noch das Hündchen, das im Spiegel fehlt. Es ist Begleiter der Wiedergängerin aus dem Totenreich, also auch nicht von dieser sichtbaren Welt.

Der Autor geht noch ein Stückchen weiter. Er liest die „Arnolfini-Hochzeit“ nach Maßgabe eines Bilderrätsels, und das geht so: Die Silhouette der beiden Personen bildet ein großes „M“. Der konvexe Spiegel zwischen ihnen stellt ein „O“ dar. Die zwei Holzpantinen links vorn im Bildgrund, die der Mann gerade abgestreift hat, sehen aus wie ein kleines „r“. Und der weiße Saumfall am Gewand der Frau bildet ein „Zeta“, den sechsten Buchstaben des griechischen Alphabets. So entsteht das altfranzösische Wort „Morz“ – Tod. Doch im Hintergrund, halb unter dem roten Sessel, stehen zwei kleine Pantoffeln in V-Form, Vita – Leben.

Der Autor erwähnt es mit keinem Wort, doch er möchte bestimmt, gewissermaßen klandestin, in die Reihe Morelli – Conan Doyle – Freud gehören, auch sie allesamt von Beruf Ärzte, die Carlo Ginzburg in seinem berühmten Aufsatz „Spurensicherung“ behandelt. Bis hin zum Einsatz jener serendipity, mit der Horace Walpole, darauf verweist Ginzburg, eben „unvorhergesehene Entdeckungen, die durch Zufall und Intelligenz gemacht werden“, bezeichnet hat. Wie dem auch sei, das geistreiche kleine Buch ist mit seinen Detailabbildungen eine mitreißend amüsante Erzählung, die in die Spiegel-Welt jenes wundersamen Künstlers führt, der an die Wand seines enigmatischen Werks „Johannes de Eyck fuit hic“ schreibt – Jan van Eyck war hier.

Jean-Philippe Postel: „Der Fall Arnolfini“. Auf Spurensuche in einem Gemälde von Jan van Eyck. Vorwort von Daniel Pennac. Aus dem Französischen von C. Unewisse. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2017. 174 S., Abb., geb. 22,– Euro.

Quelle: F.A.Z.
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenSigmund Freud