Revolution des Tierbilds

Hunde und Rabenvögel haben einen Sinn für Fairness

Von Kai Spanke
05.05.2022
, 22:21
Niedlich, sympathisch, aber Opfer der eigenen Stummelbeinchen: Jeder vierte Dackel erleidet einen Bandscheibenvorfall.
Viele Tiere können denken und fühlen, sie benutzen Werkzeug und erstaunen die Verhaltensforscher immer wieder. Ein Sammelband diskutiert, welche gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen daraus folgen müssten.
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Tierschutzbewegungen sehen sich immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, sie wollten anderen Kulturen ihre vermeintlich universelle Norm aufzwingen. Ist es etwa zulässig, gegen das rituelle Schlachten vorzugehen? Oder sind Traditionen religiöser Gruppen ein unbedingt schützenswertes Gut? Falls Letzteres starkgemacht wird, lässt der Einwand nicht lange auf sich warten, gerade Traditionen würden oft zur Sicherung illegitimer Privilegien beschworen. Entscheidend ist allerdings, dass Alter, Herkunft oder das schlichte Vorhandensein einer Sache keine Rückschlüsse auf deren Güte erlauben. Die Schächtung eines Tiers wird man kaum rechtfertigen können, indem man auf Brauchtum und Gepflogenheiten hinweist. Dasselbe gilt für den Stierkampf, den Fang von Singvögeln und das Schlachten von Delfinen auf den Färöer.

Die Rechtswissenschaftlerin Anne Peters diskutiert in ihrem Text „Tiere sind keine Sachen mehr – was jetzt?“ den Zusammenhang von Tierschutz und Kulturimperialismus. Sie plädiert für ein allgemeines Tierrecht, denn wie ließe sich sinnvoll begründen, dass seit den Neunzigerjahren keine Hunde mehr als Delikatesse in San Franciscos Chinatown verkauft werden dürfen, während jedes Jahr Millionen Schweine, über deren Empfindungsfähigkeit kein Zweifel besteht, im Schlachthaus enden? Peters’ Aufsatz findet sich in einem lesenswerten Band, den die Verhaltensbiologen Norbert Sachser, Niklas Kästner und Tobias Zimmermann vorgelegt haben. Darin wird aus Sicht von so unterschiedlichen Disziplinen wie Philosophie und Veterinärmedizin, Theologie und Kunstwissenschaft erörtert, was aus dem Wandel des Tierbilds folgen müsste.

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Putzerfische erkennen sich selbst im Spiegel

Sachser bezeichnet diesen Wandel als „Revolution“, weil er sich auch auf das Selbstverständnis des Menschen auswirkt. Einst hieß es, Tiere könnten nicht denken, es sei unmöglich, über ihre Emotionen etwas Handfestes herauszufinden, der Gebrauch von Werkzeugen bleibe ihnen immer fremd. Inzwischen haben Experimente gezeigt: Tiere können denken, benutzen Werkzeuge und haben Emotionen, die über Angst und Freude hinausgehen. Manche Arten kennen Eifersucht, Hunde und Rabenvögel haben einen Sinn für Fairness. Kommt es unter Schimpansen zu Scharmützeln, in deren Folge ein Tier am Rand der Gruppe landet, wird es oft von einem unbeteiligten Artgenossen in den Arm genommen und in den Verband zurückgeführt. Diesem Verhalten mag Empathie zugrunde liegen.

„Das unterschätzte Tier“. Was wir heute über Tiere wissen und im Umgang mit ihnen besser machen müssen. Hrsg. von Norbert Sachser u.a.
„Das unterschätzte Tier“. Was wir heute über Tiere wissen und im Umgang mit ihnen besser machen müssen. Hrsg. von Norbert Sachser u.a. Bild: Rowohlt Taschenbuch Verlag

Da sich Wissenschaftler, die kognitive Leistungen von Tieren untersuchen, bis in die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts vor allem der Konditionierung widmeten, war zahlreichen Erkenntnissen der Weg versperrt. Das änderte sich 1984 mit Donald R. Griffins Buch „Animal Thinking“. Es begründete die Kognitionsbiologie, deren Befunde bis heute regelmäßig für Aufsehen sorgen. Inzwischen weiß man zum Beispiel, dass nicht nur Schimpansen, Pferde und Delfine, sondern auch Elstern und Putzerfische sich selbst im Spiegel erkennen.

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Wissenschaft als Katalysator der Massentierhaltung

Tiere sind mithin keine leidensfähigen Automaten. Sie erbringen Leistungen, die – da sind sich die Autoren des Bands einig – nach ethischen, politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen verlangen. Der Tierpathologe Achim Gruber spricht sich etwa dafür aus, unserer Vorliebe für „Zuchtexzesse“ ein Ende zu setzen. Weltweit gibt es dreihundertachtundsechzig Hunderassen, von denen viele ein beschwerliches Leben führen. So bekommt jeder vierte Dackel wegen seiner kurzen Beine einen Bandscheibenvorfall, wovon wieder jeder vierte aufgrund einer Querschnittslähmung eingeschläfert werden muss. Hinzu kommen taube Dalmatiner und vom Erstickungstod bedrohte Bulldoggen.

Der Tiermediziner Jörg Luy erläutert in seinem bemerkenswerten Beitrag, wie der Behaviorismus als Katalysator der Massentierhaltung gewirkt hat. Verfechter dieser in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts populären Forschungsrichtung unterstellten nämlich, die mentalen Leistungen nichtmenschlicher Lebewesen seien kaum der Rede wert. In Luys Befund steckt zugleich eine gute Botschaft, denn wenn die Wissenschaft damals eine Haltungsform beförderte, die nichts anderes ist als Tierquälerei, könnten womöglich auch und gerade die neueren Erkenntnisse zum Umdenken beitragen.

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„Das unterschätzte Tier“. Was wir heute über Tiere wissen und im Umgang mit ihnen besser machen müssen. Hrsg. von Norbert Sachser, Niklas Kästner und Tobias Zimmermann. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2022. 224 S., Abb., br., 14,– €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spanke, Kai
Kai Spanke
Redakteur im Feuilleton.
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