Dieter Kosslicks Memoiren

Der schwäbische Stabreim

Von Peter Körte
02.02.2021
, 15:57
Die Brezel preisen, die Filmkritik geißeln: Dieter Kosslick, achtzehn Jahre lang Leiter der Berlinale, hat jetzt seine Memoiren veröffentlicht – „Immer auf dem Teppich bleiben“.

Wenn alles liefe wie immer, dann finge demnächst die 71. Berlinale an. Es würde über Filme geredet, die zu sehen sind, und solche, die nicht zu sehen sind, und über anreisende und fernbleibende Stars. Und es würde darüber spekuliert, wie sich das Leitungsduo Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek bei seiner zweiten Berlinale bewährt. Vielleicht würde auch über Dieter Kosslick gesprochen werden, dessen Vertrag als Berlinale-Chef 2019 nach 18 Jahren an der Spitze auslief – und nicht verlängert wurde, obwohl Kosslick, wie man hörte, gar nicht amtsmüde war.

Nun kommt er sicher wieder ins Gespräch, weil es nur eine digitale Berlinale für die Branche Anfang März gibt und eine fürs Publikum im Sommer geben soll, Kosslicks Memoiren jedoch am Dienstag erscheinen. Natürlich ist man gespannt, wie er die Umstände seines Abschieds sieht, auch dessen Vorgeschichte, die 2017 mit einem offenen Brief von deutschen Regisseuren begonnen hatte, in dem eine Neuausrichtung des Festivals gefordert wurde, oder wie er die Aktivitäten der Kulturstaatsministerin Monika Grütters kommentiert.

Ein geborener Gastgeber

In „Immer auf dem Teppich bleiben. Von magischen Momenten und der Zukunft des Kinos“ findet sich dazu kein Wort. Da wird kurz das letzte Duett mit Anke Engelke geschildert, mit der Kosslick seit 2003 die Eröffnungsgala bestritten hatte, und der Abschied im Friedrichstadt-Palast mit den Toten Hosen, die verständliche Rührung, nach 35 Jahren als Filmförderer und Festivaldirektor nun auszuscheiden. Es mag klug sein, nicht nachzutreten, aber Kosslicks Schweigen ist beredter, als wenn er den Abgang mit der Phrase wegmoderiert hätte, man sollte gehen, wenn es am schönsten ist.

Es ist allerdings nicht so, dass der heute 72-jährige Kosslick nicht austeilen könnte. Er hat dem Festival durch Aufgeschlossenheit und Gastfreundschaft jene Geltung und Ausstrahlung verschafft, die es in den 21 Jahren zuvor unter Moritz de Hadeln nicht besaß. Kosslick war ein geborener Gastgeber, der mit schwarzem Hut und rotem Schal die Stars empfing und seine Verbindungen in die Politik nutzte, um das Festival auf Kurs zu halten. Die frontale Attacke war nie seine Sache. Er löst das anders. Eleganter. Monika Grütters, der er, im Gegensatz etwa zu ihren Amtsvorgängern Neumann und Naumann, nicht im Abspann dankt, wird mit einem schillernden Satz bedacht: „Sie liebte den roten Teppich am meisten.“

Kino, Küche, Klima

Und was er von der Ära de Hadeln hält, wird klar, wenn er das erste Treffen mit den Mitarbeitern beschreibt, nachdem de Hadeln ihm zunächst den Zugang zu den Räumen der Berlinale verwehrte. Alle schwiegen sie, bis schließlich doch eine Mitarbeiterin aufstand und sagte: „Wissen Sie, wir sind es nicht gewohnt, in Anwesenheit des Direktors zu sprechen.“ Kosslick bestellte erst mal Wein für alle. Und erwähnt noch das „traditionell schlechte Veranstaltungsessen“ unter de Hadeln und seine Anstrengungen, das kulinarische Niveau des Festivals zu heben.

Da ist man gleich bei einer Merkwürdigkeit dieser Memoiren, die aber nicht überraschend kommt. Nach den drei Teilen, aus denen das Buch besteht, ist klar, wie Kosslicks schwäbischer Stabreim geht: Kino, Küche, Klima. Er erinnert sich an die Backstube der Kindheit, in der seine alleinerziehende Mutter ihn morgens abgab, wenn sie arbeiten ging, er preist Butterbrezel und Slow-Food-Bewegung. Vor allem ist da immer mehr Leidenschaft spürbar, als wenn er vom Kino spricht. Zwar schwelgt er in Erinnerungen an „Ben Hur“, seinem Pforzheimer Kino-Initiationserlebnis mit elf Jahren, aber die meisten Einlassungen zu Filmen bleiben recht farblos und temperamentarm.

Seltsam unentschlossen

Da passiert dann auch schon mal ein peinlicher Fehler, wenn er die „Hamburger Erklärung“ der Filmemacher von 1979 erwähnt, um fortzufahren, dass die Unterzeichner wie Hauff, Schlöndorff oder Herzog dann auch gleich noch das „Oberhausener Manifest“ veröffentlicht hätten – was leider ohne Beteiligung der Genannten schon 1962 passiert war. Der Verlag hat das auch übersehen und kann es nun erst in der zweiten Auflage korrigieren.

Klar, Kosslick erzählt auch einige wirklich gute Anekdoten. Wie er 2003 Fidel Castro einlud, als Oliver Stones „Comandante“ auf der Berlinale lief, wie Castro tatsächlich zusagte – und wie ein wütender Außenminister Joschka Fischer Kosslick anfuhr, er habe Castro ausgeladen, um der Regierung Schröder nicht noch mehr Probleme zu bereiten. Amüsant auch der Besuch in Nordkorea und der Brauch, dass eine Delegation des Kim-Staates der Berlinale jedes Jahr das gleiche Teeservice im gleichen Karton überreicht. Launig fällt Kosslicks kurzer Marsch durch die Institutionen aus, wenn er seine Sympathien für den linken Hans-Ulrich Klose zeigt, dem er in Hamburg als Redenschreiber diente. Eher entbehrlich dagegen ein Parlando über Filme und Flughäfen oder die Episode, wie er beim Besuch der Rolling Stones die eigene E-Gitarre aus der Schülerbandzeit mitbrachte und mit Ronnie Wood ein paar Akkorde im VIP-Raum spielte.

Wen interessiert schon Ästhetik?

Der Blick „hinter den Vorhang“ und das Plaudern „aus dem Nähkästchen, natürlich immer mit schwäbischer Diskretion“, wirken seltsam unentschlossen. Weder ist die persönliche Färbung so ausgeprägt, wie man Kosslick sonst kennt, noch erfährt man Aufregendes über die Geheimnisse des Festivalalltags. Nicht mehr jedenfalls, als sich jeder denken kann, der gelesen hat, wie das iranische Regime den Regisseur Jafar Panahi mundtot zu machen versucht oder wie die chinesische Zensur gerne „technische Probleme“ vorschiebt. Dieter Kosslick teilt das Schicksal vieler Stand-up-Comedians, die live vor Publikum zu großer Form auflaufen, die unvorhergesehene Situationen mit Intuition, Schlagfertigkeit und Chuzpe bewältigen und einen ganzen Saal auf ihre Seite ziehen: Sobald sie aufschreiben und für die Nachwelt konservieren wollen, was da los war, klingt es höchstens noch halb so lustig.

Man hat dann auch nicht unbedingt auf Kosslicks Prognosen zur Zukunft des Kinos gewartet. Er äußert ein paar bekannte Ansichten zu Streaming und Kino, er vergleicht eher kursorisch die Krise von heute mit der Krise, in die das Kino mit Aufkommen des Fernsehens geriet. Und vor allem widmet er sich dem Thema „Nachhaltigkeit“. Er nennt Stichworte wie „Green Shooting“, dazu auch ein paar interessante Zahlen, wie viel CO2 ein „Tatort“ oder ein Hollywood-Blockbuster produzieren, und freut sich an seinem „rot-grünen Teppich“ auf der Berlinale, weil der komplett aus recyceltem Garn bestand.

Böse Kritik

Gegen all das ist ja nichts einzuwenden. Es ist edel, hilfreich und gut, es tut niemandem weh, und es schadet auch nicht, die Situation der kleinen Produzenten im Filmgeschäft und im Lebensmittelbereich zu vergleichen, die sich gegen global operierende Konzerne behaupten müssen. Man hat beim Lesen nur ständig den Eindruck, dass Fragen der Ästhetik, die ja nun mal zu Filmen und Festivals gehören, für Kosslick weniger interessant sind als Klima und Kulinarik. Beim einzigen Mal, bei dem er eine Begegnung erwähnt, die „mein Leben völlig veränderte“, geht es nicht um einen Film, sondern um ein Essen bei Wolfram Siebeck. Kein Wunder, dass die Reihe „Kulinarisches Kino“ Kosslicks Herzensprojekt in seinen Berlinale-Jahren war.

Weniger am Herzen lag ihm die Filmkritik, „diese spezielle Art persönlicher und bösartiger Filmkritik als Begleitmusik des Festivals“. Er spricht von der „nicht enden wollenden bösen Kritik“, von „ehrverletzenden Beleidigungen“. Das fällt insofern auf, als kein Adressat im ganzen Buch schärfer angegangen wird als die Filmkritik – wenn auch pauschal und ohne jeden Beleg. Davon mal abgesehen klang die „Begleitmusik“ über lange Berlinale-Jahre hinweg wohlwollend und harmonisch. Erst als der Reiz von Aufbruch und Neuanfang ein wenig zu verblassen begann, wurde genauer hingeschaut: auf die Filme und nicht nur auf die von Kosslick geprägte Festivalatmosphäre. Das ist nun mal der Job der Kritik. Etwas mehr Souveränität und Erinnerungsvermögen hätten dem schreibenden Ruheständler Dieter Kosslick hier ganz gut getan.

Dieter Kosslick: „Immer auf dem Teppich bleiben“. Von magischen Momenten und der Zukunft des Kinos. Verlag Hoffmann und Campe, 336 S., geb., 25,– €.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Körte, Peter (pek)
Peter Körte
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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