Franz Schuh

Ein Denker der Verblüffung ohne Bluff

Von Daniela Strigl
05.08.2022
, 20:59
Pessimist? Schon. Misanthrop? Wahrscheinlich. Zyniker? Wohl Kaum. Franz Schuh
Seine Selbstgespräche sind ein Akt politischer Aufklärung: Ein Band versammelt eigensinnige Texte des österreichischen Schriftstellers und Essayisten Franz Schuh.
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Schon in seiner Schulzeit, sagt Franz Schuh, hätten ihm die Dichter die „Gegenwelt“ eines freien Lebens verheißen: „Geblieben ist mir der Hass auf die Macht, die sich nie wirklich legitimieren kann, weil sie ihre Legitimation immer stillschweigend, anonym voraussetzt, aber auch die romantische Hoffnung auf den Sieg der Literatur gegen die mächtigen Lemuren.“ So sei er Kritiker geworden. Dass Franz Schuh viel mehr geworden ist als bloß ein Kritiker, der unverdrossen an seinem Glauben an die „Widersetzlichkeit der Literatur“ festhält, nämlich ein eigensinniger Denker und brillanter Essayist, dazu ein Deklamator und Schauspieler eigener Fasson, hat sich herumgesprochen. 2006 erhielt Schuh den Preis der Leipziger Buchmesse, im Vorjahr den Johann-Heinrich-Merck-Preis der Darmstädter Akademie.

Nun ist zu seinem 75. Geburtstag ein „Lesebuch“ erschienen, in dem auf ebenso schlüssige wie reizvolle Weise Texte aus fünfzig Jahren versammelt oder besser: komponiert sind. Man kann sich mit seiner Hilfe ein Bild von diesem Autor machen, der sich den gewöhnlichen Kategorien des literarischen Betriebs entzieht: Er schreibt keine Belletristik und hat doch einiges zu erzählen; seine Rezensionen sprengen die Grenze kritischer Beschränktheit und zielen aufs große Ganze; für eine philosophische Abhandlung sind seine Studien zu persönlich, zu volatil und anekdotisch; Schuh schreibt auch keine Sachbücher, es sei denn, die Sache, um die es geht, sei der Mensch und seine gesellschaftliche Verfasstheit.

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Er brachte die Zeit auf den Begriff

Die Abschnitte des Bandes tragen Überschriften wie „Körperliches“, „Glückliches“, „Sprachliches“, „Kritisches“, „Philosophisches“, „Politisches“ und „Persönliches“. Man kann sich hier, tatsächlich ohne Unterschied, mit hohen wie mit niedrigen Gegenständen verlustieren, mit Liebe und Tod, Hegel und Nietzsche, Peter Sloterdijk und Karl Heinz Bohrer, Lenau und Ernst Jandl: „Kein anderer kann den Zusammenhang von Eschatologie und Aporie so direkt und oft auch so blitzartig darstellen.“ Aber auch mit dem „Tatort“ und Kommissar Maigret, mit der Kitschindustrie, mit Dummheit und Instinkt des Schauspielers, mit den Niederungen österreichischer Politik und der heiteren Obszönität eines „Staatsaktes“, in dessen Rahmen eine Unterhaltungsfilmdarstellerin das „Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst“ erhält. Aphoristische Sätze und kurze Statements sind in der Sammlung ebenso vertreten wie Interviews und ausführliche Abhandlungen, alle Quellen und kursorische Erläuterungen finden sich im Anhang.

Franz Schuh: „Vom Guten, Wahren und Schlechten“. Ein Lesebuch.
Franz Schuh: „Vom Guten, Wahren und Schlechten“. Ein Lesebuch. Bild: Sonderzahl Verlag

Vielleicht geht es Schuh wirklich, wie sein Herausgeber Bernhard Kraller meint, um eine „große Historie“, um den „umfassenden Zeit- und Gesellschaftsroman“, freilich mit den Mitteln des Essays. Was Hegel von der Philosophie verlangt, nämlich ihre Zeit auf den Begriff zu bringen, leistet der Hegelianer Schuh auch als essayistischer Causeur auf der Suche nach dem Phänomen, der überindividuell wirksamen Erscheinung eines Wesentlichen. Weil Franz Schuh ein Stilist ist, der die Nachfolge des Karl Kraus ernst nimmt, lässt sich in einer Rezension nicht einmal annäherungsweise sagen, wovon dieses Buch handelt. Schließlich versucht sein Autor „eine Sprache zu finden, die von der journalistischen und von der akademischen gleich weit entfernt ist. Im Vergleich zum landesüblichen Impressionismus verwende ich aber eine Terminologie: Sie hat es hier nicht leicht, weil man in Österreich gleich alles für blöd hält, wenn es gescheit klingt.“

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Damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehen

Wer solches schreibt, blickt dem Vorwurf der Eitelkeit furchtlos entgegen. In der Tat beherrscht Schuh die Kunst der erhellenden und nicht selten erheiternden Definition, eine diskursive Technik, die nicht nur Ordnung schafft, sondern auch so manchen Erkenntnisschub: Franz Schuh ist ein Denker der Verblüffung ohne Bluff. Gegen die „wüste Unbildung“ der Zeitgenossen und, vielleicht vehementer noch, ihre Halbbildung zieht er ohne jeden Genierer zu Felde. Denken, so Hannah Arendt, ist nichts anderes als das Sprechen mit sich selbst. Das Schöne an Schuhs Selbstgesprächen ist, dass und wie er uns in diese verwickelt, mitreden lässt, in einem Akt politischer Aufklärung.

„Vom Guten, Wahren und Schlechten“ ist dem Prinzip des Dialogs verpflichtet und als Programm gegen die klassische Trias gerichtet, die auch das Schöne umfasst. Schuh hat zwar durchaus Sinn für die Schönheit, er würde aber wohl dem von ihm – nicht bedenkenlos – verehrten Nietzsche zustimmen, der die Wahrheit hässlich nennt: „Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehen.“ Wer unter anderem auch vom Schlechten schreibt, nimmt, wenn auch ironisch, eine Grundhaltung der Kritik ein. Als exemplarisch dafür lässt sich Schuhs Auseinandersetzung mit zwei Galionsfiguren des österreichischen Kulturbetriebs lesen: mit An­dré Heller und Thomas Bernhard.

An seinem über die Jahrzehnte nicht nachlassenden Zugriff imponiert einerseits dessen Härte, andererseits das Bemühen, dem Kritisierten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ein Versuch, den Berühmtheit eher vereitelt denn fördert. Über Heller, den „allgemeinen Künstler“: „Der Reichtum der Kunst erscheint ihm als eine ungeheure Warenansammlung, für die er nur noch das passende Ausstellungsgelände organisieren muss.“ Bei Bernhard wiederum sieht Schuh die „künstlerische Substanz“ gefährdet: „Der Großschriftsteller ist ein Geschöpf des journalistischen Blicks. Er ist die mediengerechte, personalisierte Form der Literatur oder: Er ist die Literatur als Person.“ Der Kritiker vermerkt aber auch die „Einsicht“: „Gegen Erfolg hilft gar nichts, am allerwenigsten Kritik.“

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Dieser Philosoph aus Wien mag ein Pessimist sein, gar ein Misanthrop, wie er selbst etwas kokett behauptet – ein Zyniker ist er nicht. Wie Franz Schuhs ureigene negative Dialektik in seinen Ansätzen zu einer Lebensphilosophie stets „ins ethisch Positive“ (Kraller) kippt, kann man in diesem Kompendium nachlesen. Auch das Stichwort „Corona“ erscheint da dialektisch beleuchtet: „Selbst wenn alle Entscheidungen dieser Regierung richtig sind, wird der Totalitarismus, der mit der Propagierung dieser Richtigkeit zusammenhängt, für zukünftige demokratische Verhältnisse ein Problem.“ Und wenn man will, dann kann man im Musil-Zitat von 1912, das Schuh als „ultimative Kritik am Heldentum“ begreift, die Antwort auf eine Frage lesen, die sich zur Entstehungszeit des Bandes in dieser Dringlichkeit noch nicht gestellt hat: „Darum schätzt man die Katastrophen, weil sie die Verantwortung auf sich selbst nehmen, und braucht das Unglück, weil es heftige Gestikulationen erzeugt, hinter denen jeder Mensch erlischt und konventionell wird. (...) Not und Held gehören zusammen wie Krankheit und Fieber. Jede Gewaltleistung hat darum etwas Pathologisches an sich, ein eingeschränktes Bewusstsein, einen letzten, progressiven wirbelhaften Anstieg.“

Franz Schuh: „Vom Guten, Wahren und Schlechten“. Ein Lesebuch. Hrsg. von Bernhard Kraller. Sonderzahl Verlag, Wien 2022. 408 S., br., 29,– €.

Quelle: F.A.Z.
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