Michael Buselmeiers „Elisabeth“

Sie spricht von Schlamm, er von Versandung

Von Jörg Plath
20.09.2021
, 22:05
Michael Buselmeier bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises im Jahr 2011.
Erschütterndes Doppelprotokoll einer Demenz: Michael Buselmeiers „Elisabeth – Ein Abschied“ schildert eine verzweifelte Gegenwehr am Abgrund der Krankheit.

Wie ein Triptychon hat Michael Buselmeier sein ungemein aufrichtiges Buch über die Demenzerkrankung der Ehefrau gebaut. „Elisabeth – Ein Abschied“ erzählt durch seine Struktur nicht nur von beider Hilflosigkeit und Fassungs­losigkeit gegenüber dem unaufhaltsam voranschreitenden Geschehen, sondern auch vom Versuch, den Sinn des Lebens festzuhalten, eine Form zu finden für Auflösung und Chaos.

Auch dass der dreiundachtzigjährige Heidelberger Schriftsteller, Lyriker und Stadtführer sich von einer „Elisabeth“ verabschiedet und die Frau, mit der sein Leben aufs Engste verbunden ist, also anders nennt, muss man als Rettungsversuch lesen. Dieses Motiv führt bei aller Empathie zu beinahe unzeitgemäßer lesenswerter Härte.

Im einleitenden Essay „Dies fiese Alter“ zeigt sich auch Buselmeier als alter Mann, den Schmerzen, Sinnesausfälle und Vergesslichkeit plagen. Wie schnell ist die Zeit verflogen! Auch jene mit Elisabeth, der stolzen, schönen, energischen Ehefrau, die für die Revolution kämpfte, für den Ehemann und die Kinder, die für alle Geld als Dozentin für Sozialpädagogik verdiente und außerdem noch Kraft hatte, ihre wissenschaftliche Karriere zwar nicht zu verfolgen, jedoch vorzubereiten.

Nach der Pensionierung wollte Elisabeth mit ihrem über Jahrzehnte gesammelten Material eine Dissertation schreiben, verfällt aber stattdessen, wird träge, unbeholfen, schlafsüchtig, dumpf, stumm und dick. Statt ein neues, zweites Leben zu beginnen, erkrankt sie und wird dem Autor fremd. Er fühlt sich allein­gelassen und fragt sich, ob die Liebe zu einer Dementen überhaupt möglich ist.

Michael Buselmeier: „Elisabeth“. Ein Abschied. Morio Verlag, Heidelberg 2021. 200 S., geb., 18,- €
Michael Buselmeier: „Elisabeth“. Ein Abschied. Morio Verlag, Heidelberg 2021. 200 S., geb., 18,- € Bild: Morio Verlag

Welche Herausforderungen und Stolpersteine diese Krankheit bereithält, zeigen die Aufzeichnungen im zweiten Teil des Buches. Bereits 2005 bemerkt der Ehemann, dass Elisabeth manches nicht versteht und die Orientierung verliert, depressiv und aggressiv wird. Doch erst 2008 bestätigt ein Arzt die Befürchtungen. Die Notate, etwa zwei bis drei je Monat aus fünfzehn Jahren, halten nun in aller Deutlichkeit die typischen Symptome fest, von Unruhe und Arbeitsunfähigkeit über Aggression und Orientierungslosigkeit bis zum Vergessen von Terminen und Tätigkeiten, selbst dem Anziehen und Waschen. An manchen Tagen atmen alle auf: Dann gelingt Elisabeth eine letzte Buchkritik, oder sie fährt allein zu einer Tagung. Weit häufiger allerdings verirrt sie sich, bleibt stundenlang verschwunden, muss gesucht werden. Bemerkenswert lang fährt sie noch Fahrrad, erst nach mehreren Stürzen und Verletzungen wird „mit den Kindern endlich vereinbart, dass Elisabeth von nun an nicht mehr Rad fahren darf. Herber Einschnitt. Ende der Stadt-Ausflüge.“

Wenn der Alltag auf die Probe stellt

Buselmeiers Bedauern ist unüberhörbar. Er zwingt sich ja schon, seine Frau auch im Intimbereich zu waschen, sie gegen ihren Willen anzuziehen und die häufig im Bad verteilte „Kacke“ zu beseitigen. Die intensiven Gespräche mit Elisabeth über Gott und die Welt sind schon lange unmöglich, seine Gedichte schreibt sie auch nicht mehr mit der Maschine ab. Dann soll sie wenigstens manchmal Ruhe geben und ihn schreiben lassen. Nun auch noch die letzten Vergnügungen mit ihr aufzugeben, die gemeinsamen Fahrten, fällt dem Schriftsteller schwer.

Ein Muttersöhnchen gibt sich in den angenehm konkreten sowie zuweilen unangenehm detaillierten Notaten zu erkennen. Buselmeier weicht nicht aus in allgemeine Reflexionen, und er stellt sich selbst nicht das vorteilhafteste Zeugnis aus. Das patriarchale Rollenverständnis des Mannes, der auf manchen Fotos wie ein gealterter Junge aussieht, stammt aus der Mitte des Jahrhunderts, und es hat die Achtundsechziger-Zeit, in der das Paar einer maoistischen Splittergruppe angehörte, bemerkenswert unbeschadet überstanden.

Allerdings sind Chauvinismus und Egozentrik kein schlechtes Gegengift für eine Krankheit, die sich einen Menschen unterwirft und zu einem anderen macht. Die alte und überlebenswichtige Frage, wie viel Zuwendung nötig ist und wie viel ungesund für den Sorgenden, vermag Buselmeier offenbar im gegebenen Augenblick zu beantworten. Manchmal holen ihn Zweifel ein, aber Reue wird daraus nicht. Die nur noch grunzende Elisabeth konfrontiert ihn mit einem „Schrecken der Urzeit“, einem „magischen Abgrund“, in den kein Lichtstrahl hinabreicht, und seine kaum verhüllten Wunschträume, sie möge sanft entschlafen sein oder nach dem Verlaufen im Wald langsam erfroren, sind verzweifelte Gegenwehr.

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In einem anrührenden dritten Teil hat Buselmeier Ausschnitte „Aus Elisabeths verstreuten Papieren“ zusammengestellt, die die energische Schöne voller Selbstzweifel zeigen und den bemutterten, bekochten, bewunderten Ehemann als Zyniker, der ihre wissenschaftliche Arbeit gering schätzt, dafür dringend ein gepflegteres Aussehen anempfiehlt. Manche der Notate bis zum Jahr 2010 korrespondieren mit den Aufzeichnungen des zweiten Teils, sodass sich hin- und herblätternd eine neue Sicht der Dinge einstellt. Manchmal ist die Verweigerung Elisabeths, die Stummheit, die Flucht aus der Psychiatrie kein Zeichen der Demenz, sondern eine bewusste Reaktion – allerdings ließ die Krankheit nur diese und keine andere zu. Grausig die Passage, in der Elisabeth festhält, wie sie beim Gespräch mit Freunden nach wenigen konzentrierten Sätzen ins Alltägliche und Triviale abschweift und dort verlischt, haltlos versinkt in einem diffusen Brei von Geschwätz. Sie spricht von „Schlamm“, er von „Versandung“.

Beiden, die ahnen, dass etwas Dunkles, Unbekanntes näher kriecht, dient das Schreiben zur Klärung der Gedanken. Sie sind angewiesen auf den mit Wörtern erzeugten Sinn. Dessen Verweigerung durch die Krankheit ist vielleicht der größte, kaum auszuhaltende Schmerz, der das ganze gemeinsame Leben unterminiert. Daher lässt Buselmeier das Buch offen, voller Hoffnung enden, daher ­kritisiert er die Sinnproduktion in den Demenz­büchern anderer knapp und vernichtend: Arno Geigers „Der alte König in seinem Exil“ wirke fiktiv und literarisch konstruiert, das „Langsame Entschwinden“ ihres Mannes Walter Jens habe Inge Jens stets „manierlich formuliert“. Buselmeier vermeidet beides, er ist Elisabeth (und sich) meist nahe, manchmal schmerzend nahe und scheut die Kraftworte nicht. Lücken aber gibt es in der verdichteten Mitschrift genug, Lücken, in denen die Angst hockt.

Michael Buselmeier: „Elisabeth“. Ein Abschied. Morio Verlag, Heidelberg 2021. 200 S., geb., 18,- €

Quelle: F.A.Z.
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