Ernährungsratgeber

Die Wanze enttäuscht als Lebensmittel

Von Julia Bähr
Aktualisiert am 27.09.2020
 - 22:01
Heidelbeeren sind zumindest selbstgesammelt ökologisch unbedenklich.
Fleisch oder Soja, wofür soll der Regenwald denn nun draufgehen? Es ist wirklich nicht leicht, sich verantwortungsvoll zu ernähren. Ein Buch will Orientierung bieten.

Das Internet ist schuld. Und die Handys und die sozialen Medien. Was hatten wir früher für ein wunderbares Leben, immer Zeit für hochwertiges Essen und gemütliches Beisammensein, aber jetzt ist das alles vorbei. In Manfred Krieners Buch „Leckerland ist abgebrannt“ muss man sich nicht nur durch ein paar solcher Sätze hindurch quälen, die die böse Gegenwart beklagen, sondern durch ganze Kapitel. Gemeinsame Mahlzeiten mit der Familie, klagt der Journalist, seien „weitgehend auf der Strecke geblieben. Heute teilt man das Essen virtuell mit Followern und Freunden in den sozialen Medien“. Die Menschen äßen wegen der höheren Insta-Tauglichkeit „bunte Sushiröllchen“ statt Kartoffelbrei. Ein Elend.

Dabei soll es eigentlich um ein ganz anderes und viel wichtigeres Elend gehen: dass nämlich, wie Kriener anmerkt, das Essen seine Unschuld verloren hat. Wenn es nicht gerade aus dem eigenen Garten stammt, weiß man kaum noch, was nun vertretbarer ist: bio oder regional? Wildfang oder Aquakultur? Fleisch oder Soja, wofür soll der Regenwald denn nun draufgehen? Es ist wirklich nicht leicht, sich zu orientieren, wenn man sich verantwortungsvoll ernähren will.

Insofern hat der Autor ein wichtiges Thema identifiziert. Aber er verbringt zu viel Zeit damit, sich mit Dinge zu beschäftigen, die nicht einmal als Nebenaspekte gelten können. Weder die Handys sind der Untergang der Ernährung noch das Wort „lecker“, über das er sich zwei Seiten lang entnervt auslässt. Wer trotzdem weiterliest, begegnet jedoch immer weniger Spontanpredigten und dafür mehr evidenzbasierten Kapiteln. Das Buch nimmt Fahrt auf, und zwar auf einer emotionalen Achterbahn: Immer, wenn man denkt, dieses eine Lebensmittel könne man reinen Gewissens essen, zeigt Kriener die dazugehörigen Probleme auf.

Insekten etwa, die lange als proteinreicher Snack von morgen galten, haben sich nicht nur beim Verbraucher noch nicht recht durchgesetzt, sondern sind auch belastet: Riesenwanzen etwa lassen sich schwer züchten und werden daher meist wild gefangen, was die Bestände reduziert und das ökologische Gleichgewicht ins Wanken bringen kann. Auch ihr Futter ruiniert die Öko-Bilanz, weil Grillen, die mit organischen Abfällen gefüttert werden, laut den Recherchen des Autors eingehen. „Die Vorstellung von Insektenfarmen als billige Abfallbeseitigungsanlage scheint nicht aufzugehen“, schreibt Kriener. „Im Gegenteil: Um das Wachstum der Insekten zu beschleunigen, setzen etliche Farmen dem Futter Soja und sogar Fischmehl zu.“

Das desillusionierendste Kapitel jedoch behandelt die Fischerei, deren Reglementierung in den vergangenen Jahren teilweise rückgängig gemacht wurde, und die Aquakulturen, aus denen nach Stürmen immer wieder mit Medikamenten vollgestopfte oder gar genveränderte Fische entweichen. Vom Gedanken, dem Planeten zuliebe statt Fleisch mehr Fisch zu essen, muss man sich jedenfalls verabschieden. Da ist fast tröstlich, dass später noch etwas abgestraft wird, was sowieso kaum einer zu sich nehmen möchte: Weizengrassaft, der angeblich sechzigmal so viel Vitamin C enthalten soll wie Orangen. Das bezieht sich auf eine Menge von hundert Gramm Saft, die laut Kriener sowieso nie jemand trinken wird, weil er fürchterlich schmecke, sündhaft teuer sei und überdies verdünnt werden müsse. Ganz davon abgesehen, dass Vitamin-C-Mangel in Deutschland alles andere als üblich ist. Immerhin ein Ernährungsaspekt, über den man sich keine Gedanken machen muss.

Manfred Kriener: „Lecker-Land ist abgebrannt“. Ernährungslügen und der rasante Wandel der Esskultur. S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2020. 238 S., br., 18 €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bähr, Julia
Julia Bähr
Redakteurin im Feuilleton.
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