100 Jahre Mozartfest

Klug, doch ohne Besserwisserei

Von Peter Gülke
14.05.2021
, 22:29
Dieses Porträt von Wolfgang Amadeus Mozart entstand erst 1819.
Was zog jede Zeit neu an Mozarts Musik an? Wie soll man sie interpretieren? Ein exzellenter Band mit Gesprächen und Essays zum Mozartfest Würzburg ist fast zu einem Handbuch geworden.
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Das Mozartfest Würzburg feiert in diesem Jahr seinen hundertsten Geburtstag. Zum Anlass ist ein Buch mit Essays und Gesprächen erschienen. Auch eine Chronik findet man in ihm, die Würzburger Daten mit anderen Ereignissen verflicht und so für eine historische Einbettung sorgt, eine opulente Bildausstattung kommt obendrein hinzu.

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Festschrift im engeren Sinne ist das Buch in zwei der Geschichte des Mozartfestes gewidmeten Kapiteln, in denen, ohne einen Schatten der Besserwisserei Nachlebender, auch peinliche Sachverhalte zur Sprache kommen. Festschrift im weiteren Sinne ist es in durchweg anspruchsvollen, weit ausgreifenden Behandlungen dessen, was es alljährlich in Würzburg zu erleben gibt.

Zum einen auf systematische Art, zum anderen in Gesprächen mit bedeutenden Künstlern: Sängern (Brigitte Fassbaender, Christian Gerhaher), Instrumentalsolisten (Tabea Zimmermann, Alfred Brendel, Frank Peter Zimmermann), Dirigenten (Sir John Eliot Gardiner, Hartmut Haenchen, René Jacobs), dem jetzigen Direktor der Salzburger Festspiele, Markus Hinterhäuser; Regisseure fehlen.

Es erschließt sich so ein Reichtum an Aspekten: Tieflotende, von philologischen bis zu spieltechnischen Details reichende Auseinandersetzungen mit der Überlieferung, dem nicht auflösbaren Rätsel Mozart, durchweg getragen vom Atem persönlicher Erfahrungen. Nur selten dürften Leser sich derart unmittelbar in die Innenwelt des Interpretierens hineingezogen, derart direkt beteiligt fühlen wie in diesen Gesprächen, in denen sich Markus Thiel auf die Kunst inspirierender, Gedankenfäden fortspinnender Fragen versteht. Dazu gehören Bekenntnisse zu großen Vorbildern, Hader mit faulen Gewohnheiten des Musizierens, nachdrücklich artikulierte Distanz zu den einebnenden Mechanismen des Musikbetriebs, knapp beschwiegene Differenzen, was die Rolle namhafter Protagonisten betrifft.

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Als theoretische Überdachung sind den Gesprächen fünf Essays vorangestellt. Ulrich Konrad, dem wir von früheren Arbeiten her die kompetentesten Auskünfte zu Mozarts Arbeitsweise verdanken, legt hierzu den Grund („Mozarts Musik. Text und Klang. Komposition und Aufführung“), unter anderem mit Beispielen der vieldiskutierten Auszierungen. Stephan Mösch behandelt die Geschichte der Inszenierungen zwischen dem späten neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert, unbegrenzt sachkundig und verständniswillig auch in Bezug auf extreme Lösungen, die das, was klingt, nur zu leicht ins Souterrain der Eindrücke verbannen, so dass den auf genaue Umsetzung des Notentextes verpflichteten, insofern „konservativen“ Musikern oft die Haare zu Berge stehen.

Unter dem Obertitel „Werktreue und Texttreue“ schreibt Thomas Seedorf, fast alle Facetten des Problems hereinholend und Unterschiede präzise benennend, über Mozart-Dirigenten zwischen Richard Strauss und Teodor Currentzis. Wolfgang Rathert lässt sich auf das so schwierige wie unvermeidliche Thema „Mozart und die Musik des 20. Jahrhunderts“ ein. Robert D. Levin macht den Schluss mit einer repräsentativen und erfahrungsgesättigten Behandlung aufführungspraktischer Fragen. Wer zu ihnen eine erste, kompetente Übersicht sucht, ist mit dieser Lektüre und derjenigen von Konrads Beitrag gut beraten. So ist fast ein Handbuch entstanden, das man allen empfehlen kann, die sich auf Mozart ernstlich einlassen wollen.

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Stephan Mösch (Hrsg.): „Weil jede Note zählt“. Mozart interpretieren. Gespräche und Essays. Bärenreiter/Metzler-Verlag, Kassel/Berlin/Würzburg 2020. 401 S., Abb., geb., 29,99 €.

Quelle: F.A.Z.
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