Rezension: „Das Berliner Schloss“

Für Napoleon sollte doch ein Platz zu finden sein

Von Andreas Kilb
20.04.2012
, 15:30
Was das Haus Hohenzollern noch zum Humboldtforum beitragen könnte: Guido Hinterkeuser erzählt die Geschichte der Innenausstattung des Berliner Schlosses.
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Als das Berliner Schloss nach dem Tagangriff der amerikanischen 8. Luftflotte am 3. Februar 1945 ausbrannte, ging nur ein Teil seiner kostbaren Innenausstattung in Flammen auf. Die meisten Objekte, die vor dem Zweiten Weltkrieg in den einstigen Wohn- und Repräsentationsräumen der Hohenzollern gestanden hatten, waren rechtzeitig ausgelagert worden - darunter vor allem die Bestände des Kunstgewerbemuseums, das seit 1920 in dem Schlossbau untergebracht war, aber auch gut dreizehnhundert Werke, die in einem handschriftlichen Inventar aus demselben Jahr verzeichnet sind: Gemälde, Wandteppiche, Möbel, Skulpturen, Glas, Silber und Porzellan.

An diesem Verzeichnis setzt Guido Hinterkeusers Studie an. Hinterkeuser will damit eine Wissenslücke schließen, die in der Diskussion über die zukünftige Nutzung des Schlosses Epoche gemacht hat. Als Anfang des Jahrtausends die Expertenkommission Historische Mitte Berlin über den möglichen Wiederaufbau beriet, war von der noch vorhandenen Innenausstattung nämlich nicht die Rede. Im ersten, vor 2002 entstandenen Konzept für das Humboldtforum taucht das Thema ebenso wenig auf wie in allen weiteren Überlegungen zur Gestaltung des Gebäudes. Die Frage, ob einzelne jener „Paradekammern“, in denen sich die bewegliche kunsthistorische Substanz des Hohenzollernschlosses gesammelt hatte, in dem Neubau rekonstruiert werden sollten, ließ sich auf diese Weise geschickt ausblenden. Man hatte nichts, man wusste von nichts, und die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, die den Großteil des ehemaligen Mobiliars der Hohenzollern verwaltet, konnte sowieso kein Stück entbehren.

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Noch nicht das letzte Wort

Hinterkeuser nennt nun Namen und Fakten und zeigt die dazugehörenden Bilder. Aus dem Verzeichnis von 1920, dem sogenannten S-Inventar, haben ungefähr vierhundert Positionen, also ein knappes Drittel, den Krieg überstanden. Dazu gehören allerdings Hauptwerke wie das Große Silberbuffet aus dem Rittersaal, die Kurfürsten-Statuen von Bartholomäus Eggers aus Schlüters Treppenhaus, Christian Daniel Rauchs „Betendes Mädchen“ und seine Büste Friedrich Wilhelms IV., der Zyklus der vier Erdteile von Augustin Terwesten, Antoine Pesnes Porträt der Tänzerin Barbarina und das Reiterbild Bonapartes von David aus der Gemäldesammlung des Schlosses. Auch einzelne Möbel haben sich erhalten: die Thronbank Friedrichs I., ein Kabinettschrank von David Roentgen, Uhren, Sessel, Vasen und Leuchter.

Das alles steht und hängt heute größtenteils in Charlottenburg, Oranienburg oder in den Potsdamer Immobilien der Schlösserstiftung - wenn es nicht, wie Christian Friedrich Tiecks griechischer Figurenzyklus, ins Depot verbannt ist. Zudem hat das Kunstgewerbemuseum den Kern seines Bestands vor der Zerstörung retten können (oder aus alliierter Kriegsbeute zurückerhalten) - den Welfenschatz etwa, das Lüneburger Ratssilber oder die Silbergefäße aus der kurfürstlichen Kunstkammer. Aber auch diese Kostbarkeiten sind auf verschiedene Standorte am Kulturforum und im Köpenicker Schloss (wo auch das Silberbuffet gezeigt wird) verteilt. In der jetzigen Planung für das Humboldtforum tauchen sie nicht auf; und während die für den Bau zuständige Stiftung mit der Idee eines Schlossmuseums im Erdgeschoss liebäugelt, ist von der Wiederherstellung historischer Räume keine Rede. Das, findet Hinterkeuser, darf nicht das letzte Wort sein. Wenn schon die drei Barockfassaden und die Kubatur des Schlossbaus rekonstruiert würden, müsse sich dieser Impuls auch im Inneren fortsetzen: „function follows form“.

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Man könne nichts entbehren

Es ist der Punkt, um den sich seit Jahren die Debatte dreht, das Argument, an dem sich Befürworter und Gegner des Humboldtforums in seiner jetzigen Form scheiden. Dabei ließe sich beides, die Schlossgeschichte mit dem Kunstgewerbemuseum und die Präsentation der Weltkulturen, durchaus unter einen Hut bringen. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz müsste nur darauf verzichten, ihre Hälfte des ersten Hauptgeschosses mit Fachbibliotheken und -archiven zu belegen, die für das große Publikum weitgehend unzugänglich sein werden. Und die Stadt Berlin müsste sich überlegen, ob sie an Stelle einer überdimensionierten Außenstelle der Landesbibliothek nicht lieber einen historischen Museumstrakt hätte, der eine Brücke von der Dauerausstellung zur deutschen Geschichte im Zeughaus bis hinüber zu den Kulturschätzen der Museumsinsel schlagen könnte.

Auch die ständig wiederholte Beteuerung der Kuratoren von der Potsdamer Schlösserstiftung, man könne „angesichts der Kriegsverluste“ kein Bild und kein Möbelstück entbehren, erscheint nach der Lektüre von Hinterkeusers Buch hinfällig. Das Berliner Schloss selbst war ein Kriegsverlust - wenn auch eher einer des Kalten Kriegs als der Bombennächte. Seine Wiedererrichtung hebt den Proporz auf, der sich zwischen den Verwaltern des preußischen Kulturerbes seit 1990 eingependelt hat. Gerade in dieser Neuverteilung aber steckt eine gewaltige Chance, die weder die beiden Stiftungen noch die Politik bisher ganz begriffen haben. Und vielleicht müssten die Hüter von Charlotten- und Oranienburg ja gar nicht allzu viele ihrer kostbaren Originale dafür hergeben. Was unentbehrlich ist, lässt sich rekonstruieren. Wie das Schloss.

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Guido Hinterkeuser: „Das Berliner Schloss“. Die erhaltene Innenausstattung: Gemälde, Skulpturen, dekorative Kunst. Schnell & Steiner Verlag, Regensburg 2012. 176 S., Abb.,br., 14,95 €.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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