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Günther Anders: „Die Kirschenschlacht“

Fensterlos sind die Monaden, und unglücklich Liebende können von ihnen lernen

Von Susanne Klingenstein
 - 14:59

"Ihr grünäugiger Ghettoblick der Verwunderung setzt bei ihr stets dann ein, wenn sie Zeugin einer Leistung wird, deren sie trotz ihrer außergewöhnlichen Gaben selber nicht fähig ist." Der Satz stammt von dem Philosophen und Schriftsteller Günther Anders, mit dem Hannah Arendt von 1929 bis 1937 verheiratet war. Er eröffnet das verlockend betitelte Buch "Die Kirschenschlacht. Dialoge mit Hannah Arendt", das Gerhard Oberschlick herausgegeben hat. Es ist eines der befremdlichsten Bücher über Hannah Arendt. Doch man liest es mit Gewinn, wenn man es als Buch über den Autor begreift, über das Elend, erfahren zu müssen, dass man für die Geliebte der Nicht-Genügende ist. Das schmerzt lebenslänglich. "Die Kirschenschlacht" ist ein tief bewegendes Buch über Günther Anders.

Anders lernte Arendt 1924 in Marburg kennen, als beide die Vorlesungen Heideggers besuchten, mit dem Arendt zu dieser Zeit liiert ist. Darum hat sie für den brillanten Studenten Anders, der damals noch Günther Siegmund Stern hieß, keine Augen. Erst 1929 trifft sie ihn auf einem Maskenball in Berlin wieder. Arendt gibt seinem intensiven Werben nach; sie heiraten rasch.

Philosophische Schlachten beim Kirschenentsteinen

Doch die von Anders anvisierte intellektuell fundierte Lebens- und Denkgemeinschaft, wie seine eigenen erfolgreichen Eltern sie lebten, entsteht nicht, denn Hannah lässt sich nicht zähmen. Darauf bezieht sich das der "Kirschenschlacht" vorangestellte Motto, ein Einzelblatt aus dem Nachlass von Anders: "Gewonnen habe ich Hannah auf dem Ball mit der im Tanzen gemachten Bemerkung, daß Lieben derjenige Akt sei, durch den man etwas Aposteriorisches: den zufällig getroffenen Anderen, in ein Apriori des eigenen Lebens verwandle. - Bestätigt hat sich diese schöne Formel freilich nicht."

Wenn man Anders glauben kann, ging es nach der Hochzeit so weiter wie auf dem Maskenball. Die Eheleute bezogen eine winzige Wohnung in Drewitz bei Potsdam. Anders arbeitete an einer systematisch angelegten philosophischen Anthropologie, während Arendt ihre eigene Situation mit Hilfe eines Buches über Rahel Varnhagen in den Griff zu bekommen suchte. Die Wohnung hatte einen Zwergenbalkon, auf dem die Eheleute beim Kirschenentsteinen philosophische Schlachten schlugen. Anders hat nachher alles gewissenhaft aufgeschrieben und, so soll man glauben, diese Notizen durch alle Fluchten, Wanderungen, Umzüge hindurch bewahrt.

Vier Erinnerungsfragmente

Als Arendt im Dezember 1975 einem Herzinfarkt erliegt, ist Anders erschüttert. Seit 1937 war er von ihr geschieden, und hinter ihm lag ein aus vielen Gründen und an vielen Ungetümen gescheitertes Leben. Zu den Höhepunkten dieses Lebens gehörten die Balkongespräche 1929/30, als alles noch möglich schien. Darum sucht Anders im Dezember 1975 diese Notizen hervor und beginnt sie in Dialoge zu verwandeln, die er 1984 noch einmal überarbeitet. "Wie viel von Hannah darin ist", schreibt Anders, "kann ich nicht mehr bestimmen: Der Versuch, Hannahs schon damals ganz eigenständigen Denk- und Sprachstil wieder herauszurufen, ist mir nicht gelungen, nur der, ihre Gestik zu schildern."

Im zweiten der vier Erinnerungsfragmente, die Anders Dialoge nennt, geht es dann auch gleich los mit seinen Auslassungen über den Zerfall der Welt in endlos viele Monaden, die solipsistisch vor sich hin leben. Die Qualle vor Swinemünde weiß nichts vom Mond. "In der Zufälligkeit des Beispiels bestand natürlich die Pointe meiner Erläuterung. Und das war der Klugen natürlich völlig klar."

Kritik an Hochschulphilosophen

Im dritten Fragment geht es weiter mit seiner Beweisführung zur Irrelevanz des Menschen, hinter der sich seine Attacke auf Heidegger verbirgt. Anders bezichtigt ihn wie alle andern Hochschulphilosophen der Eitelkeit, "philosophische Anthropologie" zu betreiben. Darunter versteht er eine "politische Verblendungsmethode", die prätendiert, dass der Mensch metaphysisch ernst genommen werden muss. Diese Strategie diene den Mächtigen zur Erhaltung der Macht, weil sie durch Prätendieren der metaphysischen Zentralität des Menschen (Singular) die real in totaler Abhängigkeit von ihnen existierenden Menschen blind machen können "gegen die Tatsache, dass sich ,um sie' eben einfach nichts ,dreht'."

Anders gibt sich hier klassenkämpferisch, exponiert Arendts politische Naivität und Heideggers politischen Konformismus und versucht sich selbst als vom akademischen Establishment abgewiesener Außenseiter an die revolutionäre Spitze zu setzen: "Jedenfalls ist der Singular der ,Philosophischen Anthropologie' die akademische Methode, vermittels deren man die zwei ungern zugestandenen Tatsachen ,Klassengesellschaft' und ,Kolonialvölker' aus der Welt schaffen kann."

Eine unerwartete Falltür in die Abgründe der Seele

Mit Grobgestricktem dieser Art steuert Anders dann auf den Hurra-Patriotismus des Ersten Weltkriegs zu, der auch führende Intellektuelle erfasste, und deutet an - Seitenhieb auf Heidegger aus der Rückschau -, dass dies auch im sich abzeichnenden Faschismus wieder der Fall sein werde.

Und dann kommt der vierte Teil, den Anders absurderweise "Akademisches Nachwort" betitelt. Er öffnet ganz unerwartet eine Falltür in die Abgründe der Seele von Anders. Auf der Textoberfläche nimmt er seine 1929 geäußerte Anschauung vom Zerfall der Welt in isolierte Monaden zurück und beweist mit Hilfe von Textzitaten, dass Leibniz die Monaden gar nicht als "fensterlos" sah, sondern sie "nicht nur miteinander verbunden, aufeinander bezogen, sondern geradezu ,aufeinander aus' sind".

Es ging Anders darum, zu Hannah durchzudringen. Doch es gelang ihm nicht, das spürte er 1929/30. Er war monadisch isoliert. Als Anders und Arendt drei Jahre später im Pariser Exil lebten, stand es schlimm zwischen den beiden. Arendt wandte sich Heinrich Blücher zu. Christian Dries schreibt Blücher in seinem Nachwort eine an Heidegger erinnernde "maieutische Brutalität" zu, mit deren Hilfe er Arendt zur Arbeitsdisziplin erzog. Das hätte Anders auch brauchen können.

Ganz am Schluss kam es trotzdem noch zu einer bescheidenen Annäherung von Anders und Arendt in Briefen über den Atlantik. Sein rekonstruierter Dialog mit Hannah Stern ist das Dokument einer lebenslangen Obsession und Verzweiflung. In der Rekonstruktion versucht Anders, Hannah noch einmal in seine Welt zurückzuholen. Es gelingt ihm zwar nicht. Aber in der "Kirschenschlacht" behält er immerhin das letzte Wort.

„Die Kirschenschlacht“. Dialoge mit Hannah Arendt. Günther Anders. Verlag C. H. Beck, München 2011. 143 S., Abb., br., 16,- [Euro].

Quelle: F.A.Z.
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