Biographie über Talât Pascha

Die Christen sah er als Gefahr

Von Oliver Jens Schmitt
03.05.2021
, 23:30
Der Panturkist Talât Pascha gilt als Organisator des Genozids gegen christliche Armenier. Hans-Lukas Kiesers politische Biographie zeichnet die Kontinuität von Talât bis Erdogan nach.

Genozide haben ihren Klang. Mit Lilili-Trillern stachelten türkische und kurdische Musliminnen 1915/16 ihre Männer zu Raub und Mord an christlichen Armeniern an. Geplant von der osmanischen Regierung, geleitet von örtlichen Staatsvertretern, durchgeführt von Militärs und Zivilisten, stellt der Armeniergenozid den ersten großen Massenmord in der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts dar. Und wie bei anderen Genoziden ging es nicht nur um Morden, sondern auch um die Bereicherung der Täter.

Hans-Lukas Kiesers kluge, sprachlich feine und nachdenkliche Biographie von Talât Pascha, dem Organisator des Genozids, verleiht der Ermordung von rund eineinhalb Millionen christlicher Armenier erstmals ein Gesicht. Talât war geprägt von der Krise des (Spät-)Osmanischen Reiches: christliche und muslimische Untertanen forderten Autonomie und Rechtsstaatlichkeit. Bei den Eliten wuchs die Furcht vor dem Zerfall des Reiches.

Talâts Sozialisierung erfolgte in Geheimorganisationen reformorientierter radikaler Offiziere. 1908 stürzten diese Jungtürken den autoritär herrschenden Sultan Abdul Hamid, der den Panislamismus als Herrschaftsideologie mobilisiert hatte, um auch nichttürkische Muslime wie Albaner, Kurden und Araber an das Reich zu binden. 1908 bestand eine Chance, auch die vielen Millionen osmanischer Christen über einen parlamentarischen Rechtsstaat für das Reich zu gewinnen. Die Jungtürken aber etablierten eine Militärdiktatur. Als diese in den Jahren 1911/12 gegen Italien und die Balkanstaaten vernichtende Niederlagen erlitt, radikalisierte sich ihre Führung.

Dreißigjähriger muslimischer Genozid

Das Schwanken zwischen revolutionärem Triumph und Jammer der Niederlage beeinflusste Talâts Denken. Hatte er einige Zeit mit Armeniern zusammengearbeitet, sah er bald in diesen insgesamt eine tödliche Bedrohung für das Ziel seiner Gruppe: ein ethnisch und religiös homogenes Anatolien als Heimstatt einer islamisch-türkischen Nation. Die Armenier lebten sowohl in den großen Städten wie Istanbul als auch im östlichen Anatolien. Seit 1894 hatte Sultan Abdul Hamid blutige Pogrome mit Zehntausenden Opfern inszeniert. 1909 war es in Südanatolien zu weiteren Massakern an Armeniern gekommen. Die israelischen Historiker Benny Morris and Dror Zeevi sprachen jüngst von einem dreißigjährigen muslimischen Genozid an den Christen Anatoliens, der 1894 begann und mit Tod, Vertreibung und Flucht der Opfer 1924 abgeschlossen wurde.

Die wirtschaftlich erfolgreichen armenischen Kaufleute und Freiberufler störten die muslimischen Eliten ebenso wie die Klagen der armenischen Bauern in Ostanatolien, die von türkischen und kurdischen Grundbesitzern und Bandenführern enteignet und brutal behandelt wurden. Als sich die Großmächte am Vorabend des Ersten Weltkriegs dieser Frage annahmen, erschien dies Männern wie Talât als Kontrollverlust des Imperiums. Ihre Antwort auf die vielstimmigen Rufe nach Reform und Besserstellung der Christen war radikale Zentralisierung und Militarisierung der Macht. Sie waren gefangen in einem Ideengeflecht aus Sozialdarwinismus und extremer Christenfeindlichkeit.

Dschihad nach innen

Im Ersten Weltkrieg trat das Osmanische Reich an die Seite der Mittelmächte. Talât und seine Gesinnungsgenossen erkannten in dieser Konstellation die Möglichkeit, die Armenier ein für allemal auszurotten. Kieser spricht von einem Dschihad nach innen, gegen die eigene christliche Bevölkerung.

Das Deutsche Reich wurde dabei zum Komplizen. Talât nützte die Abhängigkeit Berlins von dem Verbündeten im Osten aus. Deutsche Eliten aber haben den am 24. April 1915 einsetzenden Genozid nicht nur hingenommen, sondern in Teilen auch begrüßt und unterstützt. In der deutschen Presse wurde Talât als beeindruckender Staatsmann gefeiert. Der Panturkismus, so Kieser, war von Deutschland großgezogen worden.

Talât gelang es auch, die Duldung und mediale Unterstützung einer zweiten wichtigen Gruppe zu erlangen: der Zionisten, die zur Erreichung ihrer Ziele in Palästina auf Talâts Wohlwollen hofften. Im Gegenzug erhielten sie von dem schlauen Taktiker aber keine konkreten Zugeständnisse. Kieser stellt die These einer „Leugnung, Relativierung, Beschönigung und Vertuschung der Armeniermassaker und des Genozids, von Herzls Bemühungen um Annäherung an Abdul Hamid bis zu israelischer Interessenpolitik im 21. Jahrhundert“ auf. Israel hat bis heute den Genozid an den Armeniern nicht anerkannt. Die Regierung Netanyahu hat Aserbaidschan mit jenen Waffen ausgestattet, mit denen das Regime in Baku jüngst den Krieg um Berg-Karabach gewonnen hat.

Türkische Kontinuität

Die eigentliche Kontinuitätslinie betrifft aber die moderne Türkei. Im Gegensatz zu der Selbstdarstellung, dass mit der Gründung der türkischen Republik durch Kemal Atatürk (1923) eine Epochenzäsur stattgefunden habe, betont Kieser die Kontinuität von Abdul Hamid über Talât, Atatürk bis zu Erdogan: christenfeindlicher Islamismus, Panturkismus, Ultranationalismus und Autoritarismus ziehen sich durch diese Geschichte. Sie haben, so Kieser, „zerrissene Gesellschaften und tödlich polarisierende Politikstile“ hervorgebracht. Die Genozidtäter sind auch verantwortlich dafür, dass sich die durchaus reale Chance auf eine ganz andere Entwicklung des Osmanischen Reiches nicht umsetzen ließ.

Dabei betrifft der von Talât ins Werk gesetzte Völkermord nicht nur das Osmanische Reich und als nie aufgearbeitete mentale Last die heutige Türkei. Der Völkermord muslimischer Türken und Kurden an christlichen Armeniern ist keine peripher-orientalische Erscheinung, sondern der Auftakt zu den Mordkampagnen des zwanzigsten Jahrhunderts.

Als Person ist Talât nur schwer greifbar. Der zeugungsunfähige Mann hatte seine ganze Kraft auf das konzentriert, was er als Rettung seiner Nation ansah. Bei Kriegsende floh er nach Berlin, wo er viel Unterstützung genoss. Er wurde von einem Armenier erschossen. Der Täter wurde freigesprochen. Sein Prozess erst machte die deutsche Öffentlichkeit mit Talâts Verbrechen bekannt. Heute feiert Präsident Erdogan die Verantwortlichen für den Genozid: Er tat dies zuletzt bei der Siegesparade Aserbaidschans im Dezember 2020. Talât Pascha und seine Taten gehören nicht einer fernen Geschichte an. Sie sind Teil der Gegenwart.

Hans-Lukas Kieser: „Talât Pascha“. Gründer der modernen Türkei und Architekt des Völkermords an den Armeniern. Eine politische Biografie. Aus dem Englischen von Beat Rüegger. Chronos Verlag, Zürich 2020. 440 S., Abb., geb., 48,– €.

Quelle: F.A.Z.
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