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Die Zeit zwischen den Kriegen

So golden waren die Zwanziger nun auch nicht

Von Alexander Gallus
21.09.2022
, 22:43
Für alle, die sich vor hundert Jahren nach Frost im Berliner Hochsommer sehnten: Skibahn im Schneepalast am Kaiserdamm, aufgenommen 1927 Bild: bpk / Kunstbibliothek, SMB, Photothek Willy Römer / Willy Römer
Jahre der explosiven Unausgeglichenheit: Harald Jähner widmet der Zeit zwischen den Weltkriegen eine kundige und souverän erzählte Darstellung.

Den Titel eines Buches so kurz wie passend zu wählen ist eine eigene Kunst. Harald Jähner gelingt dies nach seinem Buch „Wolfszeit“, das den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse erhielt, nun abermals. „Höhenrausch“ heißt seine Geschichte Weimars. Sie ist von viel Aufbruchstimmung und Euphorie geprägt, der aber häufig etwas Übersteigertes und Instabiles innewohnte. Ausgelassenheit und Energie des Höhenrausches drohten als Teil der Höhenkrankheit in Niedergeschlagenheit, Wahn und Bewusstlosigkeit umzuschlagen.

Die Analogie zwischen medizinischer und historischer Diagnostik ist aber nicht allzu sehr zu strapazieren. Es liegt Jähner fern, die Zwanzigerjahre als von vornherein verlorene Pathologiegeschichte zu erzählen. Ebenso wenig huldigt er blind dem damaligen Demokratieexperiment. Es gehört zu den Stärken des Buchs, Weimar nicht vorrangig anhand der Fluchtpunkte deutscher Diktatur- oder Demokratiegeschichte auszurichten, sondern vielmehr die Schwebezustände, Zwischenlagen und Widersprüche der Jahre zwischen 1918 und 1933 vor allem entlang der zeitgenössischen Wahrnehmung und Erfahrung zur Geltung zu bringen.

Die Perspektiven der früheren Akteure einzunehmen – ob der frohgemuten oder der geplagten – erfreut sich derzeit einiger Beliebtheit. An die Stelle großer Thesen und langer Linien treten notwendigerweise kurze Sichtweisen, wechselnde Stimmungslagen und subjektive Beobachtungen, die durch einen eher grob gezimmerten politik-, kultur- und gesellschaftsgeschichtlichen Rahmen einzufassen sind. In diese Art von Geschichtsschreibung fügt sich auch Jähners Werk ein. Sein gekonnt komponiertes, gut recherchiertes Weimar-Wimmelbuch funktioniert in seiner episodischen Erzählweise bestens. Zudem wird es durch eine Fotoauswahl, die ein gesondertes Lob verdient, exzellent illustriert. Am Ende aber fehlen neue analytische Ansatzpunkte und frische, zu produktivem Streit anregende Interpretationen.

Ballhäuser und Vergnügungspaläste

Ein begnadeter Geschichten- und Geschichtserzähler ist Jähner aber, und es bereitet Vergnügen, sich mit ihm auf eine temporeiche Tour zu begeben. Zwischen Start und Ziel folgt er dabei grundsätzlich der Chronologie, die nur hin und wieder dezent durchbrochen wird. Szenerien aus Revolutions- und Nachkriegszeit machen den Anfang und stehen – wie das gesamte Buch – im Zeichen paradoxer und widerspruchsvoller Konstellationen, die vom Nebeneinander außergewöhnlicher Gewalt und normalen Alltagslebens handeln, von Hass und Hoffnungen, von Zerrissenheit und Einheitssehnsucht. Diese explosive Unausgeglichenheit steigerte sich noch in den Inflationsjahren. „Die Erfahrung vom schleichenden Tod des Geldes“, schreibt Jähner, „veränderte die Menschen bis in die Nervenbahnen hinein.“ Sie litten unter dem „Gefühl einer komplexen Entwirklichung“, das über die Jahre der krassen Geldentwertung hinaus anhalten sollte.

Harald Jähner: „Höhenrausch“. Das kurze Leben zwischen den Kriegen. Bild: Rowohlt Berlin Verlag

Selbst in den Jahren 1924 bis 1929, als es aufwärts ging, blieb diese kollektive Verunsicherung spürbar. Auch deshalb sei die umstandslose Rede von den Roaring Twenties oder Goldenen Zwanzigerjahren ein „Mythos“, wie Jähner zu Recht betont. Gleichwohl lebt gerade auch sein Buch von diesem irritierenden Funkeln. Dieser Schein liegt wie feiner Goldstaub auf den meisten Kapiteln, die mindestens unterschwellig so etwas wie eine Weimar-Nostalgie bedienen: ein retrospektives Schwelgen in aufregenden, beschleunigten, so wendungs- wie risikoreichen Zeiten. Manchmal sorgt dies beim Autor für eine Begeisterung, die in sprachlichem Überschwang endet. Etwa, wenn er im an sich gelungenen Kapitel über den neuen Typus der Angestellten den Sekretärinnen an ihren Schreibmaschinen eine „Fingerfertigkeit“ attestiert, „die der großer Pianisten ebenbürtig“ gewesen sei.

Im Mittelpunkt des Buchs stehen Avantgarden und Veränderungen, das Neue: das Neue Bauen und Wohnen, die Neuen Frauen, die Neuen Menschen, die Neue Sachlichkeit. Dabei lässt Jähner regelmäßig Ambivalenzen hervortreten: So stellt er dem Bauhaus den Heimatschutzstil als eine weitere Form moderner Architektur gegenüber und zeigt, wie doch beide einem „antiornamentalem Geschmacksdiktat“ folgten. Er würdigt nicht nur den Bubikopf als äußeres Signum der Geschlechteremanzipation, sondern erinnert auch an den „modernisierten Gretchentyp“. Er führt in die Ballhäuser und Vergnügungspaläste einer neuen Unterhaltungskultur, die Shimmy, Charleston und Jazz zele­brierte, ohne dass er unerwähnt lässt, wie selbstverständlich auch Anhänger der neuen Musik von „Nigger-Songs“ sprachen.

Mit der Geduld am Ende

Sosehr Jähner von den Beobachtungen und zeitdiagnostischen Zeugnissen damaliger Künstler und Intellektueller profitiert, übt er an ihnen doch gerne Kritik. Sie urteilten ihm häufig zu überheblich, verächtlich und miesepetrig. Dem „Weltekel“ und den „lustfeindlichen Exerzitien“ eines George Grosz oder Otto Dix kann er wenig abgewinnen. Siegfried Kracauers Rede von den großen Tanzlokalen als „Pläsierkasernen“ offenbart für Jähner nur die „mimosenhaften Reflexe einer pikierten linken Elite“. Der „Weltbühne“, dem führenden Blatt einer heimatlosen Linken, ist eines der schwächsten Kapitel gewidmet.

Jähners Werk blüht in den Kapiteln über Weimars vergleichsweise sorgenfreie Mitteljahre regelrecht auf. Die frühen Dreißigerjahre, die Zeit der Weltwirtschaftskrise und der Depression, verlieren diese Unbeschwertheit, und das färbt hier auch auf die Darstellung ab. Seinem Grundanliegen bleibt Jähner aber auch in diesen Abschnitten treu, wenn er Farbtupfer auf eine Geschichte setzt, die er nicht im eintönigen Grau belassen will. So erinnert er an wichtige literarische und musikalische Werke, an Werner Heisenbergs Physik-Nobelpreis 1932 und Max Schmelings Weltmeistertitel im Schwergewichtsboxen, aber auch an demokratische Kampfverbände neben jenen der radikalen Republikverächter, an die Einweihung der Autobahn zwischen Köln und Bonn sowie Vorzeichen einer Entspannung auf dem Arbeitsmarkt.

„Es gehört zur Groteske dieses unwürdigen Endes der Weimarer Republik“, urteilt Jähner zutreffend, „dass es objektiv wieder aufwärtsging, als zu viele Menschen die Geduld mit ihr verloren.“ Er ist überzeugt davon, dass die Chance zur Fortexistenz oder Wiederbelebung der Republik bis zuletzt bestand. Das liest sich wie ein Appell, sich in Krisenzeiten weder Heilsversprechungen noch dem vermeintlichen Schicksal zu ergeben, sondern einen klaren Kopf zu behalten.

Harald Jähner: „Höhenrausch“. Das kurze Leben zwischen den Kriegen. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2022. 560 S., Abb., geb., 28,– €.

Quelle: F.A.Z.
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