Buch über den Bubikopf

Ein Haarschnitt mit revolutionärer Wirkung

Von Alexander Gallus
13.06.2021
, 12:09
Zeichen von Modernität oder kultureller Niedergang? Helga Lüdtke erörtert die Auseinandersetzungen um den Bubikopf in der Weimarer Republik.

Gefällt Ihnen der Bubikopf?“, fragte der Sozialpsychologe Erich Fromm Arbeiter und Angestellte am Ende der Weimarer Republik. Mit seiner empirischen Erhebung wollte er einiges über kulturelle und ästhetische Standards, aber auch im Wandel begriffene Geschlechterrollen in Erfahrung bringen. Der Bubikopf, hielt Fromm als Ergebnis seiner Studie für das Frankfurter Institut für Sozialforschung fest, sei weit verbreitet und werde in der Bevölkerung überwiegend akzeptiert. Diese Frisur, hieß es weiter, bringe weibliche Emanzipationsbestrebungen zum Ausdruck. Sie trage dazu bei, die „konventionelle Unterscheidung zwischen Mann und Frau“, aber auch Generationsunterschiede zu verwischen und traditionelle Konventionen herauszufordern.

So betrachtet, konnte ein Friseurbesuch weit über Geschmacksfragen hinausreichen. Bis heute gilt der „Bubenkopf“, wie er anfangs hieß, als Ikone der Goldenen Zwanziger und Signet der „Neuen Frau“, die selbstbewusst eine gewandelte Lebensweise beanspruchte. Von einfachen Erfolgsgeschichten und Fortschrittserzählungen hält Helga Lüdtke allerdings nicht allzu viel. Sie betont in ihrem Buch, wie mannigfaltig die Motive für den Bubikopf-Schnitt sein konnten. Was in dem einen Fall ein markantes Zeichen der Selbstbestimmung und geschlechterspezifischer Ernsthaftigkeit war, entsprang in dem anderen lediglich einem modischen Trend oder dem spielerischen Wunsch nach Maskerade.

Friseure waren skeptisch

Überhaupt gehört es zu Lüdtkes Anliegen, ein weites Spektrum von Stimmen und Bildern samt Ambivalenzen erkennbar werden zu lassen. Indem sie Geschichte als Collage versteht, will sie Stereotype und Generalisierungen vermeiden und den Variantenreichtum des weiblichen Eigensinns ebenso wie des männlichen Blicks widerspiegeln. Von einer Überhöhung der „Neuen Frau“ als Teil einer von Goldglanz überstrahlten Weimar Culture ist sie weit entfernt.

Die Friseure begegneten dem Trend, der von Paris ausging und dem „Coupe à la Garçonne“ bald auch in Berlin zu Popularität verhalf, zunächst mit Skepsis. Im zentralen Verbandsorgan, der „Deutschen Allgemeinen Friseur-Zeitung“, war zu lesen, der Bubikopf sei eine „Frisur für verlauste Russinnen, nicht aber für eine Dame“ und überhaupt ein „Unglück für unseren Beruf“. Das war allerdings ein Irrtum, sollte das Geschäft mit der Kurzhaarfrisur doch regelrecht aufblühen.

„Ausdruck der ganzen hier vorliegenden Lebenshaltung“

Der Formenvielfalt waren kaum Grenzen gesetzt: Sie reichte von glatt und kurz als markanter „Herrenschnitt“ über die Wellenfrisur einer „Ondulation à la Marcel“ bis zur einzelnen „Schmachtlocke“ über der Wange, dem berühmten „Herrenwinker“. Anhand vielfältiger Quellen – ob Modezeitschriften, Filmplakate oder Notenblattcover, Autobiografien oder private Tagebücher, satirische Verse oder Liedtexte – zeigt Helga Lüdtke, wie viel Aufmerksamkeit eine Frisur auf sich ziehen konnte und wie verschiedenartige Interpretationen an die Chiffre „Bubikopf“ geknüpft wurden.

Ein populärer zeitgenössischer Schlager lebte von der Songzeile „Jede Gnädige, jede Ledige trägt den Bubikopf“. Es waren aber nicht nur die Damen der besseren Gesellschaft und der neue Typus weiblicher Angestellter, die diesen Look prägten. Für den evangelischen Pastor und religiösen Sozialisten Günther Dehn gab es „kaum noch ein Proletariermädchen“, das die „alte Haarpracht“ trage. Stattdessen sehe man unter ihnen allenthalben den „wahrlich metaphysikfreien Bubikopf“, der „sinnvoller Ausdruck der ganzen hier vorliegenden Lebenshaltung“ sei.

Aufbruchsstimmung und Abwehrreflexe

In der Verbreitung des Bubikopfs lag seine geradezu revolutionäre Wirkung. Wie stark sie war, zeigte sich unmittelbar in veränderten Mode-Kontexten. Ein neues Schönheitsregime entstand, die Kosmetikindustrie florierte ebenso wie die Branche der Hutmacher und Unternehmen, die Modeschmuck in großer Zahl preiswert und halb industriell fertigten. „Der Schmuck der Frau“, kommentierte die Journalistin Gabriele Tergit mit ironischem Unterton, „ist nicht mehr der Bankausweis des Gatten.“

Frisur- und Stilwandel standen für Aufbruchsstimmung, provozierten aber auch Abwehrreflexe. Was den einen als Zeichen wünschenswerter Modernität galt, betrachteten die anderen als kulturellen Niedergang oder „undeutsche“ Gefahr für das moralische Gefüge der Nation. Radikalrechte Kulturkritik mischte der Verfallsklage manch antisemitische Note bei. Der weibliche Kurzhaarschnitt, ätzte „Der Stürmer“, umrahme am besten ein „jüdisches Frechgesicht“. Der Slogan „Arisch ist der Zopf, jüdisch ist der Bubikopf“ erfreute sich im völkischen Milieu großer Beliebtheit.

Dass es nicht bei verbalen Stigmatisierungen blieb, verdeutlicht Lüdtke im Kapitel über die gewalttätige Haarschur. Eindringlich berichtet sie von Frauenschicksalen in nationalsozialistischen Konzentrationslagern, erinnert aber auch an das vergleichsweise unbekannte Treiben sogenannter Scherenklubs im Ruhrkampf. Sie machten es sich zur Aufgabe, Frauen, die sich mit Besatzungssoldaten eingelassen hatten, als Kahlgeschorene zu entehren und an den Pranger zu stellen.

Im privaten oder beruflichen Raum beanspruchten Väter, Ehemänner und Arbeitgeber, über die Gestaltung des weiblichen Schopfes entscheiden zu dürfen. Bevor Friseure die Schere zum Bubikopf ansetzten, verlangten sie bisweilen eine beglaubigte Ermächtigung vom Vater oder Gatten. Rund um das Erscheinungsbild der Frau fochten folglich nicht allein Ideologen und Traditionalisten einen Sittlichkeitskampf. Selbst ein liberales Blatt wie die „Berliner Illustrirte Zeitung“ rief 1925 der „Vermännlichung der Frau“, wie es hieß, ein „Nun aber genug!“ entgegen.

Trotz aller Schattenseiten vermittelt Lüdtke kein trübsinniges Bild der Weimarer Jahre. Es kommen auch all jene auf ihre Kosten, die sich an der Rezitation zeitgenössischer Couplets erfreuen oder mit der Schauspielerin Asta Nielsen, der Modedesignerin Coco Chanel und der Bauhaus-Künstlerin Marianne Brandt den funkelnden Glanz einer Epoche wiederentdecken wollen. Mit ihrer Geschichte des Bubikopfs ist Helga Lüdtke ein originelles und differenziertes, liebevoll gestaltetes und wunderbar illustriertes Buch zur Kultur-, Alltags- und Gesellschaftsgeschichte Weimars gelungen. Nach der Lektüre lautet die Antwort auf Erich Fromms Eingangsfrage: „Der Bubikopf“ gefällt.

Helga Lüdtke: „Der Bubikopf“. Männlicher Blick, weiblicher Eigen-Sinn. Wallstein Verlag, Göttingen 2021. 304 S., Abb., geb., 24,– €.

Quelle: F.A.Z.
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