Jay H. Gellers „Die Scholems“

Sicherheit stellte sich nie mehr ein

Von Magnus Klaue
22.02.2021
, 22:03
Gruppenbild mit Kontrasten: Jay H. Geller folgt in seiner Biographie „Die Scholems. Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie“ den Lebensläufen der gleichnamigen Brüder ins Exil.

Jede historische Biographie verlangt, indem sie Darstellung und Deutung verbindet, nach einem ihr angemessenen Erzählstil. Sie kann die Chronologie der Ereignisse in der Darstellung aufbrechen, ihre Dramaturgie an Daten oder an Orten ausrichten, sie kann die Montage des Heterogenen gegenüber dem kontinuierlichen Erzählfluss bevorzugen. Nur muss sie den Zusammenhang der gewählten Form mit dem historiographischen Erkenntnisinteresse zur Geltung bringen. Jay Howard Geller, Professor für jüdische Geschichte in Cleveland, Ohio, hat seine Studie „Die Scholems“ geradezu als Pastiche biographischer Romane des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts angelegt. Nicht nur erinnert ihr Titel an Thomas Manns 1901 erschienene „Buddenbrooks“, auch leitet er sie mit einer Namenstafel der Mitglieder der Familie Scholem ein, wie sie sich oft in Romanen des bürgerlichen Realismus findet.

Die Tafel führt die Protagonisten der Familiengeschichte an, die Geller als beispielhaft für Biographien von Juden des deutsch-jüdischen Bürgertums ihrer Zeit deutet: den Druckereibesitzer Arthur Scholem, der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in Berlin mit seiner Ehefrau Betty ins deutsch-jüdische Unternehmertum aufgestiegen war; Arthurs Eltern Siegfried und Amelie sowie seine Großeltern väterlicherseits; vor allem aber die vier Söhne von Arthur und Betty, deren Lebenswege Geller in den Mittelpunkt rückt: Reinhold, Erich, Werner und Gerhard Scholem, der sich später Gershom nannte. Die Biographien dieser Söhne schlüsselt er als charakteristisch für vier gegenläufige Weisen auf, in denen bürgerliche Juden auf den Antisemitismus im Kaiserreich und auf das durch den Nationalsozialismus erzwungene jüdische Exil reagierten.

Neugierig, aber auch argwöhnisch

Während Reinhold und Erich, die sich als Mitinhaber der väterlichen Druckerei zunächst am Lebensweg des Familienoberhaupts orientierten, entweder durch Identifikation mit dem Nationalstaat (Reinhold verstand sich als Deutschnationaler) oder mit dem Liberalismus (Erich hielt bis über das Exil hinaus am Ideal der Assimilation fest) dem Stigma zu entgehen suchten, verhielten sich Werner und Gerhard auf gegenläufige Weise idiosynkratisch gegenüber Nationalstaat und Assimilation: Werner, indem er im Kommunismus eine Möglichkeit sah, die jüdische Herkunft in einen kosmopolitischen Begriff von Zukunft einzubringen; Gerhard, indem er sich für eine Verbindung von Judentum und Nationalstaatlichkeit einsetzte, in der er die richtige Antwort auf den Antisemitismus sah.

Geller verbindet die Lebensläufe der Söhne zwar zu einer Gruppenbiographie, aber ihr Fokus liegt auf dem prominentesten der Söhne, Gershom Scholem. Im Prolog beschreibt er dessen Ankunft im Hafen von New York mit der Queen Mary im Februar 1938: „Es ist sein erster Besuch in diesem Land, das er neugierig, aber auch etwas argwöhnisch betrachtet. In den nächsten Wochen wird er mehrfach vor großem Publikum sprechen, wissenschaftliche Bibliotheken aufsuchen und unter den emigrierten deutsch-jüdischen Intellektuellen alte Bekannte wiedertreffen. Aus seinen Vorträgen wird später ein Buch entstehen, das bei seiner Leserschaft die Wahrnehmung der jüdischen Mystik von Grund auf verändern ... wird.“ Kontrastiv dazu werden die Erfahrungen der anderen Söhne im Jahr 1938 erzählt: die Inhaftierung des als Kommunist verfolgten Werner in Buchenwald, der dort zwei Jahre später ermordet wurde; das Engagement des in Sydney lebenden Reinhold für Emigranten; die Flucht von Betty, die nach der „Reichskristallnacht“ Deutschland verließ.

Solidarität trotz ideologischer Differenzen

Die parallele Darstellung der Lebensläufe führt Geller das Buch über fort: bei der aus Walter Benjamins „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ schöpfenden Darstellung der frühen Lebensjahre der Brüder, die auf den Anspruch des Vaters auf Fortsetzung der beruflichen Erbfolge unterschiedlich reagierten; bei der Darstellung der gegenläufigen Politisierung infolge des Ersten Weltkriegs; schließlich bei der Beurteilung der Weimarer Republik als Epoche der Demokratisierung oder Präludium zum Nationalsozialismus.

Die Stärke von Gellers Buch liegt in der Fähigkeit zur Zusammenschau, die es ermöglicht, durch kontrastiven Blickwechsel nachvollziehbar zu machen, wie die zeitweise Verfeindung der Brüder, aber auch ihre trotz ideologischer Differenzen bestehende Solidarität aus der unterschiedlichen Verarbeitung gemeinsamer Erfahrungen entsprangen. Auf diese Weise erscheint die Unerbittlichkeit Gershoms gegenüber der Versöhnungspolitik der Bundesrepublik und ihrem Pathos des „Dialogs“ als Revokation der Feindseligkeit Werner Scholems gegenüber dem Weimarer Pathos von Republikanismus und Demokratie. Und im „Sydney und Jerusalem“ überschriebenen Kapitel über das „Nachleben“ im Wohnort von Erich und Reinhold in Australien und am Wirkungsort von Gershom in Israel veranschaulicht Geller, wie trotz der ökonomischen und politischen Sekurität sich bei beiden Brüdern nie wieder ein Gefühl von „Sicherheit“ einzustellen vermochte, was sich in Gershoms skrupulöser Beaufsichtigung seines intellektuellen Erbes ebenso niederschlug wie in Erichs Versuch, als Fünfzigjähriger in die australische Armee einzutreten.

Was Gellers Erschließungsleistung allein trübt, ist die Neigung zur anteilnehmenden Beobachtung, die schon im Prolog seinen Protagonisten Gefühle (Neugier, Argwohn) zuschreibt, ohne dass diese dokumentiert wären. Auch das durchgängig verwendete retrospektive Futur – „Aus seinen Vorträgen wird später ein Buch entstehen“ – schreibt der Studie eine Teleologie ein, die durch das Verfahren der kontrastiven Montage gerade dementiert wird. Doch das sind stilkritische Einwände gegen ein Buch, von dem zu hoffen ist, dass es für die Erforschung der neueren deutsch-jüdischen Geschichte kanonisch wird.

Jay H. Geller: „Die Scholems“. Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie. Aus dem Englischen übersetzt und für die deutsche Ausgabe bearbeitet von Ruth Keen und Erhard Stölting. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag​, Berlin 2020. 462 S., Abb., geb., 25,– €.

Quelle: F.A.Z.
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