Geschichte der Freimaurer

Geheimnis muss schon sein

Von Florian Ebeling
20.02.2021
, 18:04
Hehr sind ihre Ziele, aber nicht immer die Realität: John Dickie führt in seinem Buch durch dreihundert Jahre Geschichte der Freimaurerei.

Im Jahr 1717 begann eine Geschichte von Geheimnissen, Legenden und Mythen, die eine Vielzahl von Romanen, Enthüllungstexten, Fachliteratur, Schauspielen, Opernlibretti, Kompositionen und auch Filmen hervorgebracht hat. Kann man hinter der schillernden Wirkungsgeschichte der Freimaurerei noch historische Realien erkennen?

Vor gut dreihundert Jahren schlossen sich in London vier Logen, die Organisationsform der Freimaurer, zur ersten „Großloge“ zusammen. Die Mitglieder werden in zahlreichen aufeinander aufbauenden Einweihungsritualen in diese diskrete Gesellschaft aufgenommen, deren Existenz bekannt ist, deren Interna aber weitgehend vor der Öffentlichkeit geheim gehalten werden.

Das Spiel von sichtbarer Oberfläche und verborgener Tiefe gehört zur Freimaurerei: Ihre Symbole und Rituale haben eine Bedeutung, die zwar immer wieder erläutert, aber nie endgültig festgelegt wird. Humanität, Toleranz und Brüderlichkeit gelten ihnen als Ziele ihrer Arbeit, aber gerade das Unsichere, Unergründliche und der Verdacht machen ihren Reiz aus. So greift jede Definition zu kurz, und jede noch so nüchterne Beschreibung ließe das kulturgeschichtlich Wirkungsvollste aus, wenn nicht auch das Unbestimmbare, der schillernde Mythos und das unauflösbare Geheimnis gewürdigt werden. Wie also die Freimaurer beschreiben? Ein homogenes Phänomen war sie ohnehin nie, und was echte Freimaurerei ist, war unter Freimaurern selbst immer schon umstritten.

„Die erste umfassende Darstellung“?

Kein Wunder, dass es eine Gesamtdarstellung der Freimaurerei bislang nicht gibt, jedenfalls keine, die die wissenschaftliche Literatur grob überblickt, gut lesbar ist und eine große Themenvielfalt bietet. Genau das will John Dickie mit seinem Buch leisten, das nun in deutscher Übersetzung erschienen ist. Schriften zur Freimaurerei sind zahlreich: Viele sind von Freimaurern selbst verfasst und haben häufig einen apologetischen Tenor, wenn auch gute Forschungsbeiträge darunter sind. Es gibt Sensationsliteratur im Zwielicht von Esoterik und Rassismus, und es gibt Forschungsbeiträge, die die Freimaurerei mit einem eng definierten Erkenntnisinteresse und im Kontext fachdisziplinärer Fragen untersuchen. Dickies Buch nun soll, wie es auf dem Schutzumschlag heißt, „die erste umfassende Darstellung der Geschichte der Freimaurerei“ sein.

Es ist in siebzehn Kapitel unterteilt, die in chronologischer Ordnung zu zeigen versuchen, was Freimaurerei „in besonders signifikanten Zeiten und Orten rund um die Welt“ sein konnte. In den ersten Kapiteln geht Dickie auf die Geheimhaltung ein, schildert die Rituale, Symbole und Erkennungszeichen und die Ursprünge der Maurerei, um in den folgenden Kapiteln ihre Verbreitung in Fallbeispielen zu beschreiben. Der Autor ist Brite, lehrt Italianistik am University College London und hat sich mit Studien zur Mafia einen Namen gemacht. So bildet die Schilderung der Zusammenhänge von organisierter Kriminalität in Italien und den Freimaurern einen der originellsten Beiträge dieses Buches, die meisten und besten Geschichten sind in Großbritannien und seinen Kolonien, den Vereinigten Staaten und Italien angesiedelt.

Dickie zeigt neben dem Licht auch den Schatten

Dabei erläutert Dickie auch, wie Freimaurer bisweilen ihre hehren Werte verraten haben, er will neben dem Licht auch den Schatten zeigen und die Antifreimaurerei der katholischen Kirche oder autoritärer Staaten beschreiben. Wir erfahren, wie sehr die Freimaurerei in die Rassenkonflikte in den Amerikas involviert war, dass sich Rassisten in der Freimaurerei heimisch fühlen konnten, aber auch „People of Colour“ sich in Logen organisierten und so gesellschaftliche Anerkennung in den Vereinigten Staaten beanspruchten. Dickie berichtet, wie eng der „American way of life“, Antikommunismus, Kapitalismus und ein reaktionäres Gesellschaftsbild mit der Freimaurerei verbunden waren.

Die Kapitel, die in Italien spielen, machen deutlich, wie sehr die Freimaurerei in die Politik verstrickt war: Sie diente der Etablierung autoritärer Herrschaft, war auch eine revolutionäre Kraft und wurde immer wieder in Korruption, Verbrechen und Machtmissbrauch verwickelt, so in der berüchtigten Loge P2, zu der unter anderen Silvio Berlusconi gehörte, oder in der Verflechtung mit der ’Ndrangheta, der kalabrischen Mafia.

Überzeugend sind auch Dickies Ausführungen zu Imperialismus und Nationalismus in seiner ausführlichen Darstellung von Rudyard Kipling als Freimaurer. Hier waren echtes Bemühen um Humanität und kolonialer Übermenschenhabitus bisweilen verwirrend eng miteinander verbunden. Dass sich die Freimaurerei in Asien und Afrika verbreiten konnte, verdankt sich auch dem Kolonialismus. Nur in seltenen Fällen (wie bei Motilal Nehru) dienten Logen auch dem Kampf um nationale Selbstbestimmung.

Eine wichtige Ergänzung zur Erfolgsgeschichte

Dickie gelingt es zu zeigen, wie die Freimaurerei in die weltpolitischen Entwicklungen verflochten war und wie sich politische oder finanzielle Interessen Einzelner in der Freimaurerei artikulierten. So erfahren wir, dass die deutsche Freimaurerei nicht nur vom Nationalsozialismus verfolgt wurde, sondern sich ihm in Teilen auch zunächst anzudienen versuchte. Wenn das auch in der Wissenschaft nichts Neues ist, so ist es doch eine wichtige Ergänzung der gängigen Erfolgsgeschichten moralischer Integrität und Werttreue, die ansonsten gern über die Freimaurer geschrieben werden.

So interessant diese Einblicke auch sind: Eine umfassende Darstellung der Geschichte der Freimaurerei ist dieses Buch nicht. Es weist Lücken auf, die unvermeidlich, aber gerade für deutschsprachige Leser bedauerlich sind. Was über die Freimaurerei in Deutschland, Frankreich, Nord- oder Osteuropa erzählt wird, ist oberflächlich und in effektheischenden Sätzen irreführend (rauschende Feste, die Mozart und Haydn in Wien als Freimaurer gefeiert hätten). Der Zusammenhang von Literatur und Freimaurerei, sei es in den Geheimbundromanen oder in der Erweckungsliteratur, kommt so wenig vor wie Gotthold Ephraim Lessings oder Johann Gottlieb Fichtes philosophische Auseinandersetzung mit den Logen. Als einziger Text wird ein Gedicht von Rudyard Kipling etwas eingehender besprochen.

Dickie hat sein Buch als Journalist und weniger als Wissenschaftler geschrieben; es fehlen eine Besprechung der Forschungspositionen, eine Erläuterung seines Erkenntnisinteresses und seiner Methoden wie auch saubere Zitate anstelle beiläufiger Andeutungen. Als Darstellung ohne dezidiert wissenschaftlichen Anspruch ist sie allerdings eine gute Einführung in die Vielfalt dessen, was in den vergangenen dreihundert Jahren als Freimaurerei verstanden werden konnte, gut lesbar, häufig unterhaltend und kenntnisreich. Die aufgeblasene Rhetorik und kitschige Symbolik des Schutzumschlags hat sie gar nicht nötig.

John Dickie: „Die Freimaurer“. Der mächtigste Geheimbund der Welt. Aus dem Englischen von Irmengard Gabler. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2020. 544 S., geb., 26,– €.

Quelle: F.A.Z.
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