John Muir und Yosemite

Spaziergänge bei Vollmond

Von Cornelius Dieckmann
23.10.2021
, 22:30
Lichtgestalt des Umweltaktivismus: John Muir sorgte sich um die Ökosysteme Amerikas, lockte mit seinen Texten aber Touristen in die unberührte Natur.
Hört auf die Töne der Wildnis: John Muirs Buch über den Yosemite-Park erscheint erstmals auf Deutsch. Ganz ohne Irritation lässt es sich heute allerdings nicht mehr lesen.
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Die Felsformationen des Yosemite-Nationalparks, die Three Brothers, der Half Dome, El Capitan, übertürmen jedes Individuum. Es kann einem unheimlich werden bei dem Gedanken, wie nichtig man ist in dieser natürlichen Antike. Oder man fühlt sich frei. „Die ganze Welt lag vor mir und ich hatte viel Zeit, also erschien es mir nicht wichtig, in welche Wildnis ich zuerst wanderte“, beschreibt John Muir dieses Gefühl in seinem 1912 veröffentlichten Buch „Yosemite“. Es sind Erinnerungen eines alten Mannes an frühe Erkundungen. Nun liegen sie erstmals auf Deutsch vor. 1868 hatte Muir, der als Gründungsvater des Nationalparkgedankens gilt, erstmals Yosemite bewandert, später verbrachte er mehrere Jahre in der kalifornischen Wildnis.

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Muir wurde 1838 im schottischen Dunbar in eine streng christliche Familie hineingeboren, die wenige Jahre später in die Vereinigten Staaten auswanderte. Die Enge der Kirchendoktrin schüttelte Muir ab, ihr sakrales Vokabular aber wurde zentraler Teil seiner Naturbeschreibungen. Am Yosemite-Wasserfall etwa „summieren sich die Regenbögen, die alles in ein göttliches Licht tauchen“, in den Canyons am Nevada Fall sieht Muir eine „Mühle der Götter, in der ganze Berge zermahlen werden könnten“.

Fast kindliche Assoziationen

Weißbärtig wie Rip Van Winkle und sich orientierend am Ethos der Transzendentalisten, wurde Muir zur Urfigur des amerikanischen Naturschutzes. Seine Lehrer im Geiste hießen Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau. Emerson, der in seinem Essay „Natur“ (1836) die Metapher des „transparenten Augapfels“ einführte, der er unter dem Eindruck der Wildnis werden wolle; Thoreau, der in „Walden“ (1854) die genügsame Abgeschiedenheit der Selbstbewirtschaftung zelebrierte.

John Muir: „Yosemite“.
John Muir: „Yosemite“. Bild: Matthes & Seitz Verlag

Es verwundert also nicht, dass auch Muir Spiritualität unter Yosemites Gestirnen verspürt. Er wandert unter mammuthaften Sequoias, rutscht auf Händen und Füßen über glitschiges Gestein, spaziert „bei Hochwasser und Vollmond“ Schluchten entlang, kostet den Wildwuchs. Am lebendigsten ist seine Prosa, wenn sie schwelgt und sich fast kindliche Assoziationen erlaubt. „Die Stirn des El Capitan war von langen Schneewehen wie mit Haar geschmückt“, schreibt Muir über den riesigen Felsvorsprung über dem Yosemite Valley.

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Unterwegs mit Theodore Roosevelt

Auffällig ist, wie stark Muir mit dem Ohr schrieb – wohl auch Ausdruck eines Gefühls der Unzulänglichkeit bloßer Worte, um dem Spektakel gerecht zu werden. Schon 1872 hatte er frustriert notiert: „Keine Menge an Wortmacherei kann je auch nur eine Seele dazu bringen, diese Berge zu ‚kennen‘. Ein Tag in den Bergen ist besser als eine Wagenladung an Büchern.“ Weil sich die Töne dieser Wildnis leichter vermitteln lassen als ihr Antlitz, singt bei Muir der Yosemite-Wasserfall mit der „vollsten und mächtigsten“ Stimme und wird im Frühling zum „Konzertmeister dieses glanzvollen Orchesters“, dessen Sinfonie getragen wird von den Canyon-Strömen, die „mit tiefem Bass wirbelnd durch die Niederungen fegten“. Selbst der Wald wird Instrument: „Wenn man den Klang einzelner Nadeln vernehmen möchte, sollte man bei windigem Wetter auf einen Baum klettern. Jede Nadel ist sorgfältig gestimmt und bringt nicht einen falschen Laut hervor.“

Zu Muirs Erbe gehört freilich mehr als der Überschwang in der ästhetischen Naturerfahrung. John Muir war ein prototypischer Umweltaktivist. In „Yosemite“ und anderen Schriften kritisierte er die Privatisierung der Wälder, sah schon damals die größte Bedrohung für Nordamerikas Ökosysteme im Menschen. Paradoxerweise waren es dann auch Muirs Texte, die rücksichtslose Touristen anlockten, die er „Tempelräuber und Anhänger des alles verzehrenden Wuchers“ nennt.

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Eine entmenschlichende Haltung

1890 erreichten Muir und seine Mitstreiter, dass Yosemite zum Nationalpark erklärt wurde. Mit seinem Sierra Club, einem Verein gleichgesinnter Naturschützer, setzte er sich dafür ein, dass das Yosemite Valley aus kalifornischer Hand in die Kontrolle der Bundesregierung überging. 1903 konnte er bei einer legendär gewordenen dreitägigen Campingtour den damaligen Präsidenten Theodore Roosevelt von seinem Anliegen überzeugen.

Es ist nur eine von vielen Ambivalenzen, dass Roosevelt zugleich ein begeisterter Trophäenjäger war. Auch Muir lässt sich heute kaum mehr ohne Irritation lesen, denn seinem leidenschaftlichen Naturschutz haftete auch ein ethnischer Protektionismus an. Der kenianische Ökologe Mordecai Ogada argumentiert im Nachwort der vorliegenden Ausgabe, dass Muir „nur ein vergleichsweise vernünftiges Mitglied einer brutalen und primitiven kolonialen Siedlerklasse war, die die Natur schätzte und versuchte, sie ihren einheimischen Besitzern zu entreißen“. Tatsächlich muss man nicht lange suchen, um Beispiele für Muirs entmenschlichende Haltung etwa gegenüber amerikanischen Ureinwohnern zu finden.

Da heißt es, dass Kaliforniens Eichen „von Indianern und Spechten“ für ihre schmackhaften Eicheln geschätzt würden oder dass „Indianer (…) wie Bären auf die Bäume“ kletterten. Es folgt die vielsagende Aufzählung „Indianer, Bären, Coyoten, Füchse, Vögel und andere Bergbewohner“. Gegen Ende schildert Muir kühl, wie die Ureinwohner, nach denen Yosemite immerhin benannt ist, von weißen Siedlern vertrieben wurden: „Einige wurden friedlich umgesiedelt, bei anderen war es notwendig, ihre Dörfer und Vorräte zu verbrennen.“ Die Errungenschaften wie Verfehlungen des amerikanischen Naturschutzes lassen sich hier anhand seines emotionalen, ideologischen Unterbaus begreifen.

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Heute besuchen jährlich vier Millionen Menschen den Yosemite-Nationalpark, wegen des großen Andrangs musste die Parkverwaltung Reservierungen einführen. Man blickt besorgt auf diese Zahlen, wie John Muir es wohl auch getan hätte. Und doch kann man es ihnen kaum verdenken, kommen sie doch aus eben dem Bedürfnis, das den amerikanischen Individualismus seit jeher prägt – und das bei Muir aus jeder Seite spricht: dem Wunsch, allein zu sein und später anderen davon zu erzählen.

John Muir: „Yosemite“. Aus dem Englischen von Jens Lindenlaub und Max Henninger. Mit einem Nachwort von Mordecai Ogada. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2021. 255 S., geb., 25 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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