Neues Buch von Josef Reichholf

Wer hat hier wen domestiziert?

Von Kurt Kotrschal
19.02.2021
, 22:56
Als die Wölfe unsere Nähe suchten: Der Biologe Josef H. Reichholf fragt, wie sich der Hund an der Seite des Menschen entwickelte. Seine wichtigste These dürfte Laien und Spezialisten gleichermaßen überraschen.

In seinem Buch erläutert Josef Reichholf, wie vor gut dreißigtausend Jahren Wolf und Mensch zusammengekommen sein mögen und wie daraus Hunde entstanden. Ein bedeutendes Thema, denn Hunde wurden zu den wichtigsten Kumpantieren des Menschen. Die zwei Teile des Buchs handeln von persönlichen Erfahrungen mit dem Reichholf’schen Familienhund Branko und der skizzenhaft dargelegten Entwicklung des Hundes. Ersteres ist charmant zu lesen, wenn auch etwas breit ausgewalzt und argumentativ eher schwach gewürzt. Dies kann man von den umfassenden und oft überraschenden Szenarien der frühen Beziehung zwischen Mensch, Wolf und Hund nicht behaupten. Der Autor konsultiert wissenschaftliche Untersuchungen und formt daraus, flankiert von seinem biologischen Wissen, eine spannende Geschichte.

Reichholf prüft die gängigen Hypothesen zur Hundwerdung und vertritt eine starke Meinung. Er schließt Kooperation und gemeinsame Jagd – wie etwa von der amerikanischen Anthropologin Pat Shipman vertreten – als Grund für die frühe Wolf-Mensch-Allianz aus und entscheidet sich für das Konzept der „Selbstdomestikation“. Die Wölfe hätten sich nach und nach den Menschen angeschlossen, weil diese interessante Ressourcen boten; schließlich habe die damit verbundene „Selektion auf Zahmheit“ über viele Generationen zwangsläufig in Richtung Hund geführt. Heute ist aber klar, dass ohne Handaufzucht der Wölfe ein Zusammenleben nicht möglich gewesen wäre und dass die verschiedenen Hypothesen einander nicht ausschließen. Im wissenschaftlichen Lagerstreit reift die Einsicht, dass viele Aspekte in der Hundwerdung zusammengespielt haben mussten. Leider bleibt Reichholf beim Entweder-oder. Auch die Spiritualität als wichtiger Faktor der frühen Mensch-Wolf-Beziehung kommt bei ihm nicht vor.

Kooperation bei der Jagd

Dafür suggeriert der Untertitel des Buches, dass sich das Zusammenleben mit Hunden auf die Natur des Menschen ausgewirkt hat. Es spricht tatsächlich einiges dafür, dass Menschen in den vergangenen Zehntausenden Jahren aufgrund einer immer intensiveren Kooperation sozial kompetenter wurden, also eine Art „Selbstdomestikation“ durchmachten. Aber hat das mit Wölfen oder Hunden zu tun? Die Idee, dass es das Zusammenleben mit Hunden war, welches uns Menschen „domestiziert“ habe, mag zwar herzerwärmend sein – belegbar ist sie nicht.

Man sollte also die Ausführungen des Autors zur Hundwerdung mit gebotener Skepsis lesen. Es scheint, als wäre seine Erfahrung mit einem einzigen „Wunderhund“ doch etwas wenig, um die in der wissenschaftlichen Literatur umherschwirrenden Hypothesen zur frühen Beziehung zwischen Mensch, Wolf und Hund einzuordnen. Gleichwohl geht es Reichholf nicht bloß um eine akademische Übung, sondern um eine gut nachvollziehbare Darstellung der gemeinsamen Entwicklung von Menschen und Hunden. Immer wieder schimmert beispielsweise durch, dass der Autor Wölfe aufgrund ihrer großen Zähne für gefährlicher hält als Hunde. Nach neueren Erkenntnissen ist das falsch. Keine Marginalie, denn die Überzeugung Reichholfs, dass es Selbstdomestikation, nicht aber Kooperation bei der Jagd gewesen sein muss, beruht auf diesem alten Vorurteil der aggressiven Gefährlichkeit der Wölfe.

Keine Reiz-Reaktions-Maschinen

Neben Bernd Heinrich und wenigen anderen zählt vor allem Reichholf zu jenen Biologen, denen es gelingt, mit ihren Büchern breites Verständnis zu schaffen. Sein neues Werk ist diesbezüglich allerdings nicht sein stärkstes, was sicherlich auch der Komplexität der Materie geschuldet ist. Wie kaum ein anderes Thema wird die Hund- und Menschwerdung von einer Unzahl (oft widersprüchlicher) wissenschaftlicher Ergebnisse, Hypothesen, Ideen und Vorurteile begleitet. Forschungsliteratur wird im Buch verständlicherweise eklektisch behandelt, was aber den Eindruck hervorruft, es würden nur bestimmte Meinungen zugunsten einer gewissen Einseitigkeit zugelassen.

Dazu kommt ein altbackener Ton, etwa wenn der Autor davon schreibt, der Wolf sei in seiner Hundwerdung zum Haustier „erniedrigt“ worden. Hinter dieser Formulierung lugt immer noch die längst ad acta gelegte Ansicht hervor, domestizierte Tiere seien die „degenerierte“ Version einer „edlen Wildform“. Heute sieht man Domestikation dagegen als Anpassung an ein Leben mit den Menschen.

Unzeitgemäß erscheint auch, dass der Autor im Zusammenhang mit der Kooperation zwischen Mensch und Hund von „Dressur“ spricht. Das klingt nach barschem Umgangston und Gängelung des Hundepartners, wird aber durch die ausführlichen Schilderungen des Reichholf’schen Zusammenlebens mit dem eigenen Hund gemildert. Hunde sind aufgrund neuerer Erkenntnisse keine Reiz-Reaktions-Maschinen. Sie interagieren mit ihrer Umwelt genauso über komplexe mentale Repräsentationen, wie wir Menschen das tun. Dennoch sind unterschiedliche Ansichten zulässig und erwünscht, zumal man trotz aktueller Erkenntnisse über die frühen Ereignisse in der Hundwerdung noch lange trefflich streiten wird.

Josef H. Reichholf: „Der Hund und sein Mensch“. Wie der Wolf sich und uns domestizierte. Hanser Verlag, München 2020. 224 S., geb., 22,– €.

Quelle: F.A.Z.
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