„Deutsche Wechseljahre“

Steht die Einheit der Literatur noch aus?

Von Jan Wiele
07.05.2021
, 15:22
Rhetorisch aufgerüstet: Michael Hametner wirft dem westdeutschen Feuilleton vor, einen Krieg gegen die ostdeutsche Literatur eröffnet zu haben, der bis heute andauere. Hinter seinem Ressentiment steckt viel nachvollziehbares Sentiment.

Dieses Buch verspricht in seinem Untertitel ein „Nachdenken“, und es stimmt nachdenklich. „Seit dreißig Jahren mühen wir uns damit, eine Wiedervereinigung, die als Beitritt verlangt war, in eine deutsche Einheit zu transformieren. Ist das nicht von vornherein aussichtslos?“ Die Hoffnung, dass es das nicht sei, will Michael Hametner, 1950 in Rostock geborener Journalist und Kritiker, am Ende nicht aufgeben. Woher er sie dann aber doch noch nimmt, ist fraglich, denn ein Großteil seines Essays besiegelt eher die Aussichtslosigkeit einer Einheit.

Er spricht gar von einer zweiten deutschen Spaltung nach 1989/90, und für diese verantwortlich macht er „das westdeutsche Feuilleton“. Das habe „den Krieg gegen die DDR-Literatur eröffnet“. Er zögert ob der Metapher, fragt: „Unangebracht, hier von Krieg zu sprechen?“ – sagt dann aber: „Ich denke nicht.“

Wie reagieren auf solche Bitternis?

Hametner wirft Journalisten, Kuratoren, Jurys und Institutionen von damals bis heute Arroganz und Unwissenheit vor, und er kommt zu dem Schluss, dass ostdeutsche Literatur und Kunst noch immer marginalisiert würden, teils auch bewusst verächtlich gemacht und stigmatisiert, wobei die Sicht auf politische Gesinnung und persönliche Schuld die Sicht auf Ästhetik verdeckt habe oder weiterhin verdecke.

Um das zu belegen, beginnt er beim „deutsch-deutschen Literaturstreit“ um Christa Wolf 1990 oder bei der Äußerung von Georg Baselitz aus demselben Jahr, wenige Monate vor der feierlichen Einheitszeremonie, die DDR habe „keine Künstler, keine Maler“, nicht einmal „Jubelmaler“, sondern „ganz einfach Arschlöcher“. Hametner macht, näher an die Gegenwart rückend, allenfalls Konzessionen, bleibt aber im Großen und Ganzen bei seinem Vorwurf. Selbst die zahlreichen für ihn „ostdeutschen“ Schriftsteller, die jüngst sehr erfolgreich geworden sind, oder bestimmte Ausstellungen, die sich doch ostdeutscher Kunst widmeten, gelten ihm eher als Ausnahme denn als Regel.

Ein solcher Generalvorwurf, der ganz verschiedene Gegenstände, Epochen und Generationen betrifft, kann in keiner noch so langen Rezension entkräftet werden. Müsste er es denn? Sich von Hametner provozieren zu lassen, stets den Widerspruch und das Gegenbeispiel zu suchen, hieße ja, seine Kategorisierung anzunehmen und in einem aus seiner Sicht „westdeutschen Feuilleton“ womöglich wiederum ignorant zu sein. Das genau möchte man nicht, zumal hinter Hametners Ressentiment (stellenweise ist es leider nicht anders zu nennen) das Sentiment durchscheint, eine Verletztheit, die stellvertretend für viele steht und zudem oft sehr nachvollziehbar ist. Etwa bei der Erinnerung an die Vereinigung der beiden deutschen Kunstakademien, die Hametner via Christoph Hein aufgreift. Der habe dabei „Wellen des Hasses“ durch den Saal schlagen sehen, etwa als von westlicher Seite gefragt wurde, ob Heiner Müller irgendeine Bedeutung außerhalb des Ostens zukomme. „Als der Antrag, Heiner Müller quasi eine ,Probezeit‘ in der Akademie zuzubilligen, gestellt wurde, gab es in Tokio einer Heiner-Müller-Woche, und New York bereitete sich auf ein Festival für den Meister vor.“

Die Reaktion auf solche Bitternis, gar Kriegsmetaphorik kann im Jahr 2021 und zumal für später Geborene nur ein Entgegenkommen statt der Entgegnung sein – im besten Fall verbunden mit der Bereitschaft, den Vorwurf anzunehmen. Man kann ja nur gewinnen, wenn man die von Hametner gelegten Fährten zu seiner Meinung nach unterschätzten und unterrepräsentierten Autoren und Künstlern aufnimmt, ob sie nun zu Werner Heiduczek oder Judith Zander, zu Doris Ziegler oder Dietrich Gnüchtel und manchen anderen führen. Und wenn man auch darüber nachdenkt, warum Autoren westdeutscher Herkunft tatsächlich sehr selten über ostdeutsche Sujets schreiben.

Manche wollen nicht mehr „im ostdeutschen Boot sitzen“

Einige Fragen bleiben trotzdem. Etwa die, warum Hametners Unterscheidung von Ost- und Westdeutschen offenbar nicht geographisch, sondern ideologisch gemeint ist. Autoren, die die DDR „als Folge von politischem Druck durch Zensur und Veröffentlichungsverbot vor dem Mauerfall verlassen hatten“, gelten ihm als „westdeutsche Kollegen“. Wären das also auch Wolf Biermann oder Sarah Kirsch, die man schon vor Ende der DDR ebenso gut als gesamtdeutsche Autoren bezeichnen konnte? Was wäre, um einen weniger populären zu nennen, mit Joachim Seyppel, der 1973 aus Überzeugung in die DDR zog und 1982 von ihr wieder ausgebürgert wurde?

Und was die jüngeren, gar nach 1990 Geborenen betrifft, stellt sich die Frage, ob sie sich überhaupt selbst als „ostdeutsche“ Schriftsteller oder Künstler sehen, wenn sie aus dem Osten Deutschlands stammen. Was würden Judith Schalansky oder Lukas Rietzschel sagen (die Hametner selbst erwähnt), was Jackie Thomae? Einer, den Hametner dazu selbst befragt hat, der Maler Lutz Friedel, gibt die Antwort: „Ich habe keine Lust mehr, mich mit Ost/West in dieser Form zu beschäftigen.“ Er wolle schon lange „nicht mehr in diesem ostdeutschen Boot sitzen“. Und doch beharrt Hametner darauf, dass Ost und West „mehr als nur Himmelsrichtungen sind“.

Das führt zu einem weiteren Stichwort, das er noch gibt: Er spricht von einer bis heute wirksamen „Ost-Poetik“. Ganz klar wird indessen nicht, was er damit meint, denn die Beispiele drehen sich eher um Inhaltliches wie Antifaschismus, Gerechtigkeit und Heldenbild, weniger um Formales. Und seine versuchsweise formale Einteilung, „ostdeutsche“ Literatur sei episch ausufernd (Tellkamp, Seiler, Ruge), „westdeutsche“ dagegen amerikanisch kurz, fordert nun wirklich zum Widerspruch heraus. Allein bei dem von Hametner auch gerühmten Ingo Schulze kann man sowohl das eine als auch das andere beobachten.

Eine gewisse Pointe liegt darin, dass Hametners Denkanstoß im Mitteldeutschen Verlag erscheint – der selbst eine bewegte Ost-West-Geschichte hat und mit der Publikation sein fünfundsiebzigjähriges Bestehen trotz mancher Wechseljahre feiert. Das Corona-Jahr 2020 brachte ihm sogar fast den Ruin. Zu DDR-Zeiten erschienen in diesem Verlag – nach den Anfängen auf dem „Bitterfelder Weg“ zur Arbeiterliteratur – bald auch Werke von Christa Wolf, Volker Braun und Elke Erb sowie der einflussreiche Roman „Nackt unter Wölfen“ von Bruno Apitz. Nach dem Neubeginn unter dem heutigen Verleger Roman Pliske hat der Verlag seine eigene Geschichte im Lichte jener Zeit aufgearbeitet, sei es in dem Band „Zensurspiele“ oder mit Bill Nivens Sachbuch „Das Buchenwaldkind“, das dem historischen Gehalt von Apitz’ Roman auf den Grund geht. Und der Verlag hat, neben neuen Schwerpunkten etwa in der georgischen Literatur, auch eine eigene Agenda gegen das von Hametner beklagte Vergessen und Marginalisieren, indem er etwa demnächst das Werk seines früheren Autors Werner Heiduczek wieder auflegen will, das in der DDR teils verboten war.

Michael Hametner: „Deutsche Wechseljahre“. Nachdenken über Literatur und Bildende Kunst. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2021. 224 S., br., 14 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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