Kien Nghi Ha: Asiatische Deutsche

Wie würdest du deine Herkunft beschreiben?

Von Tobias Rüther
31.08.2012
, 12:54
Die Ausnahmen und die Regeln: Der Sammelband „Asiatische Deutsche“ untersucht, wie unsere Gesellschaft ihre Einwanderer betrachtet - und wie diese mit den falschen Zuschreibungen zurechtkommen müssen.
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In den frühen siebziger Jahren sind die Eltern der Schauspielerin Minh-Khai Phan-Ti zum Studium aus Vietnam nach Deutschland gekommen. Später eröffneten sie ein chinesisches Restaurant. Ihre Tochter, die als Viva-Moderatorin erst nur mit Vornamen auftrat, hat sie spät davon überzeugen können, dass ein Restaurant mit vietnamesischer Küche Erfolg haben könnte. Heute spielt Minh-Khai Phan-Ti in der ZDF-Krimiserie „Nachtschicht“ eine Kommissarin mit chinesischen Wurzeln. Ihren ersten Fernsehauftritt hatte sie 1995 in „Frau Bu lacht“, Dominik Grafs preisgekröntem Münchner „Tatort“, der vom Ehehandel erzählt, und zwar mit thailändischen Frauen.

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Eine deutsche Schauspielerin und ihre Rollen, und die Rollen ihrer Eltern. Minh-Khai Phan-Ti, 1974 in Darmstadt geboren, wünscht sich, eines Tages als Deutsche besetzt zu werden, einfach so. Bislang aber, hat die Mainzer Amerikanistin Mita Banerjee festgestellt, schriebe man asiatischen Figuren meist einen Grund für ihre Präsenz auf den Leib, ein Problem. In Grafs „Tatort“ waren es sexuelle Dienstleistungen. Asiatinnen in Filmen wie diesen, ergänzt die Tübinger Koreanistin Sun-ju Choi, „sprechen kein Deutsch und können daher auch nicht deutsch sein; sie bleiben stets fremd.“

Ein weiter Begriff

Sun-ju Choi wie Mita Banerjee gehören zu den Autoren des Sammelbands „Asiatische Deutsche“, der untersucht, welche Existenzen und Identitäten die vietnamesische Einwanderung in die DDR und die alte und neue Bundesrepublik hervorgebracht hat: Ingenieure, aus denen chinesische Köche wurden, Nagelstudiobesitzerinnen, die im Austausch mit ihren Kolleginnen in den Vereinigten Staaten Waren und Dienstleistungswissen zirkulieren lassen, koreanische Krankenschwestern, zwangsselbständige Blumenhändler. Aber eben auch Künstler, Filmemacher, Schriftsteller, Wissenschaftler, ein paar von ihnen haben zu diesem Buch beigetragen - und zum „Dong Xuan Festival“, das im November 2010 im Berliner Hebbel Theater am Ufer stattfand und dessen Diskussionen hier dokumentiert sind.

„Asiatische Deutsche“: Das ist ein absichtlich weitgefasster Begriff, unpräzise, aber nicht einschränkend, worauf die Autoren des Bandes, der zwar durch und durch akademisch, aber auch politisch engagiert im Ton ist, Wert legen. „Einschlüsse“ und „Ausschlüsse“, wie es im Theoriejargon heißt, werden möglichst genau markiert: Wer spricht von wo aus über wen, wie vermeidet man Stereotypen „innerhalb des unabschließbaren Reservoirs an Möglichkeiten, deutsch und asiatisch zu sein“, wie der Herausgeber schreibt, der Berliner Kulturwissenschaftler Kien Nghi Ha. Das liest sich, wie bei den „Manikürist-innen“ oder „Migrant-innenökonomie“, oft nicht leicht. Andererseits stört der Duktus wohl nur den, der noch nie für einen Chinesen gehalten worden ist, obwohl er vietnamesische Eltern hat und in Darmstadt geboren wurde. Und im Kern geht es ja genau darum: Wie betrachtet eine Einwanderungsgesellschaft ihre Einwanderer? Und andersherum?

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Vietnamesen als Sündenbock

Die Beschäftigung mit „asiatischen Deutschen“ in der Bundesrepublik ist bislang eher im Stillen und akademisch verlaufen. Es gibt kaum prominente Vertreter, die in Talkshows säßen, sieht man vom Wirtschaftsminister Philipp Rösler oder Minh-Khai Phan-Ti ab - vielleicht kommt, nach Olympia in London, jetzt der Turner Marcel Nguyen dazu. In der Debatte um Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ fungierten vietnamesische Migranten als Ausnahme von der Regel der Integrationsverweigerer: die Eltern arbeiten hart, die Kinder machen Abitur. Migrantengruppen wurden gegeneinander ausgespielt, eine taktische Infamie, auf die die Autoren des Bandes wieder und wieder wütend zurückkommen.

Die deutsche Nachkriegsgeschichte seit 1945 ähnelt der vietnamesischen: ein geteiltes, dann wiedervereinigtes Land, eine kommunistische und eine marktwirtschaftliche Hälfte, Ost und West hier, Nord und Süd dort. Uta Beth und Anja Tuckermann beschreiben in ihrem Beitrag die offenbar geglücktere Aufnahme der Südvietnamesen in die alte Bundesrepublik und die Desolation der nordvietnamesischen Vertragsarbeiter in der DDR von 1987 an: Deren Aufenthaltsbedingungen wurden nie publik gemacht, Austausch mit der Bevölkerung war unerwünscht, das Gerücht kursierte, die Vietnamesen würden in Westmark bezahlt. Und als es dann Ende der Achtziger mit der Wirtschaft endgültig abwärts ging, sei es für die Machthaber praktisch gewesen, einen Sündenbock für eine Lage zu haben, in die sie ihr Land selbst gebracht hatten.

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Das Exil als Chance

Kurz nach der Wiedervereinigung, vor zwanzig Jahren brannte in Rostock-Lichtenhagen ein Wohnheim für vietnamesische Vertragsarbeiter, die Bilder vom „Sonnenblumenhaus“ sind jetzt wieder zu sehen gewesen. Fast vergessen ist dagegen, dass die ersten Opfer rassistischer Gewalt im Nachkriegsdeutschland zwei junge vietnamesische Migranten waren, die auf den Tag genau zwölf Jahre vor Lichtenhagen bei einem Brandanschlag auf ein Hamburger Flüchtlingsheim ums Leben kamen. Auch Ost und West lassen sich also nicht gegeneinander ausspielen, was gewalttätigen Rassismus betrifft.

Wie leben asiatische Deutsche in Deutschland heute? In der Wissenschaft ist derzeit der Begriff der „Diaspora“ hoch im Kurs, um die Zerstreuung zu beschreiben, die Migranten aus Vietnam in die Vereinigten Staaten und die Bundesrepublik gebracht hat. Auch dieser Band verwendet ihn: Diaspora, ursprünglich gleichbedeutend mit unfreiwilligem religiösem Exil, wird jetzt von Forschern wie dem Amerikaner James Clifford als Chance verstanden, als Zukunftsoption eines grenzüberschreitenden Austauschs von Wissen und Waren. Das muss aber nicht so sein. Die Suche nach dem richtigen Wort für eine so viel komplexere Gegenwart durchzieht den kompletten Band.

Er löst sich von seinem Ernst in Fragebögen, in denen asiatische Deutsche über das Leben reden, das sie führen. „Wie würdest du deine Herkunft beschreiben?“, lautet eine der Fragen. Die Künstlerin Nya Luong, geboren in Saigon, in Deutschland, seit sie zwölf ist, antwortet: „Südvietnamesin, französisch sozialisiert, mit chinesischen Wurzeln und nun ziemlich deutsch. Ein Hybrid.“ Aber welches Wort könnte das wirklich fassen?

Kien Nghi Ha (Hrsg.): „Asiatische Deutsche“. Vietnamesische Diaspora and Beyond. Verlag Assoziation A, Berlin 2012. 344 S., br., 18,- Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rüther, Tobias
Tobias Rüther
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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