Klaus Lieb: Hirndoping

Was ist dran am Hirndoping?

Von Christian Geyer
13.07.2010
, 18:02
Mit Psycho-Pillen Gedächtnis, Wachheit und Konzentration verbessern: Der Psychiater Klaus Lieb legt einen Lagebericht zur geistigen Leistungssteigerung vor, der sich von Dramatisierern und Verharmlosern nicht irre machen lässt.
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Verschwunden ist der Eigenbrötler. In Aldous Huxleys Welt der animierten, auf permanente Befriedigung ihrer Wünsche konditionierten Menschen gibt es keine Sonderlinge mehr, die ihren eigenen Streifen machen, dabei mehr oder weniger störanfällig ihre Höhen und Tiefen durchleben und sich im Übrigen ihren Teil denken. Stattdessen sind sie durch die Droge Soma an das größte Glück der größten Zahl angeschlossen - dauerstabile Geister, gegen jede Anfechtung pharmakologisch gefeit, zielführend ohne Zaudern und Zagen. „Bis du verdrossen, flugs Soma genossen“: So lautet in Huxleys Utopie der „Schönen neuen Welt“ der Wahlspruch für jede Jahreszeit. Inzwischen wird in der Realität des Jahres 2010 unter dem Stichwort „Neuro-Enhancement“ wahlweise die Gefahr oder die Verheißung beschworen, dass wir kurz vor dem Eintritt in eine pharmazeutisch hochgerüstete Huxley-Welt stünden, in der wir durch diverse Psycho-Pillen Glück und Leistung steigern könnten.

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Das jetzt bei Artemis & Winkler erschienene Buch „Hirndoping“ von Klaus Lieb lässt sich von den Dramatisierern und Verharmlosern des Themas nicht irre machen und legt zum ersten Mal im deutschen Sprachraum einen fachwissenschaftlich fundierten Lagebericht zum kognitiven Enhancement vor. Der Autor Lieb ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz und führt derzeit zusammen mit dem Philosophen Thomas Metzinger und Fachleuten aus anderen Disziplinen ein Forschungsprojekt durch, bei dem es um die Möglichkeiten geht, „bestimmte Aspekte unserer kognitiven Leistungsfähigkeit wie Gedächtnis, Konzentrationsfähigkeit, Aufmerksamkeit und Wachheit durch neue Medikamente zu verbessern und möglicherweise auch bei gesunden Personen dauerhaft zu optimieren“.

Dass die Grenze zwischen Therapie und kosmetischer Psychopharmakologie fließend geworden ist, wirft Fragen des ärztlichen Selbstverständnisses auf sowie rechtliche Überlegungen, die damit zu tun haben, dass hier verschreibungspflichtige Medikamente, die zum Teil unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, ohne medizinische Indikation konsumiert werden. Aber Lieb rückt die Proportionen zurecht und macht deutlich, dass sich hinter dem knalligen Namen Hirndoping keine Wunder-Pillen zur Herstellung von Klugheit, Denkvermögen und Urteilsfähigkeit verbergen - von Fähigkeiten mithin, für welche die Rede von geistiger Leistungssteigerung erst sinnvoll erscheint.

Ein passgenaues Medikament gibt es nicht

Liebs Buch ist zunächst einmal ein nüchterner Medikamentenführer. Zu den wirksamen Substanzen zählt der Autor die schon seit mehr als 70 Jahren bekannten Amphetamine, das seit 50 Jahren gebräuchliche Methylphenidat sowie Modafinil, das seit fast 20 Jahren auf dem Markt ist. Diese Substanzen wirken relativ unspezifisch über eine Forcierung des Botenstoffes Dopamin, der im Gehirn an Schlüsselstellen bindet. Antidepressiva haben dagegen kaum nachweisbare Effekte auf die geistige Leistungsfähigkeit bei Gesunden. „Von einer selektiven Wirkung auf spezifische Hirnfunktionen kann bisher keine Rede sein“, erklärt Lieb, die Erwartungen dämpfend. „Von der kleinen roten Pille, die im Gehirn passgenau einen Schalter umlegt, sind wir also weit entfernt.“

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Die Versuche, mit wichtigtuerischen Mahnschriften und Memoranden eine ethische Großdebatte zu dem Thema anzustoßen, hatten in der Vergangenheit denn auch etwas ausgesprochen Bemühtes an sich. Der Eindruck liegt nahe, dass die Pharma-Industrie selbst mit der Diskussion über ungelegte Eier die Nachfrage anheizen möchte - um den Boden für künftige Medikamente zu bereiten und als Direktwerbung für bereits verfügbare Leistungssteigerer. In diesem Sinne beobachtet Thomas Metzinger, dass die bisherigen Debattenversuche ein „Probierverhalten“ auslösen: „Selbst Leute, die vorher noch nie etwas von Modafinil gehört haben, glauben jetzt, sie müssten losgehen und das mal testen.“ Gleichzeitig halte sich die Nachfrage in Deutschland - auch in der wegen des Prüfungsstresses für Hirndoping besonders empfänglichen Gruppe der Studierenden - noch immer in sehr engen Grenzen. „Zumindest scheint es an deutschen Universitäten im Moment noch keine Enhancement-Epidemie zu geben wie in Amerika“, so Metzinger.

Unberechenbare Energiemaschinen

Als einem zentralen Gesichtspunkt widmet sich Klaus Lieb den Nebenwirkungen der heute gebräuchlichen Medikamente zum kognitiven Enhancement. Denn tatsächlich entscheidet die Frage der Nebenwirkungen in beträchtlichem Maß über die Akzeptanz von Pillen, die medizinisch nicht notwendig sind. Niemand will seine Gesundheit gefährden, nur um wacher, konzentrierter und besser gestimmt durchs Leben zu gehen. Eine gesteigerte Dopamin-Wirkung, wie sie mehrere Mittel anstreben, hält Lieb grundsätzlich für ein „unkalkulierbares Risiko“. Schon bei der Kurzzeitanwendung - also der gelegentlichen Einnahme von einzelnen Tabletten - können entsprechende Medikamente bei wiederum entsprechender Veranlagung aggressiver machen. Die Fähigkeit, aggressive Handlungsimpulse zu kontrollieren, ist dann nachhaltig gestört.

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„So kann es vorkommen, dass man durch Hirndoping unüberlegte oder leichtsinnige Handlungen ausführt, weil man seine Leistungsfähigkeit überschätzt oder risikofreudiger agiert.“ Die Gefahr, dass Manien oder Psychosen ausgelöst werden, besteht demnach insbesondere bei der langfristigen Einnahme von Amphetaminen. Lieb warnt vor Zuständen „euphorischer Stimmung oder Gereiztheit, in denen die Betroffenen antriebsgesteigert sind, mit zwei bis drei Stunden Schlaf pro Nacht auskommen, in allen Handlungsabläufen beschleunigt sind und versuchen, riskante Pläne umzusetzen“. Unberechenbare Energiemaschinen, die von Manien getrieben jeden Moment ausrasten können, sind für die Arbeitswelt kein Zuckerschlecken.

Soziale „Medikamente“

In einem eher anthropologischen Sinne spürt Lieb den kontraproduktiven Effekten des Hirndopings nach. So sei die Fähigkeit, kreativ zu denken, gerade durch ein gewisses Maß an Ablenkbarkeit durch eigene unsortierte Gedanken gekennzeichnet. Lieb zitiert eine Untersuchung, wonach Menschen, die an dem Aufmerksamkeitssyndrom ADHS leiden, zwar häufig unfokussiert denken, dass sie dadurch gleichzeitig aber auch kreativer sind, auf überraschende Lösungen und Ideen kommen. Außerdem frage sich, wie es mit der Empathiefähigkeit von Menschen bestellt ist, die es darauf anlegen, negative Erfahrungen systematisch medikamentös zu übergehen, statt an ihnen zu wachsen. Und was nutzt ein erweiterter Gedächtnisspeicher, wenn das Erinnerte nicht gewichtet und gegebenenfalls dem Vergessen anheimgegeben werden kann? In diesem Zusammenhang beruft sich der Autor auf die Freiburger Philosophen Joachim Boldt und Giovanni Maio, die im kognitiven Enhancement ein „technizistisches Missverständnis von Lebensführung“ ausmachen. Denn beim Hirndoping gehe es um die Optimierung von zielführenden Prozessen dergestalt, dass die Befragung der Ziele selbst aus dem Blickfeld gerät. Mit der Tendenz, soziale Probleme zu medikalisieren statt sie mit politischen Instrumenten lösen zu wollen.

Darin liegt neben der psychiatrischen Expertise der Reiz von Klaus Liebs Buch: die Verheißungen des Hirndopings auf ihre sozialen Voraussetzungen hin sichtbar zu machen. Vielleicht weisen so ausgerechnet unsere Botenstoffe auf Kant zurück, der ja meinte: Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.

Klaus Lieb: „Hirndoping“. Warum wir nicht alles schlucken solllten. Artemis & Winkler Verlag. 2010. 172 S., br., 16,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Christian Geyer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Geyer-Hindemith
Redakteur im Feuilleton.
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