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„Nochmal Deutschboden“

Für immer Hardrockhausen

Von Johannes Franzen
Aktualisiert am 06.04.2020
 - 19:02
Der Journalist und Schriftsteller Moritz von Uslar
Zehn Jahre nach „Deutschboden“ ist Moritz von Uslar nochmal in die brandenburgische Provinz gereist. Auch sein neues Buch ist besessen von der Härte und Melancholie, die die Männer dort angeblich auszeichnet.

Im zweiten Drittel seiner Reportage „Nochmal Deutschboden“, in der Moritz von Uslar von seiner Rückkehr in die brandenburgische Provinz erzählt, wird eine Bürgersprechstunde mit Katarina Barley, Spitzenkandidatin der SPD beim Europawahlkampf 2019, angesetzt. Der Autor hat die Politikerin eingeladen, damit sie in einer ausgewählten Runde den Bürgern der Kleinstadt Zehdenick Rede und Antwort steht. Es ist allerdings Barley selbst, die die entscheidende Frage stellt: „Wo sind denn die Frauen hier?“ Die Antwort kommt feixend aus dem hinteren Teil des Raumes: „Moritz hat keine eingeladen“. Dann: „Freude im Saal. Applaus.“

Was hier, durch eine Pointe auf Kosten des Autors, weggelacht und weggeklatscht werden soll, ist der zentrale Aspekt der beiden Bücher, die Uslar über die brandenburgische Kleinstadt geschrieben hat: „Deutschboden“ von 2010, und jetzt, zehn Jahre später „Nochmal Deutschboden“ sind besessen vom Thema Männlichkeit, von der Härte und der Melancholie, die kleinstädtische Männer angeblich auszeichnet. Für alles andere hat der „Reporter“, wie der Autor sich immer wieder in der dritten Person nennt, keine Energie und kein Interesse. Das wahre Leben spielt sich, das war schon die Erkenntnis des ersten „Deutschboden“, unter Typen in der Kneipe ab, an der langen Theke und beim Spielautomat. „Dazu Jeansjacken, rote Köpfe, Männerrücken, Männerhälse, Männerbäuche, Qualm, Bier. Yeah.“ Er sei, stellt der Reporter fest, in die Kleinstadt gekommen, um Männer protzen zu hören. Und man kann sagen, dass er diese ästhetische und journalistische Mission in „Deutschboden“ erfüllt hatte – so sehr, dass männliches Protzen als das eigentliche Gestaltungsprinzip dieses Buches erschien.

Nun ist der Reporter für „Nochmal Deutschboden“ nach Zehdenick zurückgekehrt. Die Motivation ist eine seltsame Mischung aus Nostalgie und Zweifeln. Zum einen ist da die Sehnsucht des Autors, wieder in seinem „dirty Hardrockhausen“ zu leben, nicht mit den netten Menschen zu sein, sondern mit den „Arschgeigen, den Hässlichen, Kaputten“. Zum anderen habe die politische Situation in diesem Land es dem Autor nahelegt, die Geschichte noch einmal von vorne zu erzählen. Kein „blödes Fortsetzungsbuch“ also, sondern der Versuch, als Reporter „neu klug dumm zu sein“. Inzwischen ist viel geschehen. Vor allem wurde durch die Wahlerfolge der AfD das Ausmaß einer politischen Verdunkelung sichtbar gemacht, die im ersten „Deutschboden“ noch als ausgestandener Spuk der 1990er Jahre verabschiedet werden sollte. Die „Nazizeiten“ der Kleinstadt jedenfalls, das erfuhr der treuherzige Reporter damals von seinen Männerfiguren, sei lange vorbei. Das Thema Rechtsradikalismus selbst wurde vom Reporter im ersten „Deutschboden“ als hemmungslos spießig und uncool abgetan, als etwas, das man zwar ansprechen muss, aber eher abhakt.

Dabei entstanden Formulierungen, die bereits jetzt, zehn Jahre später, unangenehm schlecht gealtert aussehen. Sätze wie: „Neonazis interessierten mich nicht“ oder „Mich interessierte eigentlich nichts, das war ja das Geile.“ Nazis fand der Reporter damals „vor allem wahnsinnig langweilig.“ Diese aggressiv apolitische Haltung folgte, etwas verspätet, dem Programm der Popliteratur. Florian Illies hatte bereits 2001 in „Generation Golf“ über die „Latzhosen-Moral der siebziger Jahre“ gespottet und im Anschluss an eine identifikatorische Lektüre von Christian Krachts „Faserland“ darauf hingewiesen, dass für seine Generation die Entscheidung zwischen einer grünen und einer blauen Barbour-Jacke von größerer Bedeutung sei als die zwischen CDU und SPD. Auch der Stil, in dem die „Deutschboden“-Bücher geschrieben sind, ist unmittelbar als Spielart des Popliterarischen wiederzuerkennen: die Mischung aus Ironie und ausgestellter Naivität, die umgangssprachliche Einfärbung und die auf Lesbarkeit getrimmte erzählerische Transparenz.

Es handelt sich um einen Stil, der sich in anderen Fällen durchaus als Gegengewicht gegen das öde Kunstwollen der deutschsprachigen Prosa bewährt hat, hier aber an einem Sujet scheitert, dem er ethisch und ästhetisch nicht gewachsen ist. Das erste „Deutschboden“ folgte einem journalistischen Ästhetizismus, der allein an der spannungsvollen Geschichte interessiert war, und der sich auf plakative Weise dem nicht mehr ganz taufrischen Erbe des New Journalism verschrieben hatte. Und ähnlich wie die männlichen Helden dieser Bewegung, Gay Talese, Tom Wolfe oder Hunter S. Thompson hatte von Uslar in seiner ersten „teilnehmenden Beobachtung“ viel zu viel teilgenommen und viel zu wenig beobachtet.

Das wurde besonders deutlich, als die Autorin Manja Präkels, die in Zehdenick aufwuchs, 2017 im „Spiegel“ den Vorwurf erhob, Uslar habe zur „Wiedergutwerdung“ ehemaliger Gewalttäter beigetragen – wogegen sich der Autor in einer empörten Erwiderung in der „Zeit“ zur Wehr setzte. Präkels kritisierte Uslar unter anderem dafür, dass er nicht genau genug hingeschaut habe. „Die Betroffenen“, schrieb sie, „leben in Angstzonen, die für all jene unsichtbar sind, die nichts zu befürchten haben.“ Uslar beharrte darauf: „Von Verharmlosung kann in ,Deutschboden‘ keine Rede sein.“

Der Reporter als Held

Man könnte also davon ausgehen, dass es sich bei „Nochmal Deutschboden“ um eine Art Abbitte handelt, um eine Korrektur der romantischen Verzerrungen des ersten Buches. Problembewusstsein wird ausgestellt. Ihm habe, schreibt Uslar, vor zehn Jahren „schlicht die Phantasie gefehlt, um zu erkennen, dass der Flirt mit rechts kein abklingendes Phänomen der Nachwendezeit und der jüngeren Vergangenheit gewesen war.“ Dass es sich dennoch nicht um eine Revision des ersten Buches handelt, zeigt sich dann vor allem auf formaler Ebene. In Zehdenick hat sich seit 2010 vielleicht einiges getan, aber als Leser fühlt man sich in „Nochmal Deutschboden“ sofort auf eine beklemmende Art heimisch. Denn stilistisch hat sich kaum etwas verändert. Wieder wird man von der popliterarischen Sprache unmittelbar angekumpelt. Wieder sind die Dinge wahlweise „geil“, „asozial“ oder „geisteskrank“. Wieder soll durch sprachliche Überdrehung eine Atmosphäre der Gefahr und Hektik erzeugt werden, die den Reporter als Helden dastehen lässt.

Und auch der breitbeinige Sexismus von „Deutschboden“ wird neu aufgelegt. Dabei war dem Autor doch aufgefallen, dass es hier ein Problem gegeben hatte. Zwischen den Frauen und dem Reporter habe es damals „Vorbehalte“ gegeben, „es hatte an Zutrauen, an Leichtigkeit, an Swing gefehlt.“ Das mag zum einen daran liegen, dass der Reporter Frauen offenbar mit „Leichtigkeit“ und „Swing“ assoziiert, zum anderen daran, dass der Blick auf Frauen im ersten „Deutschboden“ sich auf die Frage schön/hässlich beschränkte. Da wurde dann darüber fantasiert ob es bei „der Donnerbusen-Frau Maria“ wohl „unten so weiter ging, wie sie oben aussah“.

Sein Herz gehört den harten Jungs

Man nimmt also mit vorsichtigem Optimismus zur Kenntnis, dass der Autor dazugelernt hat und hofft darauf, dass er in „Nochmal Deutschboden“ auf Formulierungen wie diese verzichten wird: „Die harte Arbeit hatte aus Frauengesichtern Männergesichter gemacht“. Zur Hälfte von „Nochmal Deutschboden“ laufen sie allerdings bereits wieder durchs Bild, die „Frauen, die wie Männer aussahen“. Auch ansonsten ist der Reporter erneut auf das Äußere von Frauen fixiert, etwa die Schönheit einer Bäckerin, die sich aber zu seinem Leidwesen als Rassistin erweist.

Halbherzig spricht Uslar diesmal zwar etwas ausführlicher mit Frauen und auch mit People of Color, aber sein Herz gehört nach wie vor den „harten Jungs“, bei denen er „immer auch das verletzte, nicht oft genug an die warme Mutterbrust gedrückte Menschenkind“ erkennt. Dieser moralische Kitsch ist der Höhepunkt dessen, was man von „Nochmal Deutschboden“ an ethischer Selbstbefragung erwarten kann. Der Autor will sich die Welt, die er geschaffen hat und die Figuren darin einfach nicht kaputtmachen lassen. Das führt zu einem weitgehend apologetischen Grundtenor, der sich angesichts des teilweise offensichtlichen Rassismus und Rechtsradikalismus in der Kleinstadt in einer ausgestellten Hilflosigkeit inszeniert: „Aber hey: ja, keine Ahnung. Politische Reporter waren natürlich die anderen. Bestimmte Sätze – die mit dem zu schlauen Klang –, die konnte ich nicht hinschreiben, obwohl sie mir natürlich durch den Kopf gingen. Es gab eine Sperre. Ich wusste es auch nicht.“

Gemeinsames Bierchentrinken

Was in dieser scheinbaren Bescheidenheit zum Ausdruck kommt, ist deutlicher Hohn über den „zu schlauen Klang“ derjenigen, die den Versuch einer tatsächlichen politischen Analyse machen. Und so ist „Nochmal Deutschboden“ trotz der Forderung, dass es eine „politische Reportage“ werden müsse, wieder ein unpolitisches Buch geworden, das darauf vertraut, dass sich alle Probleme in der ewige Kameraderie des gemeinsamen Bierchentrinkens auflösen werden.

Das ist nicht nur intellektuell unbefriedigend, sondern auch ästhetisch. Was Uslar den Lesern und Leserinnen auch in „Nochmal Deutschboden“ als unverwechselbare Originale verkaufen will, ist nämlich in Wirklichkeit die immer gleiche Figur: der hart trinkende, unmöglich daherschwätzende, aber eigentlich auch lebensweise und liebenswerte Typ. Es ist die immergleiche Manifestation einer trostlos normierten Männlichkeit, hinter der sich – davon ist auszugehen – die eigentliche, die individuelle Traurigkeit dieser Menschen verbirgt. Uslar kommt aber nie in die Nähe dieser eigentlichen Geschichten, weil er die ausgestellte Traurigkeit des verordneten Männlichkeitsklischees mit der Traurigkeit verwechselt, die dieses Klischee kaschieren soll. So wird er nicht nur den Menschen, mit denen er nie richtig gesprochen hat, nicht gerecht, sondern scheitert auch an denen, die er ausgiebig zu Wort kommen lässt. Auch in „Nochmal Deutschboden“ ist der Wille zur Romantisierung das wichtigste Stilprinzip: „Geil, geil, der eiskalte und illusionslose Blick, der Zynismus – in dem Fall der von Raul – konnten so ein wunderbarer, ein erkenntnisreicher Spaß sein.“

Man kann sich als Leser allerdings einen wunderbareren Spaß vorstellen, als die ständigen Paraphrasen dessen, was die Protagonisten Raul und Heiko und Blocky und all die anderen Typen den lieben langen Tag in der Anwesenheit eines Aufnahmegerätes absondern. Da hilft auch der sprachliche Aufwand nicht, mit dem der Autor immer wieder versucht, deren lauwarmen Blödsinn in charakteristische Weisheiten umzubiegen. Nur, weil ein Statement „Raul-artig“ auf den Punkt gebracht wird, oder von der „Heiko-artigen Chuzpe“ und einem „typischen Blocky-Text“ die Rede ist, werden die wiedergegebenen Aussagen nicht weniger gleichförmig oder niederträchtig. Sprachliche Manierismen erzeugen keine Originale. Uslar hat auch in „Nochmal Deutschboden“ die genießerische Pose des Popliteraten nicht ablegt, und damit die Chance auf eine ernsthafte, und das heißt vor allem auf eine ästhetische Revision seines ersten Buches verspielt.

Quelle: F.A.S.
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