Alle Gemälde von Frida Kahlo

Schau mich an, stell dich mir!

Von Rose-Maria Gropp
24.10.2021
, 22:13
„Selbstbildnis mit Äffchen (und Señor Xólotl)“ und präkolumbischer Tonfigur, 1945, Öl auf Hartfaser, 56 mal 41,5 Zentimeter (Museo Dolores Olmedo)
Frida Kahlo erschuf eine eigenständige weibliche Ikonografie, in der Fantasie und Realität verschmelzen. Nun gibt es einen Band mit allen Gemälden der mexikanischen Künstlerin.
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Der Wiedererkennungswert von Frida Kahlos Gemälden ist in der Kunstgeschichte unerreicht. Ihre Selbstbildnisse haben auf der ganzen Welt Verbreitung gefunden, in unzähligen Reproduktionen; in allen denkbaren Formen sind sie in die kommerzielle Verwertung eingegangen. Das hat sie zur vermutlich bekanntesten Künstlerin überhaupt gemacht. Diese Kahlo-Überdosis hat ihre Schattenseite dort, wo Ermüdung droht, ein Sattsehen an den bekanntesten Bildern wie „Der kleine Hirsch“, mit ihrem Gesicht und den Pfeilen im Tierkörper gleich dem Märtyrer Sebastian, oder „Die gebrochene Säule“, die ihren von Nägeln durchbohrten geöffneten Körper stützt.

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Das ist bedauerlich, weil es den Blick auf das einzigartige Œuvre dieser Ausnahmekünstlerin verstellt, das weit über scheinbar unablässige Selbstbetrachtung hinausgeht. Umso verdienstvoller ist es, dass jetzt der Band „Frida Kahlo. Sämtliche Gemälde“ auch die wenig bekannten Facetten ihres Schaffens ausleuchtet. Was seit Jahrzehnten als Welt der Frida Kahlo beschworen wird, erfährt eine längst fällige, großartige Horizonterweiterung.

Eine kompromisslos idiosynkratische Bildwelt

Der Herausgeber Luis-Martín Lozano und die Autorinnen Andrea Kettenmann und Marina Vázquez Ramos sind fern jener Deutungsart, die unausrottbar den Inhalt der Bilder als schlicht deckungsgleich mit der Person der Künstlerin behandelt. Stattdessen unternehmen sie in kenntnisreichen und sehr gut geschriebenen Texten eine Revision ihrer Vorbilder. Sie zeigen, dass zu ihnen auch ihr Vater Guillermo Kahlo, der Fotograf und selbst Maler war, gehört. Sie identifizieren den Einfluss zum Beispiel des deutschen Verismus. Es musste nicht erst der mexikanische Künstler Diego Rivera kommen, um ihr, der Autodidaktin, Vorlagen zu liefern. Die Autoren ordnen ihr Schaffen in die damaligen Avantgarden ein, zeigen die wenig beachtete Modernität mancher ihrer Bilder.

Luis-Martín Lozano (Hrsg.): „Frida Kahlo: Sämtliche Gemälde“. Texte von Andrea Kettenmann und Marina Vázquez Ramos.
Luis-Martín Lozano (Hrsg.): „Frida Kahlo: Sämtliche Gemälde“. Texte von Andrea Kettenmann und Marina Vázquez Ramos. Bild: Taschen Verlag

Die umstandslose Einsortierung Kahlos in den Surrealismus unter der Ägide von André Breton funktioniert ebenso wenig. Was Breton und seinem westlich geprägten Weltbild Exotismus bedeutet haben mag, war für sie gelebte Wirklichkeit. In Kahlos, gewiss eine Zeit lang surrealistisch inspirierter, Kunst findet die mexikanische religiöse Ex-voto-Malerei ihren Widerhall, stärker als Traum oder Mythos. Ihre kompromisslos idiosynkratische Bildwelt erschafft eine eigenständige weibliche Ikonografie, in der Fantasie und Realität verschmelzen.

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Die stolze Distanz der Unberührbarkeit

Geboren wurde Frida Kahlo, getauft übrigens noch „Frieda“, 1907 in Mexico City als Tochter eines deutschstämmigen Vaters und einer mexikanischen Mutter. Sie starb 1954, zu Tode erschöpft, bis zuletzt versuchte sie zu malen. Ihre frühe vermutliche Kinderlähmung im rechten Bein, ihr Unfall in einem Bus, als sie achtzehn Jahre alt war, mit Verletzungen, die ihr lebenslange Schmerzen aufbürdeten; ihre von heftigen Gefühlen gezeichnete Beziehung zu Diego Rivera; ihre Liebhaber, Männer wie Frauen, ihre zunehmende Abhängigkeit von Alkohol und Drogen: Es stimmt, all das ist in ihrer Kunst. Aber dort ist auch eine unbändige Kraft, eine enorme Sensibilität für andere Menschen, meist ihr nahestehende und Freunde, deren Bildnisse sie erschafft; der Wille zur Weltverbesserung. Sie brannte für die mexikanische Revolution und zeit ihres Lebens für den Kommunismus.

„What Water Gave Me“, 1938/39, Öl auf Leinwand, 69 mal 88 Zentimeter (Privatsammlung)
„What Water Gave Me“, 1938/39, Öl auf Leinwand, 69 mal 88 Zentimeter (Privatsammlung) Bild: Bridgeman Images

Deshalb ist es falsch, dass Frida Kahlo nachgerade notorisch als die „Schmerzensfrau“ schlechthin besungen wird. Diese Attitüde unterschätzt ihre beunruhigende Kunst nicht nur, sondern hegt sie ein und entschärft sie, als ein vom individuellen Leiden gezeichnetes Schaffen, sie selbst umhüllt von folkloristischen Gewändern, mit Schmuck bestückt, von Tieren umgeben. Auch damit räumt der neue Band auf. Natürlich ist es die Magie ihrer berühmten Selbstporträts, dass sie den Betrachter zu fixieren scheinen: Schau mich an, stell dich mir! Und zugleich halten sie die stolze Distanz der Unberührbarkeit zum Gegenüber. Doch daneben kommen endlich auch Kahlos umwerfende Stillleben in den Fokus, mit den wie pulsierenden Früchten, samt ihrem symbolischen, keineswegs naiven Gehalt.

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Rar und kostspielig

Was dieses monumentale Buch besonders auszeichnet, ist das – zum ersten Mal, soweit jedenfalls ersichtlich – vollständige Verzeichnis der Gemälde. Darin sind auch die verlorenen Bilder dokumentiert in Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Jedes der insgesamt 152 Werke ist mit einer ausführlichen Beschreibung versehen und in den Schaffenszusammenhang eingeordnet. Dieser Katalog ist außerordentlich verdienstvoll. (Zuletzt erschien 1988 „Frida Kahlo: Das Gesamtwerk“, das allerdings mit gut 140 Gemälden unvollständig war.) Hinzu kommt, dass immer wieder Fälschungen auftauchen, die sich an die „Fridamania“ anhängen. So erschien 2009 der Bildband „Finding Frida Kahlo“, in dem ein Antiquitätenhändlerpaar einen „Schatzfund“ mit zahlreichen Dokumenten, Objekten und sogar Gemälden aus Kahlos angeblichem Besitz vorstellte. Das aufwendig inszenierte Konvolut ist nach der Meinung von Experten als falsch einzustufen; in den „Sämtlichen Gemälden“ findet sich entsprechend keine Spur davon.

In den Texten des Katalogs kommen auch Herkunft und Verbleib der Werke zur Sprache. Kahlos Gemälde sind äußerst rar im Kunstmarkt und kostspielig. Von ihren Selbstporträts wurde zuletzt 2006 in New York das nur dreißig mal fünfzig Zentimeter messende Ölbild auf Metall „Roots“ für fünf Millionen Dollar zugeschlagen. Ein deutlich größeres Selbstporträt von 1929 kam 2000 auf 4,6 Millionen Dollar ; seither war es nicht mehr in der Öffentlichkeit zu sehen. Bereits 1995 kostete das „Selbstbildnis mit Affe und Papagei“ von 1942 aus der einstigen IBM-Sammlung 2,9 Millionen Dollar.

Auch das war Kahlo: die vielleicht meistfotografierte Künstlerin. Für Edward Weston, Lola Álvarez Bravo oder Nickolas Muray posierte sie in vollem Ornat. Also kommen zu den ausgezeichneten Reproduktionen ihrer Werke, deren Konsistenz und Gemachtheit so nie zuvor zu betrachten war, die Fotografien aus allen Phasen ihres Lebens. Damit ist die sorgfältige kunsthistorische Aufarbeitung nicht nur Befreiung Frida Kahlos aus ihrem Schmerzenskäfig, sondern auch Erlebnis für ihre Anhängerschar.

Luis-Martín Lozano (Hrsg.): „Frida Kahlo: Sämtliche Gemälde“. Texte von Andrea Kettenmann und Marina Vázquez Ramos. Taschen Verlag, Köln 2021. 624 S., Abb., geb., 150 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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