Philosophie der Klimadebatte

Heute schon klüger sein als hinterher

Von Uwe Justus Wenzel
04.01.2021
, 22:22
Wie nimmt die Zukunft uns in die Pflicht? In ihren neuen Büchern belegen Bernward Gesang und Johannes Müller-Salo den Nutzen der Philosophie in der Klima-Debatte.

„Hinterher“ sei man immer klüger, ruft eine Alltagsweisheit spöttisch oder auch tröstlich – je nach Bedarf – in Erinnerung. In manchen Situationen sagt die Redewendung zugleich, dass man „vorher“ gar nicht habe wissen können, dass die Uhrzeiger auf „vorher“ standen. Stichwort: unvorhersehbare Nebenfolgen. Es kann noch ein wenig verwickelter sein – dann, wenn man bereits weiß, dass ein „Vorher“ vorbei ist, weil ein „Hinterher“ seine Schatten erkennbar vorauswirft, der Schadensfall jedoch noch nicht zur Gänze eingetreten ist. Eine solche Konstellation scheint die Klimakrise zu sein.

Im Licht der Redensart weist sie eine weitere Besonderheit auf: Es ist nicht völlig auszuschließen, dass man dieses Mal „hinterher“ doch nicht klüger ist, weil niemand mehr da sein wird, der klüger werden könnte. Neben diesem drohenden Nachteil – der Möglichkeit des Untergangs der menschlichen Zivilisation in fernerer Zukunft – hat die Klimakrise aber eben (wenn man es so nennen möchte) einen Vorteil, einen Erkenntnisvorteil: Wir wissen (längst) genug, um schon jetzt klüger zu sein und etwas zu tun – in der Absicht und in der Hoffnung, damit doch noch wenigstens das Schlimmste abwenden zu können.

Die Antworten auf die Frage, was konkret und vordringlich getan werden sollte, fallen bekanntlich unterschiedlich aus. Darum ist es nicht unvernünftig, obgleich die Zeit drängt, sich die Zeit zu nehmen, darüber nachzudenken. Das geht leichter und vielleicht auch schneller, wenn man ein Buch aufschlägt, dessen Autor bereits nachgedacht hat. Ein unlängst erschienenes empfiehlt sich durch den Titel „Mit kühlem Kopf“. Sein Untertitel lautet: „Über den Nutzen der Philosophie für die Klimadebatte“. Bernward Gesang macht den Nutzen der Philosophie allerdings weniger zum Thema, als dass er ihn vorführt, genauer: den Nutzen einer angewandten Ethik, die sich auf utilitaristische Prinzipien stützt, auf Grundsätze und Kriterien also, die – knapp gesagt – die Folgen und den „Gesamtnutzen“ von Handlungen abzuwägen ermöglichen.

Das Buch zeigt, wie eine an Nützlichkeit orientierte Ethik sich nützlich macht. Das tut sie nicht zuletzt dadurch, dass sie – insoweit kompromissbereit – Positionen zu formulieren versucht, denen auch jene zustimmen können sollten, für die ein errechneter „Gesamtnutzen“ nicht das moralische Maß aller Dinge ist. Herausfordernd bleiben manche Resultate der Kosten-Nutzen-Abwägungen aber allemal. Etwa die These, es bringe in der Summe nicht so viel, auf die Vermeidung der „kleinen Emission des Einzelnen“ – auf die Änderung individueller Lebensstile – zu dringen. Oder die Forderung, finanzielle Mittel dort einzusetzen, wo mit ihnen am meisten bewirkt werden könne: „im globalen Süden“, weil dort die Kosten zur Vermeidung von Kohlendioxyd-Emissionen (noch) erheblich geringer seien „als bei uns“ und zudem „Mehrfacheffekte“ erzielt werden könnten: Wer armen Regenwaldbauern Geld spende, tue nicht nur etwas gegen die Weltarmut, sondern auch für den Regenwald und für das Klima.

Die Einfachheit des Menschen

Gesangs Buch ist, schnörkellos und anschaulich in seinen Argumenten, genießbar auch für Nichtfachleute. Gelegentlich wird es plakativ und insbesondere, wenn es um die Motivationsfrage geht: Wieso soll ich, sollen wir das Richtige tun? Wie schafft man es, das Gesollte zu wollen? In einer Pandemie, in der Konsequenzen kollektiven Verhaltens recht rasch sichtbar werden, ist die Frage leichter zu beantworten als in der Perspektive einer Klimazukunft erst noch kommender Generationen. Gesang scheint auf Storytelling zu setzen. Er preist das Fantasy-Genre als „große Schule unserer Zeit“, da es lehren könne, dass es „ums Ganze“ gehe und dass es „Klarheit“ brauche, „wenn wir begeistert in die Schlacht um die Sicherung unserer Lebensgrundlagen ziehen sollen. Denn letztlich sind Menschen eben doch einfach gestrickt.“ – Nichts gegen Selbstermunterung durch fassliche Plots. Ob Tolkiens Kampf um Mittelerde aber tatsächlich hilft, die Hindernisse verantwortungsvollen Handelns beiseitezuräumen, die der Autor selbst auflistet? Es sind dies unter anderem Technikgläubigkeit, Dummheit, Egoismus; sie lassen sich in jenem einfachen Strickmuster vermutlich leicht identifizieren.

Auch eine zweite klimaphilosophische Publikation wirft die Motivationsfrage auf. Johannes Müller-Salo nennt sie – nicht über jeden literaturgeschichtlichen Zweifel erhaben – „die Gretchenfrage“. Philosophie macht sich in seinem Reclam-Bändchen „Klima, Sprache und Moral“ indes nicht als mahnende Motivatorin nützlich, sie kommt vielmehr als Sprachkritik zum Einsatz. In den Blick rücken einige im Klima-Diskurs gängige Begriffe und Wendungen wie „Schöpfung“, „natürliches Erbe“, „von den Kindern geliehene Welt“.

In ihnen sind beschreibende und bewertende Komponenten verschmolzen. Diese Eigentümlichkeit von „dichten“ Begriffen freilich könnte unter dem Aspekt der Motivation gerade ihre Stärke sein: Sie befördern eine Art Verpflichtungsgefühl. Wer „Schöpfung“ sagt, assoziiert damit – günstigenfalls – den Auftrag, sie zu „bewahren“. Doch dieses „Motivationspotenzial“ von Begriffen mit religiösem Oberton erachtet Müller-Salo als weltanschaulich „milieugebunden“ und darum als zu schwach, um einer nachhaltigen Klimapolitik zum „echten Durchbruch“ zu verhelfen.

Der Assoziationsgehalt anderer Ausdrücke, die Zukunftsverantwortung einfordern, erscheint ihm hinwiederum als zu abstrakt. Am Ende hofft er auf die Motivationskraft einer sinnlichen, ästhetischen Naturerfahrung in „lokalen Umwelten“, die uns lebensgeschichtlich etwas bedeuten. Nun sind zwar regionale Lebenswelten auf ihre Weise ebenfalls „milieugebunden“, aber auch die tapferen Hobbits zogen gewiss nicht zuletzt aus Sorge um ihr wundergrünes Auenland in die Schlacht um Mittelerde.

Bernward Gesang: „Mit kühlem Kopf“. Über den Nutzen der Philosophie für die Klimadebatte. Hanser Verlag, München 2020. 272 S., geb., 24,– €.

Johannes Müller-Salo: „Klima, Sprache und Moral“. Eine philosophische Kritik. Reclam Verlag, Stuttgart 2020. 112 S., geb., 10,– €.

Quelle: F.A.Z.
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