Buch über Josephine Baker

Die zwei Lieben eines Weltstars

Von Rose-Maria Gropp
14.11.2020
, 23:10
Ihr impulsives Temperament galt als schwierig, mag auf der Bühne jedoch genau richtig gewesen sein: Josephine Baker bei einem Auftritt im Februar 1954.
Eine Amerikanerin in Paris: Mona Horncastle rekapituliert das bewegte Leben der schwarzen Tänzerin und Schauspielerin Josephine Baker.

Josephine Bakers Weg beginnt als wild tanzendes, dazu Augen rollendes schwarzes Mädchen aus Amerika. Mit nichts als wippenden Plüsch-Bananen um die Hüften, am Oberkörper nur ein paar Schnüre falscher Perlen, wird sie in den zwanziger Jahren zum bis heute einzigartigen Revuestar. Von Paris aus begründet sich ihr Weltruhm, die Society liegt ihr zu Füßen. Sie ist die Sensation der „Revue Nègre“ im Théâtre des Champs Elysées, buchstäbliche Verkörperung der herrschenden Begeisterung für alle Formen exotischer Kunst.

Ihre Biographie Josephine Bakers beginnt Mona Horncastle wie folgt: „1917. St. Louis, Missouri, USA. Ich bin elf Jahre alt.“ In Bakers persönlichen Erinnerungen nehmen die Rassenkonflikte, bei denen am 1. Juli 1917 weiße Arbeiter über die Menschen im ärmsten schwarzen Viertel der Industriestadt herfielen, weil sie die Afroamerikaner als Konkurrenten auf dem Markt der ungelernten Arbeiter sahen, eine zentrale Stellung ein – als „Apokalypse“. Mit dieser Erfahrung ist der Keim gelegt für Bakers lebenslanges Engagement gegen Rassismus jeglicher Couleur und für die Menschenrechte.

Allüren und Launen

Sie wird als Freda Josephine McDonald am 3. Juni 1906 in St. Louis im amerikanischen Bundesstaat Missouri geboren. Ihre Mutter ist die einundzwanzig Jahre alte Carrie McDonald, die das Kind im St. Louis Social Evil Hospital entbindet. Nachdem das Krankenhaus in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts für regelmäßige Gesundheitsuntersuchungen weißer Prostituierter gegründet wurde, nimmt es inzwischen vor allem weiße Frauen auf.

Dass Carrie McDonald, eine junge schwarze Frau, dort für die offenbar schwierige Geburt ihrer Tochter sechs Wochen lang gepflegt wird, ist erstaunlich und begründet das nie gelöste Rätsel um ihren Vater. Ob er ein Weißer war, bei dessen Familie Carrie McDonald vielleicht in Diensten stand und der im Hintergrund für sie sorgte – was die relativ helle Hautfarbe Josephine Bakers erklären könnte –, oder ob es der schwarze Schlagzeuger Eddie Carson war, mit dem sie für Auftritte durch die Bars von St. Louis tingelte, hat ihre Mutter niemals aufgeklärt.

Hang zum Luxus

Diese Ungewissheit, gepaart mit dem Ungeliebtsein als kleines Mädchen, das hungernd und frierend die Straßen durchstreift, zu niedrigen Arbeiten bei weißen Familien gezwungen wird, sich früh in Clubs von St. Louis produziert, um sich endlich auf abenteuerlichen Wegen nach Frankreich durchzuschlagen, prägen die spätere Josephine Baker mit ihren Allüren und Launen. Aber auf diesen Erfahrungen beruhen auch ihr starkes Durchsetzungsvermögen, ihre Unberechenbarkeit und ihre außerordentliche Großzügigkeit gegenüber anderen.

Ihr außergewöhnliches Talent machte sie zum ersten Superstar, den die Vereinigten Staaten und Europa kannten – vor allem zu einem schwarzen Superstar. In dem Stummfilm „Siren of the Tropics“ war sie 1927 die erste schwarze Frau, die je in einem Film eine Hauptrolle spielte. Trotz ihres vehementen Engagements gegen die Rassentrennung schlugen ihr auch von Teilen der schwarzen Bevölkerung immer wieder Ressentiments entgegen. Sie galten einer inzwischen reich gewordenen Frau und Künstlerin, die ihren Hang zum Luxus nicht verbarg.

Unter ständiger Lebensgefahr

In ihrem privaten Leben war Josephine Baker wenig Fortune beschieden. Mit dreizehn Jahren wurde sie zum ersten Mal verheiratet, wohl weil ihre Mutter sie versorgt sehen wollte. Es folgten diverse Beziehungen, Affären mit Männern und Frauen, drei weitere Ehen. Als sie in den fünfziger Jahren in ihrem Schloss in der Dordogne ihre „Regenbogenfamilie“ gründete, für die sie zwölf Kinder unterschiedlicher Herkunft, Hautfarbe und Religion adoptierte, war das ihr Versuch, das Beispiel einer friedvollen Koexistenz zu schaffen. Doch mit ihrem „rainbow tribe“ übernahm sie sich, emotional wie auch finanziell. Ihre vierte Ehe mit dem französischen Dirigenten Jo Bouillon scheiterte, das Schloss wurde ihr weggenommen. Es war die ehemalige Filmschauspielerin Grace Kelly, jetzt Fürstin Gracia Patricia, die ihr und den Kindern eine Wohnung in Monaco zur Verfügung stellte.

Am wenigsten bekannt ist Josephine Bakers Rolle in der Résistance im Zweiten Weltkrieg, auf der Seite von General Charles de Gaulle im Exil in London. „Im Widerstand“ heißt das erhellendste Kapitel des Buchs: Baker agiert als Spionin und Informantin des „Deuxième Bureau“, der französischen Spionageabwehr-Zentrale, unter ständiger Lebensgefahr, geschützt nur durch ihre enorme Berühmtheit. Es kann dahingestellt sein, ob sie auch in dieser Mission immer wieder zu impulsiv vorgeht, wie Horncastle andeutet. Jedenfalls wird sie außerdem zur wichtigsten Truppenunterhalterin im Krieg, bei den Soldaten zumal in Nordafrika, darin durchaus mit Marlene Dietrichs Einsatz in Diensten der Vereinigten Staaten vergleichbar. Ihr Lohn ist Ende Mai 1944 der Rang eines Sous-Lieutenant, und de Gaulle ernennt sie zum Chevalier der Légion d’honneur.

Gefühlsgeleitete Art des Handelns

Was Horncastles Buch besonders lesenswert macht, ist ihre gute Kenntnis des historischen Hintergrunds, vor allem in Europa. Damit kann sie die Biographie unterfüttern, zum Beispiel wenn sie Josephine Baker auf ihrer Tournee nach Berlin folgt. Dort werden die Zwanziger lebendig in bemerkenswerten Figuren wie Harry Graf Kessler, Karl Vollmoeller oder Max Reinhardt, die sich von ihr bezaubern lassen. Bald darauf wird der Aufstieg der Nationalsozialisten dieser Liberalität freilich ein Ende setzen. In allen ihren Schilderungen geht die Autorin sehr sorgfältig und differenziert mit dem damaligen Sprachgebrauch um, der heute absolut unzulässig ist. Nur ein Beispiel ist der Begriff „Negerkunst“, mit dem die Kunstszene, nicht nur in Paris, die Werke aus Afrika oder Ozeanien feierte, die sie gerade für sich entdeckt hatte. Künstler wie Picasso integrierten diese Objekte in ihre Bildsprache; Picasso zählte zu Josephine Bakers ständigem Publikum.

Josephine Baker im Bühnenkostüm einer Revue
Josephine Baker im Bühnenkostüm einer Revue Bild: Picture-Alliance

Die Etappen und Schauplätze von Bakers Leben, das rastlose Hin und Her zwischen den Vereinigten Staaten und Europa, vor allem Paris, werden im Buch transparent. Es gibt dazu attraktive Fotografien und immer wieder großgedruckte Zitate, als Marker im Text. Der komplizierte Charakter Josephine Bakers wird erkennbar – ihr unberechenbares Temperament und ihre gefühlsgeleitete Art des Handelns, die auch zu gravierenden Fehlern geführt haben mag. Horncastle setzt dieser fesselnden, gleichsam heißen Rasanz eine kühle präzise Beschreibung entgegen. So bleibt beim Lesen einiger Spielraum dafür, die eigene Distanz zu dieser so besonderen Künstlerin zu verringern. Das beste Futter dafür liefert eine Menge filmischer Dokumente auf Youtube, darunter auch Mitschnitte des legendären Chansons „J’ai deux amours, mon pays et Paris“, das für Josephine Baker wie eine lebenslange Hymne steht.

Am Schluss weist Mona Horncastle darauf hin, dass, nach Josephine Baker, die Jazz- und Bluessängerin Nina Simone ihre Stimme für die amerikanische Bürgerrechtsbewegung kraftvoll erhoben hat. Erwähnt seien hier aber noch zusätzlich die großartigen schwarzen Musikerinnen, die bis heute ihr Vermächtnis auf der Bühne weitertragen, etwa Diana Ross und Tina Turner, deren Tanzstil ohne Josephine Baker nicht denkbar ist, oder Beyoncé, die nicht nur 2011, im Bananen-Kostüm, ihre Hommage an Josephine Baker offen zelebriert hat.

Mona Horncastle: „Josephine Baker“. Weltstar, Freiheitskämpferin, Ikone. Molden Verlag, Wien. 256 S., Abb., geb., 28,– €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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