Buch „An das Wilde glauben“

Wenn der Bär beißt

Von Antje Rávik Strubel
05.04.2021
, 19:03
Wildes Tier auf Abwegen: ein Bär in der Vulkanregion von Kamtschatka, allerdings in deutlich zivilisierterer Umgebung und Manier als sein Artgenosse, der Nastassja Martin anfiel
Ich ist viele andere: Die Ethnologin Nastassja Martin erzählt in einem eindringlichen Überlebensbericht von ihrer Selbsterkenntnis in der Wildnis.
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„Das Ereignis an diesem 25. August ist nicht: Irgendwo in den Bergen von Kamtschatka greift ein Bär eine französische Anthropologin an. Das Ereignis ist: Ein Bär und eine Frau begegnen sich, und die Grenzen zwischen den Welten implodieren. Nicht nur die physischen Grenzen zwischen Mensch und Tier, die bei ihrem Zusammenstoß Breschen in ihrem Körper und ihrem Kopf aufreißen. Es ist auch die Zeit des Mythos, die die Realität einholt; der Traum, der sich verkörpert.“

So heißt es in Nastassja Martins eindringlichem Überlebensbericht „An das Wilde glauben“. Der Angriff des Bären auf den vulkanischen Hochebenen der russischen Halbinsel wird der jungen Anthropologin und Schriftstellerin zum Anlass klugen Nachdenkens über unser Zusammenleben mit der Vielfalt an Wesen auf diesem Planeten. Nach einer langwierigen Genesungsgeschichte und mehreren Operationen in russischen und französischen Krankenhäusern kehrt sie an den Ort des Ereignisses zurück und beginnt, darüber zu schreiben.

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Die Traumwelt greift in die Wirklichkeit ein

Dem Resonanzrahmen des Lebens will Martin entkommen, als sie während ihrer Feldforschungen bei den Ewenen von Itscha mit zwei Begleitern ins vulkanische Hochgebirge aufbricht. Das Bedürfnis nach Leere, auch der gedanklichen, treibt sie an. Sie will sich von den Sinnzusammenhängen der Zeichen befreien und erhofft sich von den Gletscherwüsten des Kljutschewskoi neue Denkanstöße. Dieses Ansinnen hat Tradition. Schon seit dem Zeitalter der Industrialisierung projizierten stadt- und zivilisationsmüde Menschen ihre Sehnsucht nach Reinheit und Authentizität immer wieder auf den Norden. Nur taugt die gebändigte skandinavische Natur heute kaum noch zur Erfüllung dieser Sehnsucht, weshalb es Martin wohl zunächst nach Alaska und dann ins entfernteste Sibirien zog. Spezialisiert auf die Erforschung der Kosmologie und Bräuche indigener Völker, lebte Martin, eine Schülerin Philippe Descolas, einige Monate mit den Ewenen von Itscha zusammen, einem der letzten indigenen Völker Sibiriens. Aber erst der Zusammenprall mit dem Bären eröffnet tatsächlich die ersehnte semantische Leere.

Schon vorher hatte Martin wiederholt Träume, in denen Bären eine Rolle spielten. Für die Ewenen ist das nichts Ungewöhnliches. Die Jägerin Darja und ihr Sohn Iwan, die die Forscherin in ihrer Waldhütte aufgenommen haben, verstehen Träume als Möglichkeit, mit den anderen Wesen der Wälder in Kontakt zu treten. Sobald die Anderswelt jedoch auch physisch ins menschliche Dasein einbricht, verschwimmen die Grenzen. Körper und Psyche des Menschen, der eine solche Begegnung überlebt, verändern sich existentiell. Die Traumwelt greift in die Wirklichkeit ein.

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Ein kalter Krieg, ausgetragen im Körper der Patientin

Nun ist Nastassja Martin einerseits Wissenschaftlerin genug, Distanz zu ihrem Gegenstand zu wahren, und hat andererseits einen wachen schriftstellerischen Blick für das literarische Potential ihrer Geschichte, um es in einer reflektierten und dabei äußerst anschaulichen und atmosphärisch dichten Erzählweise voll ausschöpfen zu können. So entsteht eine fesselnde Annäherung, ein lebendiger literarischer Bericht, eine essayistisch-philosophische Auseinandersetzung mit ihrer inneren und äußeren Verwandlung, die sich jeder Genrebezeichnung entzieht.

Das Buch beginnt, als Martin blutüberströmt und mit schweren Kopfverletzungen von einem russischen Armeehubschrauber zunächst zu einer Militärbasis geflogen wird, wo eine alte Frau notdürftig die Wunden versorgt. Mit einem Eispickel hatte Martin sich erfolgreich gegen den Bären gewehrt, der ihr ins Gesicht und in den Kopf biss und mit einem Stück ihres Unterkiefers die Flucht antrat. Am nächsten Tag wird sie in ein Krankenhaus im sibirischen Petropawlowsk verlegt. Hier beginnt eine abenteuerliche, groteske und oft schmerzhafte Heilungsgeschichte, die Martin sehr plastisch schildert: Da ist der russische Chirurg mit seinen Goldzähnen und Goldkettchen und dem Harem von Krankenschwestern, die ihm nachts sexuell zur Verfügung stehen, während die Kranke nach einem Luftröhrenschnitt nackt an ein Bett gefesselt ist und von einer unzufriedenen jungen Krankenschwester brutal zwangsernährt wird. Da sind später die französischen Ärzte der Salpêtrière, die sie aus Angst vor russischen Keimen zunächst unter Quarantäne stellen, um dann die russische Platte in Martins Unterkiefer schnellstmöglich gegen eine angeblich feinere westliche Platte auszutauschen. Die Ironie daran: Ein französischer Krankenhauskeim verursacht daraufhin eine gefährliche Entzündung, die zu weiteren Operationen zwingt. Ein kalter Krieg, ausgetragen im Körper der Patientin.

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Von wegen Einheit des Ichs

Während Nastassja Martin auf gelben Krankenhauslaken leidet und später im Haus ihrer Mutter gesund gepflegt wird, denkt sie darüber nach, was es bedeutet, wenn ein sibirischer Bär in einen westlich sozialisierten Körper eindringt und dort Spuren hinterlässt. „In dieser Nacht schreibe ich, dass man an die Raubtiere glauben muss, an ihr Schweigen, an ihre Zurückhaltung; man muss an das Wilde glauben ... Mein Körper nach dem Bären, nach seinen Krallen ... mein Körper voller Leben, voller Fäden und Hände, mein Körper in Gestalt einer offenen Welt, in der sich vielfältige Wesen begegnen, mein Körper, der sich mit ihnen, ohne sie wiederherstellt; mein Körper ist eine Revolution“, heißt es.

Ihren Neubeginn versteht Martin als eine strukturelle Transformation. Die Folge des animistischen Einschlags ist ein hybrides Ich mit einem hybriden Körper, in dem Bruchstücke verschiedener Welten nun miteinander existieren. Der Gedanke von der Einheit des Ichs, den das abendländische Denken so favorisiert, von einer eindeutigen, einheitlichen und eindimensionalen Identität, steht damit in Frage. Wir sind nicht eins, weil wir das andere nicht sind. Sondern wir sind immer auch das andere, wir setzen uns aus vielen Elementen von Alterität zusammen, wie Martin am eigenen Leib veranschaulicht.

Die Opposition von Natur und Kultur

Das ist eine der aufregenden und tatsächlich revolutionären Erkenntnisse, zu denen Nastassja Martin während ihrer Genesung gelangt. Die westliche Psychologie, die in anderen nur den Spiegel der eigenen Gemütslage zu sehen vermag, die Psychologin, die den Bären als Ausdruck einer der Autorin innewohnenden Gewalt versteht, stößt mit ihren Erklärungsmodellen in Martins Augen ebenso an Grenzen wie der schamanistisch geprägte Bärenkult ewenischer Jäger. Aber nicht nur in den Träumen und Riten indigener Völker wird der Bär gefürchtet und verehrt. Auch in der keltischen und der griechischen Sagenwelt steht er Göttinnen zur Seite, und in der Literatur diente das Tier gern mal zur Dämonisierung der Frau und ihrer Sexualität.

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Martin liegt es fern, das eine gegen das andere auszuspielen, das Westliche gegen das Östliche, die indigene gegen die neue Welt, die menschliche gegen die animistische. Die Opposition von Natur und Kultur, die das Denken der Moderne so grundlegend bestimmt, hilft hier nicht weiter. Binäre Strukturen haben Martin zufolge ausgedient, und zwar nicht nur theoretisch. Über die Schilderung ihrer eigenen Erfahrung, der Geschichte ihres Körpers und ihrer Psyche zeigt sie das ganz konkret. Sie spürt den Möglichkeiten nach, Dinge in der Schwebe zu halten, damit ein Nebeneinander, sogar eine Durchmischung scheinbarer Gegensätze denkbar wird; ein Weltverhältnis, das auch nichtmenschliche Existenzen als gleichwertige anerkennt.

In ihrem erstaunlichen und kraftvollen Buch in der glänzenden Übersetzung von Claudia Kalscheuer entgeht Nastassja Martin jeglichen Romantisierungs- und Mythisierungsfallen, indem sie ihre Überlegungen unbeirrbar gängigen Erklärungsmustern zu entziehen versucht. Ihnen gilt ihr beinahe ungestümes Misstrauen. Und in ihre erhellende perspektivische Neuausrichtung hallt auch das Echo der Anderswelt herüber, also jener Wesen, zu denen wir als Menschen gehören, so wie sie zu uns; ein Wir, das unser Fassungsvermögen bisher noch übersteigt.

Nastassja Martin: „An das Wilde glauben“. Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2021. 139 S., geb., 18,– €.

Quelle: F.A.Z.
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