Erinnerungen von Nora Eckert

Vom Travestieclub in die bürgerliche Welt

Von Carolin Wiedemann
12.06.2021
, 21:46
Flucht nach vorn im Berliner Nachtleben: Erst während ihrer Zeit im Lokal „Chez Romy Haag“ konnte Nora Eckert, hier im Jahr 1977, wirklich zu sich stehen.
Das zentrale Sexualorgan sitzt zwischen den Ohren: Nora Eckert erinnert sich an ihre Selbstfindung als Transfrau im West-Berlin der siebziger Jahre.

Der Zigarettenqualm vermischte sich mit den Gerüchen der Schminke und Damenparfums, auf der Bühne glitzerten die von Pailletten, Lurex und Strass umhüllten Körper der Künstlerinnen. Romy Haag, die Chefin des Lokals, performte „This Is My Life“, und im dicht gedrängten Publikum jubelten David Bowie, Tina Turner, Grace Jones, Nina Hagen und Thomas Brasch. Davor waren die Stars, die hier zu Nebendarstellern wurden, an der Garderobe hängen geblieben, bei ihr: Nora Eckert.

Von ihrem Aufbruch aus Nürnberg über Gießen nach West-Berlin in den 1970er Jahren, von der Emanzipation des vermeintlich schwulen jungen Manns zur Transfrau und von den Nächten in Europas bekanntestem Travestieclub „Chez Romy Haag“ berichtet die nun 67-jährige Nora Eckert in ihrem Buch „Wie alle, nur anders. Ein transsexuelles Leben in Berlin“. Und genau wie die Gäste an ihrer Garderobe will man verweilen in den Bildern und Szenen, die Eckert beschreibt.

Ihr Körper bestimmt nicht ihr Sein

Ihr Buch ist die Autobiographie eines antiautoritären Charakters, eines Arbeiterkinds, das mit zehn Jahren den Weihrauch und das Spektakel in der katholischen Kirche liebt, aber Gott und die Beichte als Erfindung der Erwachsenen enttarnt, das damit angibt, den Lehrer mit einem Referat über Homosexualität brüskiert zu haben, und schließlich die Schule abbricht, das als Jugendliche Filmrezensionen schreibt, die dem Redakteur der Lokalzeitung zu marxistisch sind, und das später anerkannte Opernkritikerin für Fachzeitschriften wird.

Nora Eckert: „Wie alle, nur anders“. Ein transsexuelles Leben  in Berlin.
Nora Eckert: „Wie alle, nur anders“. Ein transsexuelles Leben in Berlin. Bild: C.H. Beck Verlag

„Wie alle, nur anders“ bekundet dabei, so sagt es schon der Titel, vor allem die Selbstbehauptung eines Menschen, der die binäre Geschlechterordnung herausfordert. Von klein auf merkt Eckert, dass sie sich eher mit Frauen identifiziert. Da in ihrem Freundeskreis alle Kinder zusammen spielen, in jeglichen Rollen, egal welchen Geschlechts, und da auch Eckerts Mutter den vermeintlichen Jungen nicht drängt, sich wie ein solcher zu verhalten, stört sich Eckert selbst nicht an ihrem Körper, der als männlich gilt. Schließlich bestimmt er nicht ihr Sein.

Die Gefahr bestand darin, das Leben zu verpassen

Das tun vielmehr die Zuschreibungen, die im Mainstream, in der Hetero- und Ciswelt, wie Eckert schreibt, an die Leibesformen geklebt werden und die Menschen immer wieder in zwei Gruppen einordnen: in Männer und Frauen, deren Identität durch Penis oder Vulva vermeintlich feststehe. Eckert erörtert in einem eigenen Kapitel den neuesten Stand der Forschung, der letztlich besagt: Das zentrale Sexualorgan sitzt zwischen den Ohren und nicht zwischen den Beinen. Und so lässt sich Geschlechtsidentität nie mit Gewissheit nachweisen.

Sind nicht etwa Shakespeares Stücke gerade deshalb so reizvoll, weil sie zeigen, wie kompliziert das Begehren und wie erregend die Verwirrung ist, fragt Eckert. Wie nebenbei verwebt sie philosophische Reflexionen in ihre Erzählung von Identität und Sexualität, von Begehren und Normierung. Und appelliert implizit daran, die eigene Wahrnehmung und das Empfinden ernst zu nehmen. „Die Gefahr bestand darin: Nämlich, mein Leben zu verpassen“, schreibt Eckert über die erste Phase in Berlin, in der sie nach außen noch als schwuler Mann galt, damit immer mehr haderte und schließlich die Entscheidung traf, „die Flucht nach vorn anzutreten“, also auch nach außen als Frau aufzutreten, Transfrau zu werden.

Die unerbittlich herrschende Heteronorm

Sie macht klar, dass dafür die subversive Gemeinschaft nötig war, ihre Zeit bei Romy Haag. In den Jahren, die sie im Umfeld des queeren Clubs verbrachte, konnte Eckert voll zu sich stehen, konnte ihren Körper mithilfe von Hormonen mehr in die empfundene weibliche Ausprägung bewegen und gleichzeitig einfach sein, jenseits des Zwangs der normierten Zweigeschlechtlichkeit.

Anders dann später in ihrem Tagesjob als Stenokontoristin, wo sie als Frau galt und viele Jahre einen so bürgerlichen Alltag verbrachte, als hätte sie die dort „unerbittlich herrschende Heteronorm in Haft genommen und zur Anpassung gezwungen“. Auch hieraus brach sie wieder aus: An ihrem letzten Arbeitstag vor dem Renteneintritt sprach sie vor dem versammelten Kollegium über ihr Trans-Sein.

Diskriminierung durch das Transsexuellengesetz

So wie sie es nun in ihrem Buch tut. So wie sie es seit 2019 als Mitglied und mittlerweile auch im Vorstand des Vereins TransInterQueer macht. Gegen Ende des Buchs schreibt sie, die Feindlichkeit gegenüber Transmenschen habe zugenommen. 2019, bevor Corona Gewalt aus dem öffentlichen Raum ins Private verlagerte, war die Zahl der Angriffe, die sich gegen die sexuelle Orientierung oder die geschlechtliche Identität von Menschen richteten, in Berlin um fast fünfzig Prozent höher als im Vorjahr. „Was hat sich verändert, dass aus einem neugierigen Staunen eine oft aggressive Grundhaltung geworden ist?“, fragt Eckert.

Hinweise auf Antworten gibt sie selbst: Sie schreibt von der Zunahme einer Reglementierungswut und der Durchtherapeutisierung des Lebens. Das Ordnungsdenken unserer Kultur sei auf Effizienz getrimmt, und Effizienz sei unerbittlich binär und reproduktiv organisiert. Hier drängt sich der Gedanke an Foucault auf, aus dessen „Wille zum Wissen“ sie bereits zuvor zitiert, als es um ihre „Begutachtung“ geht und um die Pathologisierung der sexuellen Abweichung.

Auch davon handelt ihr Buch: von der Diskriminierung durch das sogenannte Transsexuellengesetz, das Transmenschen zur juristischen und formalen Anerkennung ihrer Identität seit vierzig Jahren eine Prozedur vorschreibt, bei der etwa ihre Brustwarzenfarben vermessen und Sexpraktiken abgefragt werden. Selbst von diesen Situationen und dem „Herrn Professor“ und seinem Psychosomatiker, der ihr das Trans-Sein abspricht und stattdessen „messerscharf ein psychoneurotisches Symptom“ diagnostiziert, erzählt Eckert noch mit Witz. Für genau diese Begutachtungsprozeduren haben sich die Mitglieder des Bundestages wieder ausgesprochen, als sie am 19. Mai 2021 gegen eine Reform des Transsexuellengesetzes stimmten. Sie mögen dieses Buch lesen.

Nora Eckert: „Wie alle, nur anders“. Ein transsexuelles Leben in Berlin. C.H. Beck Verlag, München 2021. 208 S., Abb., geb., 22,– €.

Quelle: F.A.Z.
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