Lob der Mehrsprachigkeit

Was zählt mehr — gutes Englisch oder Türkischkenntnisse?

Von Anna Schiller
29.07.2021
, 18:35
Olga Grjasnowa
Sachbuch mit politischem Programm: Olga Grjasnowa plädiert für ein Ende staatlich geförderter Einsprachigkeit. Sie übt scharfe Kritik am Bildungssystem – und liefert recht banale Verbesserungsvorschläge.

Mit ihrer Mutter spricht sie Russisch, mit ihrem Vater Arabisch. Und zusammen sprechen alle Englisch. Für das deutsche Bildungssystem ist ihre Mehrsprachigkeit ein Makel, der mit einer amtsdeutschen Abkürzung in Elternbriefen dokumentiert wird: ndH, „nicht-deutsche Herkunftssprache“. Dieses Beispiel zieht die Romanautorin Olga Grjasnowa in ihrem ersten Sachbuch „Die Macht der Mehrsprachigkeit“ heran, um zu verdeutlichen, wie ihre Tochter schon in jungen Jahren Linguizismus erfährt, also aufgrund ihrer Sprache diskriminiert wird. Die Abkürzung sei auch ein Urteil, denn mit ihr würden Armut und Bildungsferne assoziiert.

„Die Macht der Einsprachigkeit“ wäre ein passenderer Titel für Grjasnowas Buch. Denn im Kern behandelt es die systematische Diskriminierung von Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Anhand von Anekdoten zeigt Grjasnowa, wie sich das im Einzelnen darstellt. Dabei greift sie insbesondere auf Erfahrungen im Umfeld ihrer Familie zurück. Sie schreibt an der Schnittstelle von erzählendem Sachbuch und politischem Programm.

Unnötiger ideologischer Ballast

Das „Paradigma der staatlich geförderten Einsprachigkeit“ sieht Grjasnowa historisch begründet. Anhand der Geschichte des Wortes „Muttersprache“, das die Autorin auch als „Ausdruck eines ethnischen Nationalismus“ ablehnt, zeichnet sie die Entstehung eines deutschen Monolingualismus nach. Für das „Projekt Deutschland“ habe man eine Nationalsprache erfinden müssen. Durch Wörterbücher und Grammatiken habe sich im neunzehnten Jahrhundert ein einheitliches Standarddeutsch verbreitet, das der Nation als Legitimation diente.

Die Macht der Mehrsprachigkeit
Olga Grjasnowa: „Die Macht der Mehrsprachigkeit“. Über Herkunft und Vielfalt. Bild: Dudenverlag

Grjasnowa zufolge sei die Muttersprache aufgrund der deutschen Nationenwerdung jedoch zunehmend als etwas „Natürliches“ wahrgenommen worden: „Demnach wird man in eine und nur in eine Sprache hineingeboren und somit auch in eine Nation, die sich Blut und Boden teilt.“ Indem die Autorin das im Nationalsozialismus populär gewordene Schlagwort heranzieht, torpediert sie ihr Anliegen mit unnötigem ideologischem Ballast.

Eine deutsche Leitkultur

In ihrer Analyse bezieht sich Grjasnowa auf das von dem Politikwissenschaftler Benedict Anderson entwickelte Konzept der imaginierten Gemeinschaft. Sprache hat bei ihm aber auch einen integrativen Charakter, er erklärt mit ihr ein anderes Phänomen: Mit dem Buchdruck und der Vereinheitlichung der gesprochenen Sprache konnten Werke, die bislang nur einer kleinen Griechisch und Latein lesenden Elite zugänglich waren, von größeren Teilen der Gesellschaft erschlossen werden. Erste Massenmedien entstanden und verbreiteten eine einheitliche Form der gesprochenen Sprache. So verstanden sich ihre Nutzer zunehmend als Verbund von gleichwertigen Sprechern. Grjasnowa konzentriert sich mit Beispielen aus Richard Wagners „Judenthum in der Musik“ oder aus den Werken Johann Gottfried Herders indes vorwiegend auf eine ausgrenzende Funktion der deutschen Sprache.

Die Autorin leitet eine aus ihrer Sicht bis heute gültige Funktion des Deutschen ab. In aktuellen identitätspolitischen Diskursen registriert sie das Bestreben, das Deutsche als Leitsprache zu etablieren – analog zu einer deutschen Leitkultur. Linguizismus manifestiert sich für sie insbesondere im Bildungssystem, das sie als Instrument begreift, um Machtstrukturen zu reproduzieren. Grjasnowa zufolge setzt Deutsch als Bildungssprache das Ideal der Einsprachigkeit in Schule und Universität durch.

Nicht viel Raum für alternative Vorschläge

Neben dieser Leitsprache würden gutes Englisch und Französisch als erstrebenswert wahrgenommen, während etwa Türkischkenntnisse als Defizit gelten. Von Kindern, die eine dieser Herkunftssprachen sprechen, werde verlangt, sich an die „monolinguale Form“ anzupassen. „Nicht nur die einzelnen Sprachen werden auf diese Weise hierarchisiert, sondern auch diejenigen, die sie sprechen“, bilanziert Grjasnowa. „Einsprachigkeit als Norm“ diene letztlich dazu, „eine bestimmte gesellschaftliche Normalität zu etablieren und aufrechtzuerhalten“.

Grjasnowas Argumentationslinie lässt nicht viel Raum für alternative Vorschläge, wie mit dem Deutschen im Unterricht umzugehen ist. Denn die Forderung, den Erwerb der deutschen Sprache als zentrale Leistung des hiesigen Bildungssystems zu erhalten, kollidiert mit dem von ihr behaupteten ideologischen Erbe. Angesichts ihrer scharfen Kritik muten ihre Lösungsvorschläge für das Bildungssystem banal an: Man sollte mehr finanzielle Mittel für den Ausbau staatlicher Angebote für herkunftssprachlichen Unterricht bereithalten, den herkunftssprachlichen Unterricht für alle Schüler öffnen, jede Form der Mehrsprachigkeit als Leistung in der Entwicklung eines Kindes begreifen – nicht als Makel.

Herkunftssprachlicher Unterricht wird in vielen Bundesländern durchaus stiefmütterlich behandelt. Laut einem Bericht des Mediendienstes Integration sind in Bayern und Baden-Württemberg lediglich Konsulate für den herkunftssprachlichen Unterricht verantwortlich. Den Ländern kann man sicherlich vorwerfen, dass sie viele Schüler an ein weitgehend unkontrolliertes Unterrichtsangebot verlieren. Auch Grjasnowa bemängelt diese Umstände. Solche Fakten verlieren sich jedoch häufig in Polemiken über „die Politik“ oder „den Staat“. Der ohnehin schon in Extremen geführten Debatte zur Rolle der deutschen Sprache in unserer Gesellschaft fügt sie einen nicht minder aufgeregten Beitrag hinzu.

Olga Grjasnowa: „Die Macht der Mehrsprachigkeit“. Über Herkunft und Vielfalt. Dudenverlag, Berlin 2021. 128 S., geb., 12,– €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schiller, Anna
Anna Schiller
Volontärin.
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