Peter Sloterdijks Farbenlehre

Grauzonenkunde für Fortgeschrittene

Von Oliver Jungen
27.06.2022
, 21:12
Im bewegten reinen Grau schärft sich die Wahrnehmung: Detail einer Kaufhausfassade.
Bloß kein kunterbunten Mischungen: Peter Sloterdijk holt mit gewohnt großer Geste aus zu einer philosophisch-politischen Farbenlehre.
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Ein Buch, das mit der Frage „Woher das Gute?“ im „Herz der Seinsfrage“ endet, nachdem es „Grauzonenkunde“ betrieben, also die Bedeutung des Vermischten, Mittleren und Kompromisshaften für die menschliche Selbst- und Welterkenntnis herausgearbeitet und mit Aplomb in der Kunst dingfest gemacht hat – ein solches Buch von Peter Sloterdijk darf vielleicht als Schlussstein gelten für ein opulentes Lebenswerk, das letztlich die Seinsfrage umkreist. Doch geantwortet wird bei Sloterdijk nie in Deduktionen, sondern mit intellektueller Überwältigung, untermauert von stupender Belesenheit. Wenn dieses Denken in Sphären und Blasen eines nicht ist, dann graue Theorie. Eher schon handelt es sich um spektralbunte Abenteuerphilosophie. Blendwerk lautet denn auch der hartnäckige Vorwurf der Kritiker. Da ist es durchaus gewitzt, nun eine Abblendung folgen zu lassen, die ausgerechnet den Sinn für das Abblenden – das Denken des Grau – zum Lackmustest für Philosophie macht, den neben Sloterdijk selbst nur dessen Hausgötter bestehen: Platon, Hegel, Heidegger, Nietzsche und in Maßen auch Kant. Einige Größen aus Literatur und Malerei – Männer allesamt – kommen hinzu.

Cézanne war es, der den Autor mit dem Satz „Solange man nicht ein Grau gemalt hat, ist man kein Maler“ auf die Idee brachte, dieses Konditional auf die Philosophie auszudehnen. Durch allen rhetorischen Bombast hindurch lässt sich bei Sloterdijk eine kulturhistorische Ma­kro­per­spektive ausmachen. Bis zum neunzehnten Jahrhundert hatte demnach das strahlende Weiß eine Sonderstellung, ein letztes Refugium der uralten Lichtmetaphysik. Dann habe auch im Bereich der Farben die große Enthierarchisierung und Säkularisierung eingesetzt. Statt einer liturgisch-allegorisch festgelegten Farbrangfolge herrschten nun die „United Colors of Everything“, eine polychrome Idylle der totalen Toleranz. Wobei nicht der Regenbogen für Sloterdijk das treffende Symbol ist, sondern ein Schmutzgrau des Vermengten.

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Farbe des Denkens

Eine „graue Ethik“ habe denn auch diese einst von der Kunst mit angeführte Freiheitsbewegung begleitet. Dazu eine erwartbare Spitze: Angela Merkel, „zugleich lau und machtbesessen“, gilt Sloterdijk als vorläufiger Gipfelpunkt der sich um alle Entscheidungen drückenden Bewegung zur Mitte hin, die vermutlich in einer graugrünen „ökobürokratischen Verordnungspolitik“ enden werde: „Dreckfarbigkeit bildet das unumgängliche Resultat der postmodernen Mixophilie.“ Das Grau wäre so „die farblose Allfarbe der entfremdeten Freiheit“.

Peter Sloterdijk: „Wer noch kein Grau gedacht hat“. Eine Farbenlehre.
Peter Sloterdijk: „Wer noch kein Grau gedacht hat“. Eine Farbenlehre. Bild: Suhrkamp Verlag

Aber diese wenig originelle Verfallserzählung, der moderne Staat als „der Große Graue“, der „die ‚absolute‘ Monarchie an Ausdehnung seiner Zuständigkeiten und Durchdringungstiefe seiner Maßnahmen um ein Vielfaches übertrifft“, ist nur das eine. Sloterdijk scheint es mit Goethes Farbenlehre zu halten, in der er „zweierlei Grau“ unterschieden sieht: neben dem „trüben“ Farbmischgrau ein Reingrau, also durch weißes Licht abgetöntes Schwarz. Und so wird das „Grau-in-Grau“ der Philosophen oder das der Künstler, „das dich berührt“, hier keineswegs diskreditiert. Im Gegenteil: Grau in Reinform gilt für Sloterdijk als Farbe des Denkens. In den Kapiteln, die assoziativ Motivgeschichte und Metaphorologie überkreuzen, ist das Buch am stärksten.

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Sprachlich blitzend, argumentativ eher pauschal

Mit Platon blickt Sloterdijk auf die graue Höhlenwand, auf der Schatten der vorübergetragenen Gegenstände aufscheinen. Damit war für ihn jenes Grau vorgedacht, dem Platon und das Christentum die Lichtwelt der Ideen oder Gottes entgegensetzten, aber das sich derweil doch ausbreitete. Für Hegel sei „Grau-in-Grau“ die „Leistungsfarbe der Philosophie“ und Gütesiegel für ein „novembrisches“, „gereiftes“ Denken, das sich etwa als Staat, Wissenschaft oder Kunst objektiviere. Nietzsche stellte dann fest, dass das reine Licht (Gott) gar nicht existiere und unser Licht immer Zwielicht sei. Am gründlichsten aber habe Heidegger die Feinabstufungen der diesseitigen Grautönung – Nebel, Langeweile, Gerede, das Man und so fort – durchdacht. Das führt zur enormen Frage, wie „eine Existenz inmitten der Ambiguität aller Handlungen und Unterlassungen denkbar ist, die nicht mit Indifferenz gleichzusetzen wäre“. Das Laue hält Sloterdijk nämlich nicht per se für verwerflich, sondern gar für „die Betriebstemperatur des Lebens“. Eine eindeutige Antwort aber gibt er nicht.

Es folgt vielmehr eine „politische Farbenlehre“, die sich dem Sieg des staatlichen „Funktionsgrau“ widmet. Sprachlich blitzend, aber argumentativ eher pauschal geht es hier vom preußischen Blau über ein letztes Aufbäumen der widerstreitenden Partei-Farben im Zeitalter des Totalitarismus hinab ins ausgeglühte Rot des Sozialismus und die „graue Zone“ der DDR. Noch nicht ganz so aschefarben, aber nicht weit entfernt ist für Sloterdijk die allzu liberale Demokratie. Eher zum geschätzten Grau zählt für den Autor die distanzierte Schwarz-Weiß-Fotografie, allerdings wirkt das entsprechende Kapitel wie eine allzu brave kleine Medienkulturgeschichte, deren zentrale Aussage darin besteht, dass das Opfer der Farbigkeit in der Frühzeit von Fotografie und Film gern erbracht wurde. Mit der Ubiquität farbiger Aufnahmen sei bald ein größeres Opfer erbracht worden, das der Bedeutsamkeit.

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Invektiven gegen die bleierne Gegenwart

Schön liest sich, wie der Autor literarische Grau-Figurationen aufstöbert. Zu ihnen gehört natürlich das Husum-Gedicht „Die Stadt“ von Theodor Storm („Am grauen Strand, am grauen Meer“), aber fast erstaunlicherweise nicht Herbert Grönemeyers Coverversion als „Bochum“-Song („vor Arbeit ganz grau“). Grandios sind die religionsgeschichtlichen Überlegungen zum Übergang vom Manichäismus zum Christentum, womit der Punkt aufgespürt ist, an dem das Dritte zwischen Licht und Dunkel die Bühne betritt, Grau in seiner welthaltigsten Manifestation. Weniger „zynisch“ als platt wirkt indes die Engführung von „Grau und Frau“, Geraune über Altweibergraues bei Goethe, Schnitzler und Musil, zumal das Kapitel abgebrochen wird mit der Vermutung, „wenn man keine Frau ist, kann man so etwas heute nicht mehr schreiben“.

Woher aber nun das Gute? Sloterdijk würde wohl sagen: aus der frohen Fügung in das urtümliche Daseinsgrau, das ein Grau-in-Grau ist, eines, das Differenzierungen in sich zulässt und aus der Spannung lebt, statt sie einzuebnen. Man muss diese Überzeugung aber nicht teilen, um Freude an diesem ideensprühenden Buch und seinem verspielten Stil zu haben. Es ist lange gereifter, novembrisch ergrauter Sloterdijk, der bei allen heideggernden und aristokratischen Invektiven gegen die bleierne Gegenwart anregend wirkt. Und auch versöhnlich: Nach all dem hehren und zarten Grau, das hier entdeckt wird, wirkt das Indifferente gar nicht mehr allzu bedrückend, sondern eher meditativ, freundlich und friedlich.

Peter Sloterdijk: „Wer noch kein Grau gedacht hat“. Eine Farbenlehre. Suhrkamp Verlag, Berlin 2022. 286 S., geb., 28,– €.

Quelle: F.A.Z.
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