Philipp Felsch: Wie August Petermann den Nordpol erfand

Von einem, der nicht auszog, weil er in den Karten alles zu lesen wusste

Von Thomas Thiel
28.10.2011
, 16:38
Wenn die plane Wirklichkeit hinter einer großartigen Theorie zurückbleibt: Philipp Felsch erzählt, wie der der deutsche Karthograph August Petermann auf einen vom Eis befreiten Nordpol verfiel.

Unter den Selbstmordindikationen ist jene, dass Theorie und Empirie, Möglichkeits- und Wirklichkeitssinn nicht mehr zum Ausgleich gebracht werden konnten, eine zwar abstrakt klingende, aber nicht zu unterschätzende Variante. Der heute vergessene, seinerzeit aber weltbekannte Kartograph August Petermann schoss sich im September 1878 eine Kugel durch den Kopf. Familienprobleme und eine manisch-depressive Veranlagung gaben vielleicht den Ausschlag. Dem Zürcher Wissenschaftshistoriker Philipp Felsch ist diese Psychologie allerdings zu alltäglich. Er hat für den Suizid eine Erklärung, die ein Kapitel aus dem großen Roman der Wirklichkeitsverfehlungen des deutschen Geistes erzählt.

So beginnt die Biographie von August Petermann, dessen Bild die verbissenen Züge des ruhmsüchtigen Emporkömmlings trägt. Im Zentrum seines Lebens steht eine kartographische Besessenheit, die in der Karte mehr als ein bloßes Abbild sieht: In den komplizierten Beziehungen, die sie auszudrücken vermag, liegt ein Anstoß zur theoretischen Abstraktion, mit Hegel gesprochen: die Möglichkeit, die Geographie in das Gebiet des Gedankens zu übersetzen, wie sie noch in dem alten Wort Geognosie anklingt.

Studium unzähliger Karten und geophysikalischen Theorien

Man könnte das auch mit Alexander von Humboldt sagen, der Ausnahmegestalt unter den Geognosten des Jahrhunderts, die Petermann in Bann schlug. Von ihm erbte er den holistischen Blick, die Fähigkeit, in der Masse der Daten die Verbindungslinien herauszulesen und in ein abstraktes Ordnungssystem zu fassen. Doch Petermann blieb nur ein halber Humboldt. Es fehlte ihm der Abenteuer- und Entdeckersinn seines Vorbilds. Seine Reisen unternahm er nur auf Papier. Der Einstieg auf die öffentliche Bühne gelang Petermann im Drama um den britischen Seefahrerhelden John Franklin, der bei der Suche nach der Nordwestpassage auf mysteriöse Weise verschollen war.

Als alle Suche erfolglos blieb, gab Petermann ihr mit einer gewagten Hypothese einen neuen wissenschaftlichen Kompass. Seine aus dem Studium unzähliger Karten und geophysikalischen Theorien über Strömungs- und Temperaturverhältnisse gewonnene Theorie besagte, dass der Nordpol im Winter durch einen warmen Polarstrom vom Eis befreit werde. Franklin könne auf diesem offenen Meer treiben, fernab der ursprünglichen Route.

Theorie vom offenen Polarmeer

Diese verstiegene These hatte so lange Konjunktur, bis Franklins Überreste aller Theorie zum Hohn in der westlichen Arktis entdeckt wurden. Der Spott traf auch Petermann selbst. In seiner Wahlheimat England, um deren Liebe er sich zeit seines Lebens vergeblich bemühte, wurde er als praxisferner Lehnstuhlprofessor verhöhnt, der nach Norden hin selbst nie über Schottland hinausgekommen war.

Felsch hat es merklich auf diesen Antagonismus zwischen der pragmatischen englischen „science“, seit Bacon auf den schnellen empirischen Abgleich geeicht, und der faustisch versunkenen deutschen Wissenschaft abgesehen, die noch den vermeintlich nüchternen Stoff der Erdkunde in eine Weisheitslehre zu transformieren versuchte. Vor den stachligen Attacken des englischen Wirklichkeitssinns zog sich Petermann in seinen spekulativen Fuchsbau zurück, wurde aber nicht müde, seine Theorie vom offenen Polarmeer zu propagieren.

Ein Schiff nach dem anderen versackte im Eis

Der vom Eise befreite Pol entzündete die Phantasie seiner Zeit und inspirierte zahlreiche Entdeckungsfahrten. Felsch gelingt es ausgezeichnet, im nun einsetzenden Wettlauf zum Pol die Motiv- und Gemengelage eines Jahrhunderts deutlich werden zu lassen - von der Mechanisierung über den Nationalismus bis zum Darwinismus. Der nationale Überbietungseifer eines langen Jahrhunderts des Friedens heftete sich an Petermanns These, versponnene Theorien von Privatgelehrten feierten den Pol als Eingangspforte zu einer unterirdischen Welt oder als Mündung von Urkräften. Hinzu kamen die wirren Gespinste von Projektemachern, die sich mit Ballonen, Geschossen und U-Booten als Reiseleiter empfahlen. Petermann ging zu diesen falschen Freunden auf Distanz.

Temporäre Alliierte für seine eigenen Initiativen fand er in Bismarck, Kaiser Wilhelm, der deutschen Nationalbewegung, hanseatischen Kaufleuten und dem k. u. k Reich, die das Nordpolprojekt im nationalen Wettlauf begeistert aufgriffen, ohne dem wenig profitablen Unternehmen dann die Treue zu halten. Gemeinsam ist allen Expeditionen ihr Scheitern. Ein Schiff nach dem anderen versackte im Eis. Petermann reagierte mit der schrillen Überlegenheit des Theoretikers, der seine wissenschaftlichen Vorgaben von unverständigen Tatmenschen desavouiert sah. Aber der Vorwurf bloßer Papiergelehrsamkeit blieb doch nicht ganz ohne Wirkung. Immer mehr trat er als heimlicher Verhinderer auf, der den Spielraum der Expeditionen mit peniblen wissenschaftlichen Einschränkungen strangulierte.

Gefühl von Leere

Kurz vor dem Start der letzten Nordpolexpedition im Jahr 1879 beging er Selbstmord. Felsch zieht das lakonische Fazit, er habe sich dadurch die grausame Falsifizierung seiner Theorie ersparen wollen. Damit bietet sich die Lesart einer Tragödie des deutschen Gelehrten an, der sich vom ausklingenden Erbe der romantischen Naturphilosophie noch einmal hatte verführen lassen. Doch eine tragische Fallhöhe gönnt Felsch seinem Helden nicht. Man muss die Leichtigkeit bewundern, mit der er Kultur-, Wissens- und Politikgeschichte zu einer mitreißenden Erzählung verwebt.

Er entgeht aber nicht ganz der Gefahr seines Stoffes, die in einem Erzählstil liegt, der den Gelehrten für seine Versponnenheit verlacht, aber keinen Blick für die Denkordnung hat, die seine Exzentrik normalisiert. Über den ironischen Erzählton, der sich zur Seite der Erzählbarkeit neigt, kommt Felsch an die Faszination und Innenseite dieses Denkens nicht so recht heran. Deshalb wirkt der Abschied von seinem Helden seltsam kühl. 1909 wurde der Nordpol von dem Amerikaner Robert Peary gefunden: Eindruck von Unwirklichkeit, Gefühl von Leere, ein nichtssagender Punkt im Eis. Was für ein Temperaturunterschied zum Hochgefühl des Theoretikers, für den sich in diesem Punkt tausend intellektuelle Strahlen gebündelt hatten.

Philipp Felsch: „Wie August Petermann den Nordpol erfand“. Luchterhand Verlag, München 2010. 271 S., Abb., br., 12.- €.

Quelle: F.A.Z.
Thomas Thiel  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Thomas Thiel
Redakteur im Feuilleton.
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