Buch über Misogynie

Für diese Trolle sind Frauen die wahren Unterdrücker

Von Jörg Thomann
22.01.2021
, 20:01
Sturm aufs Kapitol: Karikaturen traditioneller Mannsbilder beim Versuch, verloren geglaubten Raum zurückzuerobern.
Toxische Männlichkeit: Susanne Kaiser untersucht in einer verdienstvollen Abhandlung, wie misogyne Netzwerke auf verbale und reale Gewalt setzen.
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Mit einem Buch namens „Politische Männlichkeit“, das verhängnisvolle restaurative Tendenzen in zusehends von Gleichberechtigung geprägten Gesellschaften aufzeigt, hat man als Verlag gewiss das Momentum auf seiner Seite. Der Sturm auf das Kapitol hat selbst hartnäckigen Beschwichtigern in drastischer Weise vor Augen geführt, dass autoritäre, spaltende und chauvinistische Politik auf direktem Wege in den Extremismus führen kann. Ein Kerl, der mit Büffelhörnern durch die Hallen tanzt, ein anderer, der seine Stiefel auf dem Schreibtisch einer mächtigen Politikerin plaziert: Hier sieht man Karikaturen traditioneller Mannsbilder beim Versuch, sich verloren geglaubten Raum zurückzuerobern.

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Die unerschöpfliche Frage, was Männlichkeit heute eigentlich genau ist und was sie sein könnte, ist nicht Susanne Kaisers Thema; sie hat Stoff genug gefunden in jenem Bereich, der heute gern „toxische Männlichkeit“ genannt wird. Tief ist sie eingestiegen in deren Abgründe und präsentiert nun eine akribische Darstellung dunkelmännlicher Milieus, die, wenn sie nicht gleich direkt miteinander verbunden sind, sich doch gegenseitig befruchten. Von kuriosen Selbstetikettierungen sollte man sich nicht täuschen lassen: Weder handelt es sich bei „Pick-up Artists“ um galante Womanizer noch bei „Incels“, den „involuntary celibates“, also unfreiwillig zölibatär Lebenden, um harmlose Nerds. Beide Gruppierungen teilen den verächtlichen Blick auf Frauen – mit dem Unterschied, dass die einen meinen, alle kriegen und unterwerfen zu können, während die anderen keine kriegen und den Frauen das nicht verzeihen.

König der Incels

Das „gut organisierte Netzwerk misogyner Akteure, die global agieren“, ist laut Kaisers Analyse ebensolchem gekränkten Anspruchsdenken entwachsen. Für diese Männer haben sich, dem Siegeszug des Feminismus geschuldet, die Herrschaftsverhältnisse umgekehrt: Die wahren Unterdrücker seien längst die Frauen. Indem sich Männer als Opfer und strategische Minderheit inszenierten, legitimierten sie Gewalt als Widerstand. Dass verbale Gewalt in den sozialen Medien zu bestimmt neunzig Prozent von Männern ausgeht, ist bekannt. Mit Recht betrachtet Kaiser das reflexhafte Niederbrüllen weiblicher Stimmen im Netz als „das gut organisierte Werk misogyner Trolle und Hater“, obgleich nicht wenige Freaks vorm Rechner ihren Frauenhass auch ganz einsam und unorganisiert ausleben dürften.

Susanne Kaiser: „Politische Männlichkeit“. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen.
Susanne Kaiser: „Politische Männlichkeit“. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen. Bild: Suhrkamp Verlag

Immer häufiger jedoch schlägt verbale Gewalt in reale um. Kaiser verweist auf eine Studie, der zufolge in den Vereinigten Staaten bei einem Drittel der Massenschießereien der vergangenen zehn Jahre die Täter auch frauenfeindliche Motive hegten. Die „Mannosphäre“ im Internet ist ihre Echokammer, wo sie von Gleichgesinnten gefeiert werden. Als „König der Incels“ verehrt wird Elliot Rodger, der 2014 in Kalifornien sechs Menschen tötete und es vor allem auf Frauen abgesehen hatte, weil diese ihm „Sex, Spaß und Vergnügen“ verwehrt hätten; „Going ER“ gilt inzwischen als Ausdruck dafür, es Rodger gleichtun zu wollen.

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Wie sehen die Lösungen aus?

Manches spricht dagegen, vieles aber auch dafür, Taten wie diejenigen Rodgers als Terrorismus einzustufen. So folgen, wie Kaiser aufzeigt, viele Anschläge längst bestimmten Mustern. Gerade das umfassende Pamphlet Rodgers, aus dem Kaiser insgesamt zu ausführlich zitiert, legt freilich nicht nur eine Art terroristischer Ideologie offen, sondern den wahnhaften Narzissmus und Sadismus eines Menschen, der davon träumt, den Großteil der Frauen dieser Welt in ein KZ zu sperren und ihnen von einem Wachturm aus beim Verhungern zuzusehen. So gefährlich solche gescheiterten Existenzen auch werden können, das Patriarchat lässt sich auf ihren Schultern nicht errichten. Einen Vernichtungskrieg gegen alles Weibliche wollen nur die allerwenigsten Misogynen anzetteln, den Einfluss von Frauen zurückdrängen aber alle.

Von daher ist es richtig und wichtig, dass Kaisers Buch auch die reaktionären politischen Bewegungen in ausgewählten Staaten unter die Lupe nimmt. Eingehend befasst sie sich etwa mit Polen, wo Nationalisten und religiöse Fundamentalisten eine unheilvolle Allianz eingegangen seien. Gerade hier allerdings zeigt sie sich nicht ganz faktensicher. So ist zwar im Sommer 2020 Präsident Duda knapp im Amt bestätigt worden, dies war jedoch, anders als Kaiser schreibt, keine Wiederwahl der nationalkonservativen Regierung; in Polen hat der Präsident vor allem repräsentative Funktionen, weshalb der autoritäre Umbau der polnischen Gesellschaft dann auch nicht zuvörderst von Duda ausgeht, sondern vom PiS-Parteichef Kaczyński, als dessen Marionette Duda gilt.

Wenn es ansonsten etwas zu bemängeln gibt an Kaisers verdienstvollem Werk, dann ist es – neben dem fehlenden Register – die Tatsache, dass sie für ihre deprimierende Zeitdiagnose keine Lösungen anbietet. Doch auch hier mag wieder der Blick nach Amerika helfen: Wie das Beispiel Trump veranschaulicht, erledigt mit etwas Glück am Ende mancher Dunkelmann sich selbst.

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Susanne Kaiser: „Politische Männlichkeit“. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 268 S., br., 18,– €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomann, Jörg
Jörg Thomann
Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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