Autorin Kübra Gümüşay

Wie böse sind die Deutschen wirklich?

Von Anna Prizkau
09.03.2020
, 09:27
Die ehemalige „taz“-Kolumnistin, Netz-Aktivistin und Autorin Kübra Gümüşay
Rassismus, Feminismus und Sprache nach der Methode Kübra Gümüşay: Mit vielen Emotionen und wenigen Argumenten zeigt die Online-Aktivistin in ihrem Sachbuch, was in Deutschland schief läuft.

Sie ist „die Anti-Feministin“, „Feministin“, „Islamistin“, ein „wunderbarer Mensch“. Das sagt das Internet, wenn man es nach einem Namen fragt, nach Kübra Gümüşay. Doch warum fragt man überhaupt? Weil man ihr Buch liest, die vielen Widersprüche liest, den Sätzen schnell nicht mehr vertraut und nach Erklärungen sucht.

Kübra Gümüşay, geboren in Hamburg 1988, ist Bloggerin, ist Online-Aktivistin. Das ungefähr steht auf dem Einband von „Sprache und Sein“. Die kleine große Ironie: Im Buch mit diesem ausgerechnet heideggerhaft-angehauchten Titel stehen Zitate vieler toter Juden. Doch dazu später.

Zuerst zum Buch. Es fängt schön an, vielleicht wie ein Film von Fatih Akin: ein Hafen im Südwesten der Türkei, Sommer, Nacht, Frauen, die Sonnenblumenkerne essen und çay trinken. Nein, natürlich fängt so nie ein Film von Akin an, denn seine Filme haben weniger Klischees. Die literarische und schöne Szene erzählt Gümüşay nur, um ein Wort zu erklären, ein türkisches, das keine deutsche Übersetzung hat: Yakamoz beschreibt die Spiegelung des Mondes auf dem Wasser. Das Leuchten erkennt sie erst, als sie das Wort lernt: „Denn Sprache verändert unsere Wahrnehmung.“ Das stimmt. Und im Buch stimmt noch mehr: Ihre Beobachtung der Ausgrenzung, ihre Beschreibung des Gefühls, als Anderer, Fremder andauernd inspiziert zu werden. Wenn man das liest und selbst keine echte Deutsche ist, geboren in einem anderen Land, bekannt mit Fäusten deutscher Deutscher, dann nickt man oft. Doch öfter schüttelt man den Kopf. Denn die Autorin spricht von einem „wir“, wenn sie von Anderen spricht. In ihrem „wir“ will man aber nicht eingeschlossen sein.

Deutsches Problem des generischen Maskulinums

Warum? Da ist zuerst ihre seltsame, strenge Idee vom Feminismus. In Deutschland sieht sie ein Problem, es heißt: generisches Maskulinum. Es ginge besser ohne, weil Sprache ja Wahrnehmung bilde, impliziert sie, nennt Sprachen, die kein Genus haben: Usbekisch, Finnisch, Türkisch beispielsweise. Als nicht so deutsche Leserin hat man, klar, überall Cousinen und Cousins, auch in Usbekistan, weiß deshalb, wie Frauen da so leben: nicht besser als in Deutschland. In Finnland stimmt’s vielleicht. Und was ist los in der Türkei? Keine persönliche Erfahrung. Nur unpersönliche Statistiken, der Frauenmorde beispielsweise: 474 im Jahr 2019. Was daraus folgt? Dass eine Sprache ohne Genus das Leben von Frauen nicht automatisch besser macht.

Doch Gümüşay schreibt nichts darüber, schreibt lieber böse über Deutsche. Als Leserin, die, wie gesagt, nicht deutsch ist, macht man natürlich ab und an auch Deutschenbashing, aber nicht auf die Art von Gümüşay, die keine Argumente kennt. Als ihr einmal, so wie der Text nahelegt, anscheinend eine Deutsche sagt, dass das generische Maskulinum nicht so schlimm sei, denkt Gümüşay über die Frau: „Vielleicht kann sich ein Mensch, der noch nie gegen eine Mauer gelaufen, der noch nie hart auf den Boden der Machtlosigkeit (...) geschlagen ist – vielleicht kann so ein Mensch sich die Mauern, die sich tatsächlich durch unsere Gesellschaft ziehen, gar nicht vorstellen.“ Das heißt: Den deutschen Frauen geht es zu gut, sie kennen keinen Schmerz. Was selbstverständlich falsch ist. Es ist diese Idee vom Feminismus, die andere ausschließt – Privilegiertere, die keinen Rassismus kennen. Misogynie aber kennt jede Frau!, schreit man gegen die Seiten, beruhigt sich und liest weiter.

Dann geht es darum, dass manche Sprachen Prestigesprachen in Deutschland seien, manche nicht: „Türkisch lernt man nicht, Türkisch verlernt man.“ Unschöne, deutsche Wahrheit, ja, man nickt. Bis Gümüşay dann fragt: Was wäre, wenn man neben Goethe in Schulen andere Autoren unterrichtet hätte? Und sie nennt Namen. Auch den von Necip Fazil Kisakürek. Ihn kann man kennen. 2016 schrieb Deniz Yücel über ihn, den „Antisemiten, der dazu aufrief, Aleviten „wie Unkraut auszureißen und wegzuwerfen“.“ Und was sagt Gümüşay dazu? Entschuldigung. Auf Facebook: „Im Laufe der Monate kamen und gingen Namen aus dieser Liste, weil wir versuchten mehrere Sprachräume zu repräsentieren, um für eine vielseitige Beschäftigung mit Literatur aus aller Welt zu werben. (...) Leider hatte ich eine kritische Recherche in dieser Richtung zuvor nicht angestellt. Das war ein Fehler.“

Kisakürek und Goethe

Wie halbaufrichtig so eine Entschuldigung in Wahrheit ist, sieht man erstens an ihrem ersten „wir“, als ob ein Lektor ihr den Namen vorgeschlagen hätte. Zweitens muss man nun keine „kritische Recherche“ machen, um zu verstehen, wer Kisakürek war. Drittens: Sie hatte Zeit, das zu verstehen. Denn schon 2010 schrieb sie seinen Namen im gleichen Atemzug mit Goethe. Der Text im Buch ist nämlich nur ein leicht geänderter, der damals in der „taz“ erschien. Er steht im Internet. Und da steht auch noch mehr von Gümüşay. Auf ihrem Blog zählt sie Vorwürfe auf, die sie so hört. Um „Millî Görüş“ geht es unter andrem, mit der sie angeblich sympathisierte. Was diese islamistische Bewegung macht? Auf Facebook Werbung für Kisakürek-Bücher, Gedenkaufrufe für den toten Gründer Erbakan, der selbstverständlich auch ein Judenhasser war. Diese Bewegung „will eine ,Gerechte Ordnung‘ auf der Grundlage des Islams begründen, die langfristig alle anderen, als ,nichtig‘ erachteten politischen Systeme ablösen soll“, sagt der Verfassungsschutz von Baden-Württemberg.

Und was sagt Gümüşay, die 2016 bei „Millî Görüş“ einen Vortrag hielt? „Wenn ich zu islamischen Organisationen eingeladen bin, dann übe ich selbstverständlich Kritik, spreche über Missstände in den Gemeinden“, sagt sie zum Beispiel. Okay, wenn irgendwer mit Rechten reden will – es gibt auch rechte Ausländer –, dann bitte. Doch ist in der Erklärung Gümüşays ein Fehler. Denn indirekt nennt sie da „Millî Görüs“ eine einfache islamische Organisation, mehr nicht. Weiter erklärt sie sich zu Erdogan. Seit Jahren wird ihr vorgeworfen, was sie vor Jahren schrieb: „Also, on a personal note: I currently don’t see any alternative to AKP in Turkey. So, we need constructive criticism!“ Das war ein Tweet, 2013, die Zeit der Gezi-Park-Proteste, in der die Menschen vom Tränengas erblindeten. Gümüşay sagt, dass der Tweet aus dem Kontext rausgerissen sei. Dass sie viel Kritisches zu Erdogan geschrieben habe, was wahr ist.

Doch: „Jedes Wort hat Wirkung.“ Das schreibt sie selbst in ihrem Buch, das man jetzt weiterliest. Das alte Zweifelhafte an Kübra Gümüşay versucht man aus dem Kopf zu sperren, weil man aufs gute Neue wartet. Aber da steht nichts Neues. Da steht: Ausländer, ihre Enkel, ihre Kinder und andere Minderheiten haben es schwer in Deutschland. Stimmt. Und: Sprache hat Macht. Stimmt auch. Um das auf vielen Seiten zu erklären, zitiert Gümüşay aus ihren alten Texten und schreibt andauernd das Wort „Demut“. Es ist ihr kleiner Trick, um zu beweisen, dass sie viel besser ist als Deutsche, dass „wir“ viel besser sind: „Weil ich ein Bewusstsein für die Grenzen meines Wissens und meiner Wahrnehmung besitze. Wir Anderen erlernen diese Fähigkeit.“ Wie schon gesagt: Als Andere will man in so einem „wir“ nicht sein. Will raus. Will, dass es endet.

Doch vor dem Ende muss Gümüşay noch schnell gerührt den Dichter Ghayath Almadhoun zitieren. Sucht man dieses Gedicht im Internet, findet man ein paar Zeilen vor den zitierten diese: „ich habe Partei ergriffen für die Indianer gegen den weißen Mann, für die Juden gegen die Nazis, für die Palästinenser gegen die Israelis“. Ja, das ist die vorbildlichste Art, Nazis mit Israelis gleichzusetzen. Ja, das zitiert Gümüşay dann nicht. Obwohl sie so oft die zitiert, die Nazis überlebten: Martin Buber, George Steiner, Paul Celan, Abraham Joshua Heschel, Theodor W. Adorno, Victor Klemperer und Kurt Tucholsky, der keine Lust mehr hatte, die Nazis überleben zu müssen. Wozu aber die alten Juden sprechen lassen, wenn man einem Mann zustimmt, der sagt, dass neue Juden Nazis sind? Es geht um Opferaura und mehr nicht. Es geht ihr, der Muslima, die viel zu viele Ausgrenzungen erfahren musste, darum, die schlimmen Erfahrungen neben das größtmögliche Leid, das der Schoa zu stellen, um so ihre Erfahrungen größer aussehen zu lassen, schmerzhafter. Das wiederum ist so durchsichtig, dass es am Ende übersehen wird. Denn Gümüşay wird überall und laut gelobt; von Kritikern, Kulturmenschen, Politikern.

Aber warum? Das Prinzip Gümüşay läuft gut im deutschen Jetzt, weil es nach sehr bekannten Regeln läuft: Das sagen, was ohnehin schon offensichtlich ist. Andere angreifen mit Emotionen, nicht mit Argumenten. Verschweigen, was man offenbar in Wahrheit denkt. Manchmal doch auf der Tastatur ausrutschen. Dann sagen: Das wurde nicht verstanden, aus dem Zusammenhang gerissen, bösartig wurde einem Böses unterstellt. Und fertig.

Mit Demut sitzen wir, die Anderen, vor diesem Buch, vor diesem ach so populistischen Prinzip und haben nichts verstanden. Oder alles.

Kübra Gümüşay: „Sprache und Sein“. Hanser Berlin, 208 Seiten, 18 Euro.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Prizkau, Anna
Anna Prizkau
Redakteurin im Feuilleton.
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