<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Kunstraub im Zweiten Weltkrieg

Sie hielten die Deutschen für ein Kulturvolk

Von Kerstin Holm
 - 22:20
Während der Leningrader Blockade bereiten Museumsleute die Evakuierung von Kulturgüter vor.zur Bildergalerie

Allzu lange war die Debatte um die infolge des Kriegs verlagerten Kulturgüter, kurz Beutekunst, zwischen Deutschland und Russland von der Aufrechnung der Verbrechen der jeweiligen Gegenseite bestimmt. Die deutsche Seite postuliert, die Konfiskation deutscher Kunstschätze durch die Sowjetarmee nach 1945 habe gegen internationales Recht verstoßen, die russische Seite beharrt auf ihrem Recht der Selbstkompensation für Kunstraub und -zerstörung durch die deutschen Besatzer. Eine bündige Darstellung der russischen Verluste, vor allem mit Berücksichtigung späterer Rückführungen, stand aber noch aus.

Diese Lücke wird nun am Beispiel der Zarenschlösser bei Leningrad sowie der nordwestrussischen Städte Novgorod und Pskov durch eine von der Kulturstiftung der Länder und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz herausgegebenen Studie geschlossen, die nicht nur die Dramen von Okkupation, Plünderung, Evakuierung an bisher unbekanntem Material rekonstruiert, sondern auch wichtige Akteure auf beiden Seiten anhand von persönlichen Aufzeichnungen und Briefen vorstellt.

In der von der Volkswagenstiftung geförderten, mit historischen Fotos reich illustrierten Publikation zeigen die Historikerinnen Corinna Kuhr-Korolev, Ulrike Schmiegelt-Rietig und ihre russische Kollegin Elena Zubkova die technische Überlegenheit und das Überlegenheitsbewusstsein der Deutschen einerseits und die Not der russischen Museumsleute andererseits, von denen einige mit dem Feind kollaborierten, um ihre Schätze zu retten. Das Buch macht aber auch deutlich, dass im Chaos des Krieges die Grenze zwischen Raub und Rettung manchmal fließend war.

Die russischen Museen waren leidgeprüft. Nach dem Oktoberumsturz hatte die Sowjetmacht erklärt, die verstaatlichten Kunstsammlungen schützen zu wollen, ließ aber doch wichtige Kulturschätze verkaufen, um die Staatskasse zu füllen. Von den Pionieren der säkularen Museumsarbeit landeten einige unter Stalin im GULag. Nach dem deutschen Angriff konnten die Museen im Nordwesten nur einen Bruchteil ihrer Bestände evakuieren. Und auch davon schaffte es nur ein Teil ins vergleichsweise sichere Hinterland im Ural oder in Sibirien. Viele Transporte kamen nur bis Leningrad, wo die Kunstwerke und ihre Hüter in der zum Museum umfunktionierten Isaakskathedrale untergebracht wurden. Dort verhungerten etliche Kustoden während der Blockade.

Die deutschen Experten, die den Kunstraub organisierten, hielten Sowjetrussland für barbarisch. Im besetzten Nordwestrussland spielte der Kunstschutz der Wehrmacht die Hauptrolle, insbesondere der Kunsthistoriker und langjährige Kustos des Frankfurter Städel-Instituts Ernst Otto Graf zu Solms-Laubach (1890 bis 1977), der innerhalb der Militärverwaltung eine Einheit für den Kunstschutz aufbaute und den Abtransport des Bernsteinzimmers aus dem Katharinenpalast in Puschkin organisierte. Ihm arbeitete der Kunsthistoriker Werner Körte (1905 bis 1945) zu, ein überzeugter Nationalsozialist, der angesichts der „asiatischen“ russischen Einöde die Barockresidenzen umso mehr bewunderte und in ihnen deutschen Formwillen zu erkennen glaubte.

Körte zeigte sich jedoch auch beeindruckt von den Restaurierungsleistungen der „Roten“ und vermerkte, dass die Deutschen das sowjetische Bildungsniveau völlig unterschätzt hätten. Und als er später in Pskov altrussische Ikonen inventarisierte, gestand er, diese mittelalterlichen Meisterwerke hätten sein kulturhistorisches Weltbild gründlich erschüttert.

Der Kunstschutz, der, wie Solms erklärte, Kulturgüter vor Kriegszerstörungen bewahren sollte, verfolgte offensichtlich auch eigene Sammelinteressen und wollte womöglich obendrein andere NS-Behörden daran hindern, sich Kunstschätze anzueignen. Dazu gehörte das Sonderkommando Künsberg, das formell dem Auswärtigen Amt, dann faktisch der SS unterstand, und vor allem Akten und Altertümer suchte. Künsberg-Leute nahmen aus Schloss Pavlovsk die kostbare Rossi-Bibliothek mit. Aktiv war auch der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR), der nach Kulturgut fahndete und aus der Zarenresidenz Gattschina eine Sammlung von Porträtgemälden, aber auch sowjetische Filme abtransportierte. Der von Hermann Göring protegierte ERR verfügte später über die Pavlovsker Bücher und schenkte hundert davon dem ehemaligen Botschafter Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg, wohl als Trost für seine in Russland zurückgelassene Bibliothek. Schulenburgs Nachkommen schickten die Bücher erst 2013 zurück nach Pavlovsk.

Der Frontverlauf hatte zur Folge, dass die Zarenschlösser am meisten unter Kampfhandlungen litten, während in Novgorod die Kunstschätze zunächst belassen und ab 1942 nach Pskov abtransportiert wurden. Im besetzten Pskov kam im Pogankinpalast, der zugleich Zwischenlager und Museum war, sogar ein Museumsbetrieb in Gang. Auch in Novgorod wurden die berühmten Kirchen durch sowjetischen Artilleriebeschuss schwer beschädigt, zusätzlich aber durch spanische Soldaten der „Blauen Division“, die mehr mit der Bevölkerung fraternisierten als die Deutschen. Dafür verheizten sie hemmungslos Ikonen und Mobiliar, stahlen Kirchengerät, brachen selbst verschlossene Gotteshäuser auf und plünderten sie aus. Besser erging es dem zweihundert Kilometer westlich gelegenen Pskov, das während der drei Jahre dauernden Besatzung Haupttruppenstützpunkt und Hinterland wurde und wo Feldkommandant Oberst Alfred Bolongaro-Crevenna eine russische Verwaltung aufbaute.

Im wiedereröffneten Pskover Kunstmuseum wurden Kunstschätze aus eroberten Gebieten gesammelt, darunter die Gottesmutterikone von Tichvin. Nach dem deutschen Rückzug gelangte das Bild mit einem orthodoxen Bischof nach Amerika, von wo dessen Ziehsohn sie 2004 nach Tichvin restituierte. Aus dem Museumsdepot wurden unterdes Gemälde und Ikonen an Wehrmachtsoffiziere verkauft oder gegen Quittung „ausgeliehen“. Jene Pskover Ikone, die Bolongaro-Crevenna „gerettet“ und ans Frankfurter Städel übergeben hatte, wurde kurz nach Kriegsende von der amerikanischen Militärregierung an die Sowjetunion übergeben, wo sich ihre Spur jedoch verliert.

Das Buch, zu dessen Pionierleistungen auch die Panoramaperspektive gehört, porträtiert ferner die russischen Museumsleute, die während des Krieges und danach zu retten versuchten, was zu retten war. Beispielsweise den Kustos der Schlösser von Puschkin, Ivan Jermoschin, der die Evakuierung und Sicherung der Schätze geleitet hatte und unter der Besatzung versuchte, Plünderungen der Deutschen entgegenzuwirken. Jermoschin soll über die Rücksichtslosigkeit der Okkupanten, die er für ein Kulturvolk gehalten hatte, entsetzt gewesen sein. Nach dem Krieg bekam er wegen Kollaboration zehn Jahre Straflager. Oder die Direktorin von Pavlovsk, Anna Zelenova, die vor dem Krieg ihre Exponate gegen Sowjetprominente wie Militärs verteidigte und während der Blockade in Leningrad privaten Kulturbesitz vor Plünderungen sicherte. In der Nachkriegszeit erarbeitete Zelenova für das verwüstete Pavlovsk Methoden wissenschaftlicher Restaurierung.

Die außer mit einem Literaturverzeichnis mit Karten, Personenregister und reichem Fotomaterial ausgestattete Publikation entwirft ein historisches Wimmelbild. Da wichtige Figuren in unterschiedlichen Themenkapiteln auftauchen, blättert der Leser vor und zurück, dankbar für die wie bei einem russischen Roman beigegebene Liste der handelnden Personen, aber ebenso für die analytische Darbietung des tragischen Stoffes. Der wissenschaftliche Leiter, der Osteuropahistoriker Wolfgang Eichwede, der selbst zahlreiche Beutekunstrückgaben aus deutschem Besitz mit initiiert hat, erinnert in seinem Vorwort an die tiefen kulturellen Spuren des deutschen Vernichtungs- und Kolonialkrieges im Osten. Umso erfreulicher, dass dessen Folgen heute viele deutsche und russische Historiker, aber auch Museumsleute mehr verbindet als trennt.

Corinna Kuhr-Korolev, Ulrike Schmiegelt-Rietig, Elena Zubkova, Wolfgang Eichwede: „Raub und Rettung“. Russische Museen im Zweiten Weltkrieg. Böhlau Verlag, Wien / Köln / Weimar 2019. 383 S., Abb., geb., 37,99 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Holm, Kerstin
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenRaubKunstraubRusslandRettungEvakuierungZweiter Weltkrieg