Jia Tolentinos „Trick Mirror“

Kein richtiger Tweet im falschen Netz

Von Harald Staun
21.02.2021
, 16:37
Jia Tolentino trifft mit ihrem Buch „Trick Mirror“ den Nerv einer Zeit, in der man sein eigenes Selbst kaum noch von dem Bild unterscheiden kann, das man in sozialen Medien von sich entwirft.

Jia Tolentino war 16, als sie zum ersten Mal verstand, was es bedeutet, dass das Ich ein anderer ist. In einem Einkaufszentrum nimmt sie an einem Casting für eine Reality-Show teil, aus einer Laune heraus, scherzhaft angestachelt von ihren Eltern. Und wird genommen. Drei Wochen lang dreht sie in Puerto Rico die Sendung „Girls v. Boys“. Vier Jungs, vier Mädchen, ein Ferienhaus mit Etagenbetten, Challenges am Strand, es geht darum, wer am schnellsten einen Berg scharfer Mayonnaise essen kann und wer zuerst mit wem knutscht. Aber vor allem geht es natürlich darum, wer man sein will – oder wer man sein soll.

Wie jeder Teenager beschäftigt sich Jia Tolentino ausgiebig mit solchen Fragen, macht sich Sorgen, wie ihre Freundinnen und Klassenkameraden sie sehen, überlegt sich vor der Show, wie sie verhindern kann, wie eine Schlampe auszusehen, ohne prüder zu wirken, als sie sich selbst sieht. Aber schon damals drehen Tolentinos Gedanken über die richtige Selbstinszenierung die wildesten Schleifen: Nicht nur „überwacht“ sie sich selbst, um möglichst so zu leben, „wie ich ‚wirklich bin‘“, schreibt sie in ihr Tagebuch. Sondern befürchtet gleichzeitig auch, dass ihr ihre Performance durch diese Selbstüberwachung viel zu stark bewusst wird, dass sie Gefahr läuft, eine „Rolle meiner selbst“ zu werden.

Paradoxerweise ist es gerade die Teilnahme an der Reality-Show, die sie aus dieser Form von Paranoia befreit: Sie kommt vor lauter Beobachtung mit dem Selbstbeobachten gar nicht mehr hinterher: „Solange alles eine einzige Performance war, schien es unmöglich, bewusst zu performen“, schreibt sie nun in einem Essay in ihrem Buch „Trick Mirror“, in dem sie, fünfzehn Jahre später, auf ihre Erfahrungen von damals zurück- und von dort aus wieder in die Gegenwart blickt. „Das Wissen darum, gesehen zu werden, vertrieb meinen Wunsch, mich selbst zu sehen, mich als Rolle zu analysieren. (...) Nach ein paar Jahren glaubte ich, dass der Eindruck, den ich auf andere Menschen machte, wie das Wetter war, nämlich außerhalb meiner Kontrolle.“

Aus diesem Grund schaut sich Tolentino die Show, als sie im Fernsehen läuft, nie an. Erst für die Recherche zu ihrem Essay besorgt sie sich die alten Aufnahmen, spricht mit den anderen Teilnehmern und der Produzentin. Und merkt, dass ihre Fernseherfahrung sie doch nicht ganz von ihrem Wahrnehmungstaumel befreit, sondern eher unterbewusst geprägt hatte: „Der Anpassungsprozess meines äußeren Ichs verlief so instinktiv, so automatisch, dass ich ihn nicht mehr bewusst wahrnehmen konnte. Das Reality-Fernsehen machte mich frei von der Selbstwahrnehmung und band mich zugleich an sie, indem es die Selbstwahrnehmung untrennbar mit allem anderen vereinte. Das war eine nützliche, wenn auch fragwürdige Vorbereitung auf ein Leben in den Fängen des Internets.“

Mit solchen Meta-Reflexionen traf Jia Tolentino Ende 2019, als „Trick Mirror“ in den Vereinigten Staaten erschien, den Nerv von ein bis zwei ganzen Generationen von Menschen, zu deren täglicher Praxis es gehört, im Spiegelkabinett sozialer Medien ein halbwegs angemessenes und vorteilhaftes Bild von sich zu entwerfen. Die Kritiker überhäuften das Buch mit Lob und waren sich nur in der Frage nicht ganz einig, ob Tolentino die „Susan Sontag der Millennials“ („Washington Post“) oder die „Joan Didion unserer Zeit“ („Vulture“) sei. Und das knallige Cover machte sich auf den Fotos, mit denen avancierte Instagramer ihre eigene reflektierte Selbstwahrnehmung präsentieren konnten, sogar noch besser als die schicke Tote Bag des „New Yorker“, für den Tolentino seit 2016 regelmäßig schreibt.

Die Blurbs sind Meta-Blurbs

Wenn nun die deutsche Ausgabe von „Trick Mirror“ erscheint, kann man erst einmal fünf Seiten lang durch ähnliche euphorische Selfies blättern, auf denen die besten der amerikanischen Essayisten (etwa Zadie Smith, Rebecca Solnit oder Leslie Jamison) ihre Begeisterung für Tolentinos Witz und Poesie ausstellen oder prominente deutsche Stimmen (wie Igor Levit oder Berit Glanz) signalisieren, dass sie das Buch selbstverständlich schon längst auf Englisch gelesen haben. Und doch kann man diese Statements nicht einfach als „virtue signalising“ interpretieren, als risikofreie Demonstration von Avanciertheit und kritischem Bewusstsein, auf die man sich, wie Tolentino es treffend beschreibt, „unweigerlich“ einlässt, wenn man heute irgendwo öffentlich seine Meinung äußert. Auch diese Blurbs sind sozusagen Meta-Blurbs, die signalisieren, dass sich ihre Verfasser der Tatsache völlig bewusst sind, welches Signal sie damit aussenden. Nur das Nachwort zur deutschen Ausgabe fällt etwas kurz aus, schließlich wäre man sehr neugierig darauf gewesen, wie Tolentino ihre Reaktionen auf ihre Reaktionen auf die Reaktionen der anderen auf ihr Buch beschreibt.

Dass Tolentino bei ihrer selbstkritischen Selbstbespiegelung der Existenz im Zeitalter egozentrischer Medien ihr eigenes Selbst so in den Mittelpunkt stellt, dass sie das „I“ in „Internet“ sehr groß schreibt, um das Wortspiel aus dem ersten Essay des Buches aufzugreifen („Das Ich im Internet“), haben ihr einige der wenigen Kritiker vorgeworfen. Aber man darf ihre Selbstbezogenheit nicht einfach mit Narzissmus verwechseln. Denn unbestreitbar sind Tolentinos Erfahrungen repräsentativ genug, dass sich ein großes Publikum in ihrem Spiegel wiedererkennt. Tolentinos großes Talent besteht darin, wesentliche gesellschaftliche, politische oder mediale Entwicklungen unserer Zeit mit einem diffusen persönlichen Unbehagen kurzzuschließen, und zwar auf eine Weise, die oft ganz neue Perspektiven auf ihren Gegenstand ermöglicht.

Der tägliche Wahnsinn

Ob sie über Optimierungswahn oder Identitätspolitik schreibt, über Heldinnen ihrer Kinderbücher oder den „Kult um die schwierige Frau“, über die Trumps und die Kardashians, über die Alltäglichkeit von Betrug oder die Gemeinsamkeiten von Religion und Ecstasy: Immer führt sie der Weg am Ende zurück und zu und durch ein Ich, das ihre eigene Rolle und Position innerhalb der herrschenden Verhältnisse sucht, als Frau und Tochter philippinischer Einwanderer, als Amerikanerin und Millennial, als diskriminierte und privilegierte Person. Ein Ich, das sich an der unausweichlichen Komplizenschaft mit diesen Verhältnissen und den Möglichkeiten ihrer Veränderung abarbeitet, am Politischen im Privaten und der Frage, was davon das Symptom des anderen ist. Oft läuft das zwar auch nur auf die desillusionierende und zeitlose Erkenntnis hinaus, dass man als Einzelner einem System nur schwer entkommt, das darauf ausgelegt ist, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu formen, zu erfüllen und sich zu Nutzen zu machen. Es gibt keinen richtigen Tweet im falschen Netz.

„Der tägliche Wahnsinn, der sich im Internet fortsetzt, ist der Wahnsinn dieser Architektur, die die persönliche Identität ins Zentrum des Universums fortsetzt. Es ist, als hätte man uns ein Fernglas gegeben, mit dem alles wie unser eigenes Spiegelbild aussieht“, schreibt Tolentino. Doch selbst wenn nicht einmal der Befund originell ist, dass diesmal, da dem „Kapitalismus (...) kein Land mehr (bleibt), um es zu kultivieren, als das Selbst“, wirklich eine neue Ebene erreicht ist, haben Tolentinos Beobachtungen doch eine ganz eigene Qualität, einen Glanz, der ihre fatalistischen Diagnosen gleichzeitig bestätigt und widerlegt: Ihr Schreiben selbst ist der Beweis dafür, dass auch (oder womöglich gerade) eine Sozialisation im Zeichen ständiger Selbstreflexion den Blick auf die Welt nicht verengen muss.

All ihrer Verzweiflung und Ratlosigkeit liegt eine unstillbare Sehnsucht nach Solidarität und Offenheit zugrunde, ein Bewusstsein für ihre Fehlbarkeit und die Vorläufigkeit aller Erkenntnisse, die sich nur beim Schreiben kurz auflöst: „Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich andauernd verwirrt bin, mir keiner Sache sicher sein kann und mich von jeglichem Mechanismus angezogen fühle, der mich von dieser Wahrheit ablenkt“, schreibt Tolentino. Nach all den Jahrhunderten brillant argumentierender Rechthaber und angesichts der anhaltenden Popularität eitler Interneterklärer kann man für diesen Ton gar nicht dankbar genug sein.

Der Trick in „Trick Mirror“

Und trotzdem ist es nachvollziehbar, diese lauten Zweifel für den eigentlichen Trick in „Trick Mirror“ zu halten, für eine raffinierte Form von Betrug, der sich als Selbstbetrug ausgibt. Der Tatsache, „dass meine ganze Karriere auf der Art und Weise aufbaut, in der das Internet Identität, Meinung und Haltung in sich zusammenfallen lässt“, ist sich Tolentino genauso bewusst wie jener, dass sie sich den Luxus, auf zeitgenössische Bequemlichkeiten zu verzichten (also etwa nicht bei Amazon zu bestellen), nur leisten kann, weil sie jahrelang ihre „Persönlichkeit im Internet verhökert“ hat. Ihre pointierten, subjektiven Texte, mit denen sie es von der Autorin für stilprägende feministische Online-Magazine wie „Jezebel“ oder „The Hairpin“ zur Bestsellerautorin geschafft hat, sind gewissermaßen auch nur ein Symptom des Internets, das sie für so verkommen hält. Und was soll man von den unschuldig intimen Bildern auf ihrem Instagram-Account halten, die so gar keine kritische Distanz zur angestrengten Authentizität erkennen lassen, die andere dort millionenfach betreiben: Wie alle postet Tolentino dort halbironische Selfies und komplett rührende Familienbilder, Fotos von Hund und Freund und Ferien, gelegentlich Solidaritätsbekundungen für den Klimastreik oder gegen Abschiebung.

Zuletzt sah man dort fast nur noch: Babybauchfotos, Babybettfotos, Babyfotos. Im August wurde sie Mutter einer Tochter. Folgt all das noch immer jenem „professionellen Ansporn, in den sozialen Medien aktiv zu bleiben“, mit dem sie ihre Karriere vorantrieb? Ist das auch heute noch die „unumgängliche Voraussetzung für meinen Lebensunterhalt“? Und hat sie dabei immer noch das Gefühl, als täusche sie vor, alles sei „lustig, normal und aussichtsreich“, in der Hoffnung, „dass diese Situation dadurch wie von Zauberhand tatsächlich eintritt“? Es führt kein Weg mehr in die Wüste des Realen.

Der Einwand aber, Tolentino würde es sich in der Immanenz des Netzes ein wenig zu gemütlich machen, ist noch naiver als das süßeste Babyfoto. Denn was wäre der Ausweg in die Welt hinter den Spiegeln? Endlich Twitter löschen und sich analog politisch engagieren? Flugblätter gegen Fake News? Spazierengehen gegen den Algorithmus? Rote Pillen? Wenn es stimmt, dass wir die Bedingungen des Netzes längst verinnerlicht haben, entkommt man ihnen nicht. Man kann sich nur wünschen, dass es Chronisten gibt, die so klug aus dem Inneren berichten wie Tolentino. Und seien ihre Reflexionen nur die schönsten aller Täuschungen.

Jia Tolentino: „Trick Mirror: Über das inszenierte Ich“. Aus dem Englischen von Margarita Ruppel. Verlag S. Fischer, 368 Seiten, 22 Euro.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Staun, Harald
Harald Staun
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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