Fotografien von Roger Melis

Illustrationen aus dem Leben eines Paares

Von Freddy Langer
03.07.2022
, 08:28
Roger Melis zählte zu den wichtigsten Reportage- und Modefotografen der DDR. Ein Band versammelt nun Porträts, die er über zwei Jahrzehnte von seiner Frau gemacht hat. Die Bilder zeugen von einem ausgeprägten Sinn für strenge Kompositionen.
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Thea auf dem Land, Thea in der Stadt und Thea in der Küche beim Spülen des Geschirrs. Thea am Klavier, Thea, wie sie auf dem Sofa ausgestreckt ihren nackten Fuß massiert, und immer wieder Thea mit einer Zigarette in der abgewinkelten Hand. Mit sechzig Bildern, entstanden im Laufe von zwei Jahrzehnten, zeigt der Band „Thea“ eine attraktive, stets selbstsicher wirkende Frau in immer neuen Posen und Situationen. Es sind Bilder aus einem privaten Archiv, aber dort in solch großem Format abgelegt, als seien sie für eine Ausstellung abgezogen worden. Die Ausstellung hat es nie gegeben. Thea ist vor acht Jahren gestorben, der Fotograf der Aufnahmen vor dreizehn. Beide nach schwerer Krankheit, beide viel zu jung.

Manchmal berichten Fotografien von Verehrung und Bewunderung, und manchmal erhofft man sich von ihnen Antworten auf Fragen, die noch gar nicht gestellt sind. Beides erklärt, weshalb Verliebte sich besonders gern fotografieren. Das wird bei Roger Melis nicht anders gewesen sein, als er 1967 Dorothea Ber­tram kennenlernte. Er war siebenundzwanzig Jahre alt, sie neunundzwanzig. Schon im folgenden Jahr zogen sie zusammen, und weitere zwei Jahre später waren sie verheiratet. Gut möglich, dass man sie da bereits als eine Art Dreamteam der ostdeutschen Modebranche wahrnahm.

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Dorothea Bertram hatte sich in ihrer Diplomarbeit an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee kritisch mit der DDR-Modezeitschrift „Sibylle“ auseinandergesetzt, war daraufhin kurzerhand von deren Chefredakteurin Anfang der Sechzigerjahre eingestellt worden, um das Heft zu modernisieren, und stieg später zu dessen Modechefin auf, was zu dem Spitznamen „Anna Wintour“ geführt haben soll.

Mit der Ehrfurcht vor dem Individuum

Roger Melis hatte Mitte der Sechzigerjahre mit seiner Porträtreihe von Schriftstellern und bildenden Künstlern der DDR begonnen, einer Arbeit, die am Ende enzyklopädische Ausmaße annahm. Schon bevor er das erste Bild von Dorethea Bertram machte, konnte er mit Aufnahmen nicht nur von Peter Huchel, Günter Kunert und Rolf Schneider, Peter Hacks, Heiner Müller und Wolf Biermann sowie den Bildhauern Werner Stötzer und Fritz Cremer ein umfassendes Portfolio vorlegen, dessen Blätter heute nicht unerheblich zu unserer Vorstellung dieser Männer beitragen.

Es waren ernste Momente, die er festhielt, verschlossene Gesichter mit nachdenklichem, skeptischem Blick, nicht selten von geradezu staatstragender Schwere – und die Posen mitunter, als seien sie in Stein gemeißelt. Es verbarg sich dahinter eine Auffassung vom Porträt, an der Roger Melis auch weit nach dem Mauerfall noch festhielt. Kaum jemand auf seinen Bildern lächelt. Niemand lacht. Er habe immer Wert darauf gelegt, schrieb Roger Melis bei Gelegenheit, sich den Menschen behutsam zu nähern. Er bediente sich bewusst eines „antiquierten“ Begriffs, wie er es formulierte: „Mit der Ehrfurcht vor dem Individuum.“

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Als er durch das Zusammentreffen mit seiner Frau von Ende der Sechzigerjahre an begann, Modefotos für „Sibylle“ aufzunehmen, schien es ihm nicht schwergefallen zu sein, sich von diesem Ansatz zu lösen. Den frischen Wind, den sie in das Heft bringen sollte, unterstützte er durch dynamische Situationen und bisweilen kecke Posen. Dennoch legte er nach wie vor Wert auf einen eher strengen, fragenden, dann und wann auch herausfordernden Blick, der Souveränität ausstrahlte und das Bild der selbständigen, emanzipierten Frau im Sozialismus untermauerte.

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Aus gegenseitiger Wertschätzung heraus

Nicht einmal mit der eigenen Frau, nun Dorothea Melis, schien ihm an Bildern ungebändigter Lebensfreude oder privater Vergnügtheit sonderlich gelegen, und kaum jemals sind die Aufnahmen wenigstens von einer gewissen Lässigkeit geprägt. Auch sehen die allerwenigsten dieser Bilder aus wie en passant entstanden. Fast alle sind streng komponiert, viele wirken inszeniert. Wenn Thea Melis seltsam angespannt mit aufmerksamem Blick während eines Spaziergangs im Wald innehält, glaubt man, es handele sich um ein Film-Still. Einmal schimmern wie ein Wasserzeichen die harten Frauenporträts der Neuen Sachlichkeit durch ihr Konterfei. Das Bild indes, für das sie, die Hände in den Hosentaschen, burschikos angriffslustig in einer engen Straße vor dem Berliner Dom posiert, könnte einem Mode-Shooting für die „Sibylle“ entstammen. Manchmal spürt man förmlich, wie viel konzentrierte Arbeit hinter einem Motiv steckt und eben keine Spielerei. Und weshalb sollte Roger Melis mit seiner Frau nicht hin und wieder Bildideen für spätere Aufnahmen durchgespielt haben? Mehr als Verliebtheit meint man aus den Aufnahmen Achtung, Respekt und ein tiefes Interesse am Menschen herauszulesen.

Aber wer wollte von einem prominenten Fotografen bloß Schnappschüsse erwarten, selbst im Familienkreis? Beispiele gibt es genug dafür, dass sich Fotokünstler – nicht anders als eine schier unüberschaubare Phalanx von Bildhauern und Malern – mit der eigenen Frau als Modell befasst haben. Oft fließen diese Ergebnisse, so intim sie auch sein mögen, nahtlos in das restliche Œuvre ein, und nicht wenige sind Fixpunkte in der Geschichte der Fotografie geworden, weshalb der biographische Zusammenhang für den Betrachter dieser Aufnahmen letztlich keine Rolle spielt.

Natürlich verhält man sich anders, wenn man sich kennt: So sind Vertrauen, Offenheit und Nähe, wie sie zwischen Ehepartnern herrschen, mit professionellen Modellen kaum zu erreichen. Andererseits bergen künstlerische Intentionen keine geringen Risiken, was Kompromisse nötig machen kann und gegenseitige Verletzungen nicht ausschließt. Und selbstredend ist es ein Unterschied, ob die Modefotografen Irving Penn und David Bailey ihre Ehefrauen, beide Mannequins, über Jahre hinweg glamourös mal nackt, mal in eleganter Kleidung fotografierten oder Araki und Seiichi Furuya ihre sterbenskranken Frauen mit der Kamera bis in den Tod begleitet haben. Alfred Stieglitz hat seine Frau Georgia O’Keeffe mit befremdlicher Kühle regelrecht seziert, tastete mit der Kamera jeden Teil ihres Körpers ab und bezeichnete die Aufnahmen erst in ihrer Gesamtheit als „A Portrait“. Edward Weston streckte seine Frau Charis Wilson für eine Bildserie nackt in die Dünen Kaliforniens aus, so klassisch und anmutig wie eine Marmorskulptur, während Nicholas Nixon Jahr für Jahr mit Eiseskälte nicht nur im Gesicht seiner Frau die Spuren des Alterns dokumentiert. Weniger Eitelkeit und weniger Scheu als in diesen Bildern ist kaum denkbar. Harry Callahan dagegen betonte, seine Frau über Jahre hinweg fotografiert zu haben, um den Ausdruck von Schönheit zu bannen, der eines Tages verloren gehen würde. Dass sie oft eher an ein Gespenst als ein Wesen aus Fleisch und Blut erinnert, muss dem Ansatz nicht widersprechen.

Konzeptuelle Strenge scheint nie Roger Melis’ Intention gewesen zu sein. Seine Bilder von Thea wirken auch nicht wie der Teil eines künstlerischen Projekts, sie sind klassische Porträts. Großartige Porträts, sollte man sagen. Entstanden nicht im psychologisch aufgeheizten Duell zwischen zwei lauernden Personen, im eitlen Kampf um den gewünschten Ausdruck und erhofften Eindruck, den die eine hinterlassen und der andere bewahren möchte. Sondern aus gegenseitiger Wertschätzung heraus. Das Porträt als Übereinkunft. Aber weil keiner Fotografie zu trauen ist, können Bilder auch Wünsche vortäuschen, die sich an einem Ideal orientierten und an der Wirklichkeit gescheitert sind. Wer will das schon entscheiden? Auf einem der letzten Bilder im Buch zeigt sich Roger Melis im Doppelporträt mit seiner Frau grimmig, fast feindselig.

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Die Bilder dieses Buches sind Illustrationen aus dem Leben eines Paares – aber sie addieren sich zu keiner Biographie. Stattdessen vermitteln sie einen Eindruck von Roger Melis’ klassischem Verständnis von Schönheit und von Dorothea Melis’ Selbstverständnis im Umgang mit der Welt der Schönen. Dass Thea allerdings mit jeder Seite, die man weiterblättert, geheimnisvoller wird, undurchschaubarer, distanzierter, dass unsere Blicke an ihren abprallen, daraus entwickelt das Buch seinen eigentlichen Sog. Was man so gut wie gar nicht findet, sind Andeutungen von Verlangen oder gar ein Ausdruck von Erotik – dabei hätte ein Ehemann, möchte man meinen, guten Grund auch für solche Aufnahmen haben können.

Mathias Bertram, der Herausgeber des Bands, ist der Sohn von Dorothea Melis und der Ziehsohn von Roger Melis. Ob er mit „Thea“ ein Interesse verfolgt, das Bild von der Familie in ein gewünschtes Licht zu rücken, darüber kann man nur spekulieren. Unzweifelhaft hingegen ist, dass sich Roger Melis niemand Engagierteren hätte wünschen können, seinen Nachlass zu verwalten und das Lebenswerk aufzuarbeiten. Etwa ein halbes Dutzend Bücher zu unterschiedlichsten Themen hatte Mathias Bertram schon so penibel wie großartig zusammengestellt und herausgegeben, darunter ebenso die berühmten Künstlerporträts wie poetisch-stille Beobachtungen vom Leben in einem Dorf oder etwa eine Neuauflage des Bands „Paris zu Fuß“, der 1986 zum ersten Mal erschienen ist und zu den erfolgreichsten Fotobüchern der DDR zählt. Mit einem opulenten Band zur Modefotografie und der wundervollen Hommage an seine Mutter hat er das beeindruckend vielfältige Vermächtnis von Roger Melis nun im Bücherregal um fast eine Handbreit erweitert. Und ein Ende scheint nicht abzusehen.

Roger Melis: „Thea“. Porträts und Momente. Hrsg. von Mathias Bertram. Lehmstedt Verlag, Leipzig 2021. 96 S., Abb., geb., 24,– €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Langer, Freddy
Freddy Langer
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
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