Lob des Sauerlands

Für viele ist diese Region immer noch Terra incognita

Von Andreas Rossmann
26.11.2021
, 22:30
Keine Spekulanten eben, sondern Fabrikanten: die Firma Basse & Selve in Altena, die im Kaiserreich einer der größten deutschen Metallwarenhersteller und später für einige Zeit Teil des Krupp-Konzerns war, um 1910.
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Was am Sauerland zu loben ist: Ulrich Raulff widmet sich einem der unverstandensten Stämme unter den Deutschen und schreibt dabei auch ein Stück Autobiographie.
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Ein Foto der Drüggelter Kapelle am Möhnesee, das Bertha und Gustav Krupp von Bohlen und Halbach 1936 auf dem Weg zu einer Jagdveranstaltung knipsten; eine 1962 angefertigte Zeichnung des Ahe-Hammers zwischen Herscheid und Werdohl, der, damals vierhundert Jahre alt, wenig später vom Krupp-Konzern übernommen wurde; eine um 1910 entstandene Panoramaansicht des Werks Linscheid an der Lenne in Altena, das nach mehreren Fusionen von 1989 bis 2015 Krupp gehörte; Fotografien von Talsperren und Brücken, Erholungs- und Jugendheimen, Landschaften und der Natur, darunter ein paar, bei denen Albert Renger-Patzsch Pate stand; Werbegrafik, Briefe, Briefköpfe, Kontoauszüge sowie eine Aufnahme von den Karl-May-Festspielen in Elspe, wo das Dach über der Tribüne von einer Krupp-Tochter hergestellt wurde.

Es sind keine zwei Dutzend Abbildungen, die der schmale Band enthält, Dokumente aus dem Historischen Archiv Krupp, die meisten bisher unveröffentlicht, von denen jedes die Verbindung des Unternehmens mit dem Sauerland belegt. Doch die Auswahl ist zu klein und zu heterogen, als dass daraus eine Erzählung würde. Die wird sie erst durch Ulrich Raulff, der sie zum Anlass für einen kleinen, komplexen Essay nimmt: „Sauerland als Lebensform“ porträtiert „einen der unbekanntesten und unverstandensten Stämme unter den Deutschen“ und lässt eine Region, die für viele Terra incognita ist, Konturen, Farben, Leuchtkraft gewinnen. Und kein Friedrich Merz trübt das Bild.

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Wo Verbotsschilder missachtet und Kopfsprünge geübt wurden

Die Darstellung beginnt bei Caesar, der gar nicht bis ins Sauerland kam, und ist mit Heinrich Lübke aus Enkhausen und Carl Schmitt aus Plettenberg noch nicht zu Ende. Die beiden stehen in derselben Zeile, die Dichotomie wird – historisch, politisch, konfessionell, ästhetisch – zum Merkmal und zum Schlüssel. Das Sauerland wird vermessen und mit seiner Kleineisenindustrie ins Verhältnis zu seinen Nachbarn gesetzt. Die Attribute überbieten sich: „Freiluftsanatorium zur Regeneration erschöpfter Menschen“, „Villeggiatur des Ruhrgebiets“, „regenreiche Riviera des Reviers“, „Dolomiten der Niederlande“! Die Landschaft umgestaltet hat der Ingenieur Otto Intze, indem er die Topographie für Staudämme nutzte, um die Wasserversorgung zu sichern und Antriebswasser vorzuhalten. Die monumentale Architektur und die künstlichen Seen wurden touristische Attraktionen.

Ulrich Raulff: „Sauerland als Lebensform“.
Ulrich Raulff: „Sauerland als Lebensform“. Bild: Aschendorff Verlag

Raulff würdigt die Talsperre als Ingenieurbaukunst, aber auch als Abenteuerspielplatz der Kindheit, wo jedes Verbotsschild missachtet und Kopfsprung geübt, mit Booten in die Schlacht gezogen und Löschwasser geschöpft wurde. Zwischen kulturhistorischer Abhandlung und persönlicher Erinnerung changierend, kommt er, assoziativ und kenntnisreich, auf viele Themen. Das reicht von Arbeitererholung über Biersorten und Dialekt, Fernwanderweg und Kartoffelernte, Regenwetter und Waldwirtschaft bis Zwangsarbeiter. Raulff schreibt eine schlanke, federnde, ironisch zwinkernde Prosa, und wenn er doch mal ins Plaudern gerät, zieht er gewitzt die Notbremse: „Die nächste Folge unseres großen Landromans ‚Das sündige Dorf‘ lesen Sie in der nächsten Woche. An dieser Stelle geht es weiter mit Heimatkunde.“

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Eine glückliche, doch keineswegs idyllische Jugend

Die versucht nicht weniger als eine „Archäologie des rätselhaften Bergvölkchens“: Knapp fünfzig Seiten genügen, um Sauerland und Sauerländer kennenzulernen. Nur einmal treibt es Raulff mit der landestypischen Bescheidenheit zu weit: „Wo es doch keinen großen Künstler aufbieten kann wie Siegen, das seinen Renommier-Rubens allerdings schon im Kindesalter an Köln verlor“, konstatiert er eingangs, als wäre es dem Sauerland dreihundert Jahre später mit August Macke, geboren 1887 in Meschede, nicht ähnlich ergangen. „Kein Fontane . . . kein Tacitus und keine Madame de Staël“, resümiert Raulff und legt sich noch mit der Droste an, die dem Sauerland immerhin ein paar pointierte, nicht rundum schmeichelhafte Seiten gewidmet habe. „Die Sauerländer spüren, was in der Luft liegt. Sie haben Ahnung“, so das Fazit, „aber anders als Annette meinte“, mache diese Gabe sie nicht zu erfolgreichen Spekulanten, sondern zu phantastischen Fabrikanten.

In „Sauerland als Lebensform“ (ver)steckt Ulrich Raulff, Jahrgang 1950, auch ein Stück Autobiographie, das von einer glücklichen, doch keineswegs idyllischen Jugend im Nachkriegsdeutschland zwischen Schwarzmarkt und Wirtschaftswunder, Schwarzbrot mit Marmorkuchen und Muckefuck aus der Emaillekanne erzählt. Seine Sauerland-Partie setzt den Auftakt einer Reihe, mit der die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung Stücke aus dem Archiv vorstellen und zum Quellenstudium einladen möchte. Schon 1861 hatte das Essener Unternehmen den ersten Werksfotografen eingestellt und 1905 das Archiv gegründet, dessen Bestände sich heute auf zehn Regalkilometer erstrecken.

Die nächsten Bände bleiben ganz beim Thema Krupp, indem sie besondere Momente in der Geschichte der Familie und der Firma beleuchten. Der Tourismusforscher Hasso Spode zeichnet in „Die Krupps im Orient“ anhand von Fotos, Werbebroschüren und Hotelrechnungen eine „Luxusreise im Jahre 1926“ auf dem Nil nach, wie nur Superreiche sie sich leisten konnten: Bertha und Gustav Krupp unternahmen sie, begleitet von einem Sohn, einer Nichte, deren Freundin und dem Kammerdiener, mit einer Mietyacht, deren Mannschaft fünfundzwanzig Personen zählte. Und der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich reflektiert über „Kunst als Diplomatie“ am Beispiel eines Gruppenporträts von 1912/13: „Hubert von Herkomer malt das Führungsgremium der Krupp AG“. Das monumentale Werk des deutsch-englischen Malerfürsten und seine aufwendige Entstehung werden in die Tradition des Genres eingeordnet und als Manifest der Corporate Identity erklärt.

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Der Krupp-Konzern, zeitweise der größte Industriegigant Europas, ist 1999 aufgegangen in Thyssenkrupp. Nur die Firmenarchive sind nicht fusioniert. Die neue Reihe unterstreicht diese Selbständigkeit.

Ulrich Raulff: „Sauerland als Lebensform“. Schriftenreihe des Historischen Archivs Krupp. Essay und Archiv, Band 1. Aschendorff Verlag, Münster 2021. 48 S., Abb., br., 9,95 €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rossmann, Andreas (aro.)
Andreas Rossmann
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