Studie zur Boykottbewegung BDS

Im Schulterschluss mit Islamisten

Von Thomas Thiel
26.04.2021
, 15:24
Notwehr oder Vernichtungswunsch? Aufruf zum Israel-Boykott in der Stadt Bethlehem im Westjordanland
Die BDS-Bewegung hat die Auslöschung des Staates Israel zum Ziel, auch wenn viele ihrer Anhänger das Gegenteil behaupten. Das zeigen Alex Feuerherdt und Florian Markl in ihrem Buch.

Seit der Bundestag die Israel-Boykottbewegung BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) 2019 als antisemitisch gebrandmarkt hat, ist eine breite Debatte entstanden, bei der sich die Verteidiger des Netzwerks immer wieder auf einen beeindruckenden Unterstützerkreis aus dem akademischen und künstlerischen Spektrum berufen. Selten werden die Ziele der Bewegung, die auf eine Vernichtung des Staates Israel hinauslaufen, insgesamt in Schutz genommen, aber es wird immer wieder behauptet, ohne BDS sei Israel-Kritik unmöglich, als gäbe es nicht andere Mittel und Wege der Distanzierung.

Am antisemitischen Charakter von BDS lassen Alex Feuerherdt und Florian Markl in ihrer kritischen Einordnung keinen Zweifel. Lässt die erste der drei BDS-Forderungen, nämlich die Besetzung arabischen Territoriums zu beenden, noch offen, ob damit auch Israel gemeint ist, so läuft die Forderung nach der Rückkehr aller palästinensischen Flüchtlinge einschließlich ihrer Nachkommen auf die faktische Vernichtung Israels hinaus, was von führenden BDS-Aktivisten auch gar nicht geleugnet wird. Besonders fragwürdig ist dies den Autoren zufolge angesichts der Tatsache, dass die Flucht der Palästinenser einem Angriffskrieg der arabischen Staaten geschuldet war und Palästinenser auf israelischem Boden Rechte genießen, von denen die palästinensischen Flüchtlinge in arabischen Staaten nur träumen können.

Zahlreiche Mythen ranken sich um das BDS-Netzwerk

Davon ist in den BDS-Proklamationen nichts zu lesen. Sie zielen einseitig auf eine Delegitimierung und Dämonisierung des israelischen Staates, der mit dem südafrikanischen Apartheid-Staat oder dem NS-Regime gleichgesetzt wird. Holocaust-Leugnungen sind auf BDS-Kundgebungen ebenso zu vernehmen wie der Aufruf, alle Juden zu töten, was der Behauptung widerspricht, BDS richte sich nur gegen den Zionismus und nicht gegen alle Juden. An einer friedlichen Lösung des Nahost-Konflikts zeigt BDS sich nicht interessiert, vielmehr richtet sich ihr Hass auch gegen Juden, die auf eine Versöhnung mit Palästinensern hinarbeiten. Terrororganisationen wie die Hamas, die seit ihrer Gründung zur Vernichtung aller Juden aufruft, oder der Islamische Dschihad gehören zu ihren ersten Mitgliedern. Ihre Mittel sind Einschüchterung und Nötigung bis hin zu physischer Gewalt.

Warum wird diese Bewegung in Teilen des akademischen und kulturellen Betriebs für unverzichtbar gehalten? Das hat einmal mit dem undurchsichtigen Charakter des lose organisierten Netzwerks zu tun, das seinen Unterstützern die Möglichkeit bietet, sich über den Umweg der Israel-Kritik als Freiheitskämpfer zu präsentieren, ohne den eliminatorischen Endzweck aussprechen zu müssen. Dazu kommen die zahlreichen Mythen, die sich um das Netzwerk ranken.

Ein Podium des Hasses gegen das Judentum

Das Buch von Feuerherdt und Markl kommt insofern zur rechten Zeit. Mit Nachdruck widerlegen die Autoren die Behauptung, BDS sei im Juli 2005 aus einem Aufruf der palästinensischen Zivilbevölkerung hervorgegangen, die schon der führende BDS-Aktivist Ilan Pappé abgeräumt hat. Die „wahre Geburtsstunde“ von BDS sehen sie auf der UN-Weltkonferenz gegen Rassismus, die 2000 im südafrikanischen Durban stattfand. Eine fragwürdige Rolle spielten hier die Vereinten Nationen, die schon bei der Vorbereitungskonferenz in Teheran den Ausschluss von jüdischen Vertretern hingenommen und die einseitig und diffamatorisch gegen Israel gerichtete Abschlusserklärung hatten passieren lassen.

Die in Durban parallel stattfindende NGO-Konferenz wurde zum Podium des Israel-Hasses. Sie gipfelte in einem von antisemitischen Parolen gespickten Marsch auf den jüdischen Club von Durban, was einmal mehr klarmachte, dass nicht der Zionismus, sondern das ganze Judentum das Feindbild war. Die Abschlusserklärung der NGO-Konferenz, die zur internationalen Anti-Apartheids-Bewegung gegen Israel aufrief, listete schon alle Motive der BDS-Bewegung. Das Zwischenglied waren, kurz nach Durban, Akademikerboykotte gegen israelische Wissenschaftler in Großbritannien und den Vereinigten Staaten.

In Berlin wurde eine Holocaust-Überlebende niedergebrüllt

Die Autoren sparen sich die Darstellung personeller Kontinuitäten zwischen Durban, dem Akademikerboykott und der BDS-Bewegung, was ihre These hätte untermauern können. Sie betten BDS lieber in die lange Geschichte der arabischen Wirtschaftsboykotte gegen Juden und Israel ein, die schon 1922 mit dem arabischen Kongress begannen und sich nach dem Zweiten Weltkrieg intensivierten. Die damals gegründete Arabische Liga wollte auf wirtschaftlichem Weg erreichen, was ihr militärisch nicht gelungen war: die Vernichtung Israels. Unternehmen wie Coca-Cola, die mit Israel Handel betrieben, wurden jahrzehntelang boykottiert. Andere wie Shell, American Express oder Toyota beugten sich dem Druck, um arabische Absatzmärkte nicht zu verlieren. In inquisitorischen Fragebögen verlangte die Arabische Liga von Unternehmen Auskunft darüber, ob sie jüdische Mitarbeiter beschäftigten, was regelmäßig zum Abbruch von Handelsbeziehungen führte.

Der ökonomische Schaden des inkonsequent durchgeführten Boykotts blieb marginal. Das trifft laut den Autoren auch auf den Wirtschaftsboykott der BDS-Bewegung zu. Schlimmer sei der kulturelle Boykott, der den Antisemitismus auf dem Umweg der Israel-Kritik salonfähig mache. Der faktische Einfluss der Bewegung, resümieren die Autoren nüchtern, reicht bei weitem nicht an die Aufmerksamkeit heran, die ihre Aktionen bewirken – an der Humboldt-Universität wurde beispielsweise eine Holocaust-Überlebende niedergebrüllt.

Besonders an britischen und amerikanischen Hochschulen hat BDS breite Unterstützung bis hinein in die Fachverbände und große Gewerkschaften, zuweilen auch in Kommunen und Verwaltungen, weniger in den Hochschulleitungen. Näher zu untersuchen wäre, warum die antisemitisch grundierte Israel-Kritik von BDS für bestimmte akademische Fachbereiche wie die Mitteloststudien oder die postkoloniale Bewegung so attraktiv ist. Seit einigen Jahren schlägt der Bewegung laut den Autoren ein harter Wind aus der Politik entgegen. In Deutschland bleibe sie ohnehin marginal. Skeptisch fällt das Urteil der Autoren über die Vereinten Nationen aus, die Israel seit Jahren einseitig verurteilen.

Kritik trifft auch die Europäische Union, die zahlreiche BDS-nahe Organisationen finanziell unterstützt, ebenso zahlreiche NGOs, die ihre Agenda betreiben. BDS ist demnach keine Graswurzelbewegung. Es ist vorrangig das Podium einer Gesinnungslinken, die den Schulterschluss mit Islamisten in Kauf nimmt, um ein Ventil für ihren identitätsstiftenden Israel-Hass zu finden, der selbst nicht antisemitisch grundiert sein muss, aber sich mit Antisemiten gemein macht.

Alex Feuerherdt und Florian Markl: „Die Israel-Boykottbewegung“. Alter Hass in neuem Gewand. Hentrich & Hentrich Verlag, Frankfurt 2020. 196 S., br., 19,90 €.

Quelle: F.A.Z.
Thomas Thiel  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Thomas Thiel
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot