Lebensraum Wald

Ökosystem in Bedrängnis

Von Petra Ahne
06.07.2022
, 21:26
Das Wood Wide Web des Nationalparks Bayerischer Wald: Im Höllbachgspreng wachsen nicht nur Bergahorn, Gemeine Fichte oder Rotbuche, sondern auch seltene Pflanzen wie Siebenstern und Sonnentau.
Ist Konkurrenz wirklich immer das leitende Prinzip der Evolution? Suzanne Simard spürt den Bindungen der Bäume nach, Josef Reichholf nimmt deren Lebensgemeinschaft nüchterner ins Visier.
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Dass mehrere amerikanische Produktionsfirmen um die Rechte am Buch einer Waldökologin konkurrierten, die auf die Symbiose zwischen Bäumen und Mykorrhizapilzen spezialisiert ist, überrascht nur auf den ersten Blick. Auf den zweiten stecken in Suzanne Simards Leben und Forschung alle Zutaten einer Geschichte, wie sie Hollywood am liebsten erzählt: die lebensverändernde Erkenntnis der Heldin, die daraus folgende Mission, der Kampf gegen Widerstände – und eine zeitgemäße, wohlige Botschaft: Ein Wald ist mehr als viele Bäume, er ist eine Gemeinschaft füreinander sorgender Lebewesen, er ist wie wir. Dies verkündet die an der University of British Columbia lehrende Professorin, von ihren Wissenschaftskollegen nicht immer wohlwollend begleitet, in Interviews, millionenfach angeklickten TED-Talks und nun auch in „Die Weisheit der Wälder“.

Die Drehbuchtauglichkeit des Buchs ist dessen Stärke und Schwäche zugleich. Suzanne Simard verbindet darin Lebenserinnerungen und Forschungserkenntnis, was immer wieder zu einer eher plumpen Dramaturgie führt. Der Heureka-Moment etwa, in dem ihr als junger Mitarbeiterin eines Forstunternehmens klar wird, dass es eine Symbiose zwischen Pilzen und Bäumen gibt und auch deshalb die von ihr betreuten Setzlinge auf einer – dieses Netzwerkes beraubten – Kahlschlagfläche nicht gedeihen, folgt auf die allzu ausführliche Beschreibung eines Bullenreitens, an dem ihr Bruder teilnimmt.

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Gleichzeitig ist das Buch gerade wegen des szenischen Aufbaus Wissenschaftskommunikation von seltener Anschaulichkeit. Die präzise Beschreibung etwa des Versuchs, der bewies, dass Birken und Douglasien über ihre Wurzeln Kohlenstoff austauschen, wäre weniger eindringlich, hätte Simard ihn nicht als die schweißtreibende und riskante Aktion geschildert, die er war: An einem heißen Julitag stülpte sie vierzig Stoffzelte über junge Bäume und injizierte später, in einen Schutzanzug gehüllt, radioaktive Kohlenstoff-Isotope, um herauszufinden, ob die verminderte Photosynthese der einen Bäume durch unterirdische Nährstoffzufuhr der anderen ausgeglichen würde (was tatsächlich geschah).

Reflektierter als der Förster Peter Wohlleben

Episoden wie die, dass Simard auf einer Konferenz von einem Forstwissenschaftler für viele hörbar mit „Miss Birch“, Frau Birke, angesprochen wird, was stark nach „Bitch“, Zicke, klingt, offenbaren, dass einer unorthodoxe Thesen vertretenden Frau im männlich dominierten Wissenschaftsbetrieb nicht nur mit Argumenten begegnet wird. Und schließlich macht die autobiographische Erzählung von der Herausforderung, mit gleicher Leidenschaft Mutter und Wissenschaftlerin zu sein, von einer scheiternden Ehe, von Freundschaften, die während einer Krebserkrankung Kraft gaben, das Thema Beziehungen, Bindungen zum übergreifenden Motiv – und rückt die unterirdischen Netzwerke aus Baumwurzeln und Pilzen nah heran an menschliches Miteinander.

Suzanne Simard: „Die Weisheit der Wälder“. Auf der Suche nach dem Mutterbaum.
Suzanne Simard: „Die Weisheit der Wälder“. Auf der Suche nach dem Mutterbaum. Bild: Btb Verlag

Simard weiß, dass sie sich damit auf eine riskante Bahn begibt. Sie tut dies reflektierter als der Förster und Autor Peter Wohlleben, dessen erfolgreiche und unbekümmert vermenschlichende Baumprosa sich aus Simards Forschung speist. Die von ihr betriebene Anthropomorphisierung ist ein Tribut an das Anliegen, den Blick auf Bäume, auf die Natur zu verändern: sie zu dem faszinierenden Anderen werden zu lassen, das zugleich so anders gar nicht ist, weil alles Leben von der Natur hervorgebracht wurde und auf vergleichbaren Gesetzmäßigkeiten beruht.

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Ein fürsorgliches Gemeinwesen

Zwar reproduziert die Rede von alten, besonders gut vernetzten „Mutterbäumen“, die „die Kleinen hegen“, den anthropozentrischen Blick, der seit der Aufklärung die Entfremdung von der Natur vorangetrieben hat. Doch können wir die uns umgebende Welt eben auch nicht anders interpretieren als im Abgleich mit unserer begrenzten menschlichen Perspektive. Was dem Menschen vertraut ist, das schätzt und schützt er eher, darauf setzt Suzanne Simard und ist bemüht, den schmalen Grat zwischen Veranschaulichung und Verfälschung nicht zu überschreiten.

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Auch das „Wood Wide Web“, die Überschrift, unter der 1997 auf dem Titel des Fachmagazins „Nature“ Suzanne Simards aufsehenerregende erste Arbeit zum Pilz-Wurzel-Netzwerk angekündigt wurde, war eine solche Veranschaulichung – und in ihrer reißerischen Schlagworthaftigkeit vielleicht mit ein Grund, warum Simards These zunächst bekämpft und ihre wissenschaftliche Glaubwürdigkeit infrage gestellt wurde. Dass Baum- und Pilzwurzeln Nährstoffe austauschen, ist mittlerweile Konsens. Nicht aber Simards Schlussfolgerung vom Wald als fürsorgliches Gemeinwesen, mit der sie eine Doktrin der Biologie infrage stellte: dass Konkurrenz das leitende Prinzip der Evolution ist.

Der distanzierende Blick auf das scheinbar so Vertraute

Vielleicht sollte man zuerst die „Weisheit der Bäume“ lesen und dann Josef H. Reichholfs „Waldnatur“, eine weitere Neuerscheinung zum Thema. Simard, um sich berühren zu lassen von Bäumen, deren Anwesenheit so selbstverständlich ist, dass man sie oft nicht weiter beachtet; Reichholf, um das Gefühl – das für die Rettung der Natur ebenso nötig ist wie Wissen – mit Fakten zum Wald als Ökosystem auf ein solides Fundament zu stellen. Auch Reichholfs Motivation ist die eigene Begeisterung für Wälder, er beginnt mit einem Spaziergang durch den Auwald am unteren Inn in Niederbayern, den er schon als Kind durchstreift hat. Doch setzt der Evolutionsbiologe, frühere Leiter der Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung München und Autor vieler Sachbücher auf die Faszinationskraft des Ökosystems Wald selbst, der Vielfalt des Lebens, die es beherbergt, des Werdens und Vergehens im Jahreslauf.

Josef H. Reichholf: „Waldnatur“. Ein bedrohter Lebensraum für Tiere und Pflanzen.
Josef H. Reichholf: „Waldnatur“. Ein bedrohter Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Bild: Oekom Verlag

Das Staunen, das Reichholf erzeugt, basiert nicht auf der Einladung zur Identifikation mit dem so anderen, immobilen Lebewesen, sondern entsteht vielmehr durch einen distanzierenden Blick auf das scheinbar so Vertraute. Wurzel, Stamm, Krone – warum eigentlich dieser Aufbau? Am einen Ende, der Wurzel, werden Nährstoffe aufgenommen, am anderen, den Blättern, verwertet, das Holz dazwischen ist tote Materie, Ausscheidung der Photosynthese, die der Baum nicht weiter nutzen kann. Holz, die begehrte Substanz, wegen der es in Deutschland heute Forste gibt und kaum noch Wälder: für den Baum ein Abfallprodukt.

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Mehr als eine bloße Ressource

Reichholf vertraut auf die Kraft der gut erzählten Information, er schreibt über den Wald umfassend und klar strukturiert, mitunter allerdings mit der Nüchternheit eines Biologiebuchs. Am Ende kennt man die Schichten des Waldbodens und den Aufbau von Blättern, weiß, wie Bäume wachsen und altern und warum im Forst der selbstbestimmte Jahreszyklus des natürlichen Waldes nur eingeschränkt möglich ist. Die Mykorrhiza, die Baum-Pilz-Symbiose, kommt ebenfalls vor. Für Reichholf schlicht ein „Mutualismus“, von dem Pilz und Baum profitieren, der sich aber auch so verschieben kann, dass der Pilz zum Parasiten wird oder sich umgekehrt ein gut versorgter Baum des Pilzes entledigt.

Reichholf, für streitbare Meinungen bekannt, argumentiert etwa auch, dass Kahlschlag mitunter der richtige Weg sein kann – Suzanne Simard würde sofort widersprechen. Zustimmen würde sie aber seiner Botschaft, die ihrer nicht unähnlich ist: Der Wald ist in Bedrängnis, durch den Klimawandel und eine forstliche Praxis, die ihn lange Zeit vor allem als Holzlieferanten sah. Ihn zu retten heißt, ihn künftig nicht mehr in erster Linie als Ressource zu betrachten, sondern als Ökosystem, das auch für den Menschen überlebenswichtig ist.

Josef H. Reichholf: „Waldnatur“. Ein bedrohter Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Oekom Verlag, München 2022. 320 S., geb., 24 Euro.

Suzanne Simard: „Die Weisheit der Wälder“. Auf der Suche nach dem Mutterbaum. Btb Verlag, München 2022. 544 S., Abb., geb., 24 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ahne, Petra
Petra Ahne
Redakteurin im Feuilleton.
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