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Studie über Konservatismus

Ohne Inhalte regiert es sich besser

Von Philip Manow
 - 21:52
Neun Jahre nach der „Wende“: die Outsiderin Angela Merkel, damals Bundesfrauenministerin, und der föderale Insider Helmut Kohl 1991 auf dem CDU-Parteitag.

Was macht eigentlich ...? Wer so fragt, liefert mit der Frage auch immer schon eine „Lange nichts mehr gehört von“-Diagnose mit. Konservative sollten sich also sorgen, wenn man sich so um sie sorgt wie Thomas Biebricher in „Geistig-moralische Wende. Die Erschöpfung des deutschen Konservatismus“. Und richtig, was sich schon im Titel ankündigt, formt sich dann nach gut dreihundert Seiten einerseits Debattenrekonstruktion, andererseits nacherzählter politischer Ereignisgeschichte seit 1982, dem Geburtsjahr ebenjener titelgebenden geistig-moralischen Wende, auch in den Schlussfolgerungen zu einem insgesamt eher ernüchternden Bild: „bedenklicher Zustand“, „mit Händen zu greifende Verflachung“, „weitgehende Austrocknung der substantiellen Sinnreservoire“, „Entsubstanzialisierung“. Und so weiter.

Die Motivlage, noch einmal vorbeizuschauen beim deutschen Konservatismus, legt der Autor gleich zu Beginn offen. Mit Blick auf die in den Vereinigten Staaten von einem Troll gekaperte Grand Old Party, auf die in den Brexit-Wirren hoffnungslos zerstrittenen Tories oder auf die in den letzten französischen Präsidentschaftswahlen spektakulär pulverisierte bürgerliche Rechte (ganz zu schweigen von der Vulgarisierung dieses Lagers unter Berlusconi und seiner dann irgendwie folgerichtigen Substituierung durch einen Matteo Salvini) hält Biebricher auch für Deutschland ein Umschlagen des organisierten Konservatismus in den autoritären Populismus nicht für völlig ausgeschlossen.

Merkels Politikmodus als Antwort auf den Populismus

Die Sorge, die den Autor umtreibt, ist also die, wie gut und wie lange noch sich hierzulande eine respektable Rechte gegen einen despektierlichen Rechtspopulismus wird halten können. Der Ausblick fällt angesichts der weitgehenden Inhaltsleere, die der Autor dem deutschen Konservatismus attestiert, zunächst nicht sonderlich optimistisch aus.

Das muss nun aber nicht gleich, wie es leicht marktschreierisch auf dem Buchrücken heißt, in die These einer „grundsätzlichen Neuordnung der Demokratie in Deutschland“ münden – eine These, die im Text selbst gar nicht systematisch entwickelt wird. Denn ganz am Ende sieht Biebricher gerade in dem routinehaften, unaufgeregten Abarbeiten der Problemberge‚ also in einem „inhaltlich verschlankten Prozeduralkonservatismus“, einen Hoffnungsstreifen.

Nur, dass ja genau damit derjenige Politikmodus der Kanzlerin recht gut beschrieben ist, der vielen Konservativen eher wie ein kompassloses, rein umfragegetriebenes Wurschteln und damit als eigentliche Ursache der gegenwärtigen Probleme dieses Milieus vorkommt. Die Bedrohung durch den Rechtspopulismus wird man zumindest nur schwerlich allein als exogenen Schock verstehen können, sondern in einem erheblichen Maß auch als endogenes Hervorbringsel genau jener Regierungspraxis, die der Autor am Schluss als Lösung präsentiert. Regiert es sich aber inhaltsleerer umso unbeschwerter, warum stellt dann intellektuelle Verflachung überhaupt eine Defizitdiagnose dar, auf deren Nachweis man viele analytische Mühen verwenden muss?

In ihrer Motivlage teilt diese Studie eine Aporie ihres Gegenstandes: Der beständige gesellschaftliche Wandel bringt es mit sich, dass der von den Konservativen gegen Veränderungen jeweils verteidigte Status quo immer einer ist, vor dem zuvor im Namen eines Status quo ante konservative Vorgängerunken dringlich gewarnt hatten. Auch bei Biebricher legt sich zwangsläufig ein leichter Weichzeichner über das Bild, wenn die Kubitscheks und Elsässers von heute die Noltes und Stürmers von gestern zurückwünschen lassen – man tendiert ja ohnehin dazu, im Rückblick zu vergessen, wie hitzig der Streit einmal gewesen war.

Plastischer Eindruck von der Ära Kohl

In ihrem analytischen Zugriff bietet die Studie eine durchaus ungewöhnliche, aber gelungene Verbindung aus der Rekonstruktion des politischen Geschehens einerseits und dem Revue-passieren-Lassen der größeren Debatten andererseits – beides ab dem Jahr, in dem Helmut Kohl eine geistig-moralische Wende als programmatischen Anspruch seiner Kanzlerschaft formuliert hatte. Die Darstellung dieser zwei Stränge bietet je für sich vermutlich wenig Neues für alle diejenigen, die diese Zeit politisch bewusst erlebt haben. Aber in der wechselseitigen Spiegelung, vom Autor elegant und sehr gut lesbar gehalten, ergibt sich als Mehrwert ein plastischer Eindruck von der Zeit, den prägenden Debatten, dem konservativen Milieu – und von seinen Gegnern. Vorgeschaltet ist diesem rekonstruktiven Hauptteil der Studie eine Erörterung dessen, was denn nun unter Konservatismus eigentlich zu verstehen sei – ein uferloses Thema, hier glücklicherweise durch Biebrichers Beschluss begrenzt, sich allein auf die Vaterfigur des Konservatismus, Edmund Burke, zu beziehen.

Was gerät nicht in den Blick? Zum einen, dass der Merkelsche Prozeduralkonservatismus mit Hinblick auf die Prozeduren wenig konservativ war. Hier hätte die Anlage der Studie gerade zum Vergleich des föderalen Insiders Kohl mit der Outsiderin Merkel Anlass geben können und damit zur Gelegenheit, die unter Merkel teils atemberaubenden Verschiebungen im Verfassungsgefüge der Bundesrepublik zu protokollieren. Denn gehört es nicht zum Kern einer konservativen Haltung, mit den Institutionen höchst pfleglich umzugehen?

Zum anderen hätte eine Art Begriffssoziologie des Konservatismus womöglich der Analyse gutgetan, also eine Rückbindung der Idee oder Mentalität an Geschichte und Gesellschaft. Denn was zunächst nur eine Position in konstitutionellen Grundsatzfragen war – für oder gegen das Veto des Königs in der französischen Verfassung von 1791, für oder gegen einen Katholiken als Thronfolger – wird im neunzehnten Jahrhundert zur Leitideologie der Herrschaftselite des Alten Regimes. Das Komplettversagen dieser Elite in Deutschland schuf dann Platz für eine faszinierende Verbindung aus negativer Geschichtsphilosophie und „heroischer Moderne“ (Heinz Dieter Kittsteiner) bei den Weimarer Neurechten.

Nach nochmals unfassbar gesteigerter Katastrophe wird der Konservatismus dann allenfalls noch als Unterströmung der Christdemokratie weitergeführt, und zu Beginn von Kohls Kanzlerschaft war davon gemäß den Interessen und Kalkülen einer modernen Volkspartei wenig mehr übrig geblieben als Tugendappelle plus Traditionspflegestufe zwei für Sudetendeutsche.

Im Rückblick erscheint es von einer gewissen Folgerichtigkeit, dass das hohle Pathos der geistig-moralischen Wende in den moralischen Bankrott des CDU-Spendenskandals führte. Der ebnete bekanntlich Merkel den Weg zur Macht. Diese nun knapp vierzig Jahre als in sich geschlossene Zeitperiode dargestellt zu haben ist das große Verdienst von Biebrichs wunderbar lesbarer Studie.

Thomas Biebricher: „Geistig-moralische Wende“. Die Erschöpfung des deutschen Konservatismus. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2018. 320S., geb., 28 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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