Um jeden Virenhort eine Verschwörung

19.10.2005
, 12:00
Die Schlagzeilen über drohende Epidemien reißen nicht ab. 2001 war es Anthrax, das den Westen in Atem hielt; darauf die Pocken und ihr möglicher Einsatz als biochemische Waffe; seit Februar 2003 ist es Sars. Kehrt hier ein Seuchenzeitalter wieder?Zwei Bücher haben das aktuelle Geschehen zum Anlaß ...
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Die Schlagzeilen über drohende Epidemien reißen nicht ab. 2001 war es Anthrax, das den Westen in Atem hielt; darauf die Pocken und ihr möglicher Einsatz als biochemische Waffe; seit Februar 2003 ist es Sars. Kehrt hier ein Seuchenzeitalter wieder?

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Zwei Bücher haben das aktuelle Geschehen zum Anlaß ihres Erscheinens genommen. Die Herangehensweisen könnten jedoch nicht unterschiedlicher sein. "Expeditionen ins Reich der Seuchen" widmet sich der Seuchenbekämpfung in den deutschen Kolonien von 1884 bis 1914. Es geht um Robert Koch, die Tropenmedizin, Ärzte des Militärs und Patienten, die vornehmlich aus den Reihen der Kolonialvölker stammen. Die Autoren: Johannes Grüntzig ist Mediziner, Heinz Mehlhorn Parasitologe.

In dem Sammelband "Virus!" dagegen beschränkt man sich nicht historisch. Der in den Aufsätzen dieses Buches behandelte Stoff reicht bis ins Mittelalter zurück. Zugleich wird das gesamte Begriffsspektrum in Angriff genommen, vom Computervirus bis hin zum HI-Virus. Den Hintergrund bildet die Frage, wie das Virus zu einem Schlüsselbegriff in Medizin, Politik, Technik und Kultur werden konnte.

Grüntzig und Mehlhorn, die beiden Autoren des erstgenannten Buchs, haben sich entschieden, ein Werk über die Stärken der Medizin und der Seuchenbekämpfung zu schreiben. Warum auch nicht, mag man zunächst denken. Die Erfolge auf diesem Gebiet - etwa die weltweite Ausrottung der Pocken seit 1980 - sind unbestritten und zum Teil sensationell. Die Gelder, die in die Seuchenforschung investiert werden, sprechen für die Hoffnung, an diese Fortschrittsgeschichte anknüpfen zu können. Bereits hier krankt jedoch das Buch. Die Autoren schreiben gegen ein eingebildetes Komplott. Ihrer Ansicht nach wurden die Leistungen der deutschen Tropenmedizin bisher zu wenig gewürdigt.

Die Kritik am Kolonialismus habe aus den Seuchenpionieren, die unter Einsatz ihres Lebens Forschung betrieben, "Handlanger des Kolonialimperialismus" gemacht. Wirklich? Wem fällt diese Titulierung etwa zu Robert Koch ein, der zahlreiche Forschungsexpeditionen in den Kolonien unternahm? Die meisten kennen Koch als Nobelpreisträger, Entdecker des Tuberkuloseerregers und Namensgeber für ein weltweit renommiertes Institut. Zugleich wird man hier vor falsche Alternativen gestellt. Forschung kann erstklassig sein und die politische Motivation mehr als zweifelhaft. Sich als Historiker für die Helden- oder Handlangergeschichte entscheiden zu wollen ist daher Unfug.

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Die Empfindsamkeit, mit der man die unzureichende Würdigung einsatzbereiter deutscher Tropenmediziner bemängelt, wird anderen resolut verweigert. Wo nicht das Leben von Stabsärzten auf dem Spiel steht, gibt man sich großzügig. Die Verbrechen an den Kolonialvölkern möchte man nicht behandeln. Dafür gibt es einen eigenartigen Grund: "Leider taugen unsere heutigen Erkenntnisse und Wertmaßstäbe wenig zur Beurteilung der damaligen Verhältnisse", heißt es. "Alle Kolonialmächte glaubten rechtmäßig zu handeln und wußten die öffentliche Meinung hinter sich."

Daß es natürlich auch schon im neunzehnten Jahrhundert Kritik daran gab, scheint den Autoren nicht bekannt zu sein. Doch selbst wenn sich die Mehrheit damals im Recht glaubte - ja, und? Kein Historiker kam bisher auf die Idee zu behaupten, zu Hexenverbrennungen in der frühen Neuzeit ließe sich nichts sagen, da die Frauen ja nach damals geltendem Recht verbrannt worden seien. Bei der Tatsache, daß Gesellschaften immer wieder anderen das Menschsein entziehen und sogar zur Grundlage von Recht machen, hört Geschichte nicht auf zu fragen, sondern fängt überhaupt erst an. Wenn Mediziner an diesem Prozeß beteiligt sind, kann das eine Abhandlung zur Seuchengeschichte nicht aussparen. Daß hier im Verlagshaus Elsevier kein Lektor nachgehakt hat, grenzt an einen Skandal. Die Aneinanderreihung von Jahreszahlen, Namen und seitenlangen unkommentierten Originalzitaten mag einfältig aber verzeihlich sein. Ein Forschungsstand von 1914 zum Thema Kolonialpolitik nicht.

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In den achtzehn Kapiteln stehen meist eine Seuche und die damit zusammenhängenden Expeditionen im Vordergrund. Die Angaben dazu, wer, was, wann, wo entdeckt, werden mit Anekdotischem aufgemöbelt. Wäre das Thema weniger ernst, müßte man die Auswahl der gegebenen Information als drollig bezeichnen. Wir erfahren, daß Frau Külz, die Gattin des kaiserlichen Regierungsarztes Ludwig Külz, feuerrote Hibiskusblüten, Palmzweige und die luftige Veranda ihres Hauses in Kamerun entzücken. Daß Herr Külz Tropenmedizin als ökonomische Wertschöpfung verstand, Kolonialvölker als "organisches Stammkapital", erfahren wir nicht. "Wozu sollen wir den Neger erziehen?" fragte Külz 1906 in einer seiner zahlreichen rassehygienischen Schriften und antwortete: "zur Arbeit für uns" - davon bei Grüntzig und Mehlhorn kein Wort.

Und so geht es weiter. Wir lernen, daß Stabsarzt Maximilian Zupitza seinen Urlaub in "opferwilliger Weise" sausen läßt, um für Koch eine Expedition an den Viktoriasee anzutreten. Welche Opfer Zupitza von anderen im Dienst der Forschung verlangte, lernen wir nicht. Darüber, daß der spätere Regierungsarzt von Togo 1908 Zwangslager für Schlafkranke einrichtete, in denen mit dem Arsenpräparat Atoxyl an Patienten experimentiert wurde, schweigt man. Wir lesen, daß Stabsarzt Wiehe 1906 im Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika kämpfte und in einen Hinterhalt geriet. Daß bei der Niederschlagung 180000 Afrikaner den Tod fanden, mehr als während des Herero-Nama-Krieges in Deutsch-Südwestafrika, lesen wir hingegen nicht. Kannibalismusmoritaten aus den Kolonien im Pazifik werden seitenlang ausgewalzt, obwohl ihr Status in der historischen Forschung mehr als umstritten ist. Die Gebietserwebung von Kamerun finden die Autoren "spannend wie in einem Kriminalroman". Es gibt geeignetere Kapitel der Geschichte, um Fakt und Fiktion zu vermengen. Wer sich für die kolonialgeschichtlichen Fakten interessiert, die Grüntzig und Mehlhorn verschweigen, sei Wolfgang Eckarts Standardwerk "Medizin und Kolonialimperialimus" von 1997 empfohlen.

Eine andere Perspektive auf die Seuchengeschichte eröffnen die Beiträge in dem Sammelband "Virus!". Dabei geht es vornehmlich um Viren. Im Vergleich zu Bakterien sind die Minimalisten unter den Erregern um ein Vielfaches kleiner, bestehen nur aus Hülle und Erbgut und können sich ohne eine Wirtszelle nicht vermehren. Pest, Cholera und Tuberkulose werden von Bakterien verursacht, Aids, Influenza oder Pocken dagegen von Viren.

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Während Grüntzig und Mehlhorn Afrika und Asien als "Reich der Seuchen" titulieren, macht der Molekularbiologe und Historiker Erhard Geißler auf die Geschichte Europas als Virenhort aufmerksam. So waren es die Europäer, die Viren zuerst als biologische Kampfmittel einsetzten, 1763, als britische Invasoren zwei Indianerstämmen mit Pocken verseuchte Decken und Taschentücher überreichten. Die als Gastgeschenk getarnten tödlichen Virenträger stammten aus einem Pockenhospital. Mehr als die Hälfte der Indianer starben. Zuvor hatten die aus Europa in die neue Welt eingeschleppten Seuchen bereits die Inka und Azteken vernichtet. 1763 handelte es sich jedoch um den ersten überlieferten Fall, in dem Viren bewußt zur Kriegführung eingesetzt wurden, eine Taktik, die fortan Geschichte schreiben sollte. Wie Geißler ausführt, kreuzt sich die Geschichte biologischer Kampfmittel mit der des Gerüchts. Kaum ein Virus, um das sich nicht eine Verschwörungstheorie rankt.

Das Kalkül, das hinter der Anschuldigung steckt, eine Krankheit eingeschleppt zu haben, zeichnet Martin Dinges historisch nach. Daß Epidemien von außen in eine Gemeinschaft kommen, ist unstrittig. Welche Gruppe allerdings als Schleuser identifiziert wird, folgt politischen Mustern: die Protestanten verdächtigen die Katholiken, die Deutschen die Franzosen, das Militär die fremdländischen Söldner, die Christen die Juden.

Der Historiker Philipp Sarasin hat dieses Motiv in seinem Buch "Anthrax. Bioterror als Phantasma", das sich in Kurzfassung in dem Sammelband findet, auf das Medienspektakel um die Milzbrandbriefe von 2001 in den Vereinigten Staaten bezogen. Die berechtigte Frage, die Sarasins Untersuchung leitet, lautet: Wann wird ein Erreger zur Epidemie? Nach Sarasin lassen sich die Medien als eine Art erweiterter Wirt beschreiben. Grassiert ein Erreger dort, wird er zur Seuche. Die im Juni 2001 von der WHO gemeldeten zwei Dutzend Fälle von Hautmilzbrand in der östlichen Türkei etwa, über die wenig berichtet wurde, galten nicht als Beginn einer Seuche. Die fünf Milzbrandbriefe in Amerika dagegen, die nicht umsonst an Medienschaffende und Politiker gerichtet waren, lösten Epidemiewarnungen aus. Die Behauptung, der Irak sei im Besitz biologischer Waffen, diente schließlich zur Kriegslegitimierung. Den Beweis ist die Regierung Bush schuldig geblieben. Von der angeblichen Seuchengefahr blieb nur die Instrumentalisierung der Angst.

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In einem glänzenden und mit dem Pulitzer-Preis gekrönten Beitrag untersucht schließlich der amerikanische Journalist Mark Schoofs die Ausbreitung des HI-Virus in Südafrika. Als erweiterten Wirt beschreibt er die Arbeits- und Lebensbedingungen der Goldminenarbeiter. Südafrika besitzt die größten Förderstätten der Welt. Schoofs deckt die wirtschaftlichen, politischen und technologischen Verhältnisse auf, die zur explosionsartigen Ausbreitung von Aids unter den Arbeitern führten und weiter führen. Am Ende steht die Einsicht, daß ein Virus nie allein der Erreger einer Epidemie ist.

Die Geschichte zeigt, daß es bei Seuchen und der Angst davor nicht nur Verlierer sondern auch Gewinner gibt: Arbeitgeber, denen die Gewinnmaximierung mehr Wert ist als die Gesundheit ihrer Arbeiter; Mediziner, die im Namen der Forschung Menschenexperimente durchführen; Pharmakonzerne, die ihre Mittel absetzen wollen; Staaten, die Viren als Waffe einsetzen oder infolge der Unterstellung, andere seien bereit dazu, Völkerrecht brechen. Zur Aufklärung gehört daher die Frage nach den möglichen Profiteuren. Die Antwort darauf kann auch Seuchen abwenden.

Johannes W. Grüntzig, Heinz Mehlhorn: "Expeditionen ins Reich der Seuchen". Medizinische Himmelfahrtskommandos der deutschen Kaiser- und Kolonialzeit. Elsevier/Spektrum Akademischer Verlag, München 2005. 379 S., 126 Farb- u. 176 S/W-Abb., geb., 28,- [Euro].

Ruth Mayer, Brigitte Weingart (Hrsg.): "Virus!" Mutationen einer Metapher. Transcript Verlag, Bielefeld 2004. 316 S., Abb., br., 26,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2005, Nr. 243 / Seite L38
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