Essaysammlung „Ferienmüde“

Leerlauf in der Wunschmaschine Urlaub

Von Freddy Langer
05.10.2020
, 22:23
Der Tourist muss ein Versprechen einlösen, das andere ihm gaben: Valentin Groebner sammelt Gründe, warum solche Anstrengung obsolet werden könnte.

So könnte es gewesen sein: ein Professor für Geschichte an der Universität Luzern hält einen Vortrag über Reisefotografie von ihren Anfängen im neunzehnten Jahrhundert bis zur Erfindung des Smart Phones und der damit einhergehenden Verbreitung von Handybildern in den sozialen Netzwerken sowie darüber, was diese Bilder mit uns anstellen. Er schreibt einen Essay zur Geschichte des Overtourism mit Beispielen auch jener Gesellschaftskritiker und Ästheten, denen nicht erst in den Zeiten des Massentourismus die Plätze von Venedig und die Aussichtspunkte in den Alpen zu voll sind, sondern es schon vor hundertfünfzig Jahren waren.

Und dann fragte er sich auch noch selbst für eine Radiosendung, ob es sich beim Urlaub nicht genaugenommen um Selbstbetrug handele und nicht einfach einmal alle Menschen einen Sommer lang zu Hause bleiben sollten. Das war ein großer Auftritt, ausgestrahlt am 23. Dezember 2019 im Südwestdeutschen Rundfunk, im Rückblick geradezu prophetisch. Denn keine zwei Monate später schlichen sich die Corona-Viren heran, und was in den achtziger Jahren als Nato-Strategie erdacht wurde, nämlich dass sich im großen militärischen Ernstfall niemand von der Stelle rühren solle, wurde plötzlich aus medizinischen Gründen Wirklichkeit.

Fremdenverkehr als Superreplikator

Nun, ganz so war es nicht, wie das Kleingedruckte am Ende des schmalen Büchleins zur Herkunft der Texte verrät, aber doch sehr ähnlich. Plötzlich jedenfalls setzten sich mit dem Einbruch der Pandemie in den Alltag, dem Lockdown und erheblichen Reisebeschränkungen all die Gedanken, die Valentin Groebner sich im Laufe der vergangenen Jahre über Urlaub und Fremdenverkehr gemacht und in Aufsätzen untergebracht hat, wie die Teile eines Puzzles zusammen zu einem Bild, dem nur eines noch fehlte: die Verpackung – ein Boden und ein Deckel, hier Vorwort und Nachwort. Die hat Groebner brandaktuell hinzugefügt. Ein wenig analytisch. Ein wenig emotional. Und insgesamt sehr optimistisch, was den eigenen Umgang mit der Situation und ihre Auswirkung auf künftiges Denken und Handeln angeht. Programmatisch überschreibt Valentin Groebner das letzte Kapitel mit „Entlassung aus der Pflicht“.

Urlaub ist für ihn das Produkt einer Industrie, die allein im vorigen Jahr anderthalb Billionen Dollar damit umgesetzt hat, dass sie 1,4 Milliarden Menschen kreuz und quer über den Globus bewegte. Dabei unterstellt er den Urlaubern keinen geringen Mangel an Selbstverantwortung, wenn er den Fremdenverkehr als Superreplikator bezeichnet, der das Bedürfnis überhaupt erst schaffe, das er anschließend zu erfüllen vorgibt. Denn sogleich setzt Groebner noch eines obendrauf mit der Behauptung, dass es im unbedingten Interesse der Industrie sei, dass Urlaub zu einer gewissen Unzufriedenheit führte, gegen die nur noch mehr Reisen helfen würden. Den Satz freilich dürfte schon mehr als einer nach seiner Heimkehr aus den Ferien gesagt haben: Jetzt bin ich reif für Urlaub. In Frankreich, erfährt man bei Groebner, gebe es nach der kollektiven Rückkehr der Urlauber Anfang September in den Supermärkten traditionell attraktive Sonderangebote für Alkoholika.

Valentin Groebner versucht sich nun in einer Bilanz, worum es beim touristischen Aufbruch eigentlich geht und ging, ob er jemals in die Freiheit führte, die er verspricht oder viele sich versprechen, und ob die Tourismuswirtschaft nicht vielmehr Fiktionen verkaufe. Fiktionen, die immerhin so gut funktionierten, wie er schreibt, dass 2017 bei einer Umfrage in der Schweiz achtzehn Prozent auf die Frage, was sie besonders intensiv mit Heimat verbinden, antworteten: den Meeresstrand.

Nicht alles, was Groebner schreibt, belegt er so exakt mit Zahlen. Vieles ist der eigenen Erfahrung entnommen, was dem Buch mitunter einen fast schon beschwingten Ton gibt. Dann steht Groebner am Strand von Kerala und denkt über die „Dichte der Zeit“ nach, überprüft im zeitigen Frühjahr, wie ein Besuch in Venedig sich anfühlt, oder schaut in den Tagen von Covid-19 auf die Altstadt von Luzern. Sonst droht sie in einem gnadenlosen Ansturm von Touristen zu versinken, dem er sich in seinem wunderbaren Buch „Retroland“ vor zwei Jahren ausführlich gewidmet hat. Nun aber, nahezu verwaist, sei sie mit all den geschlossenen Andenkenläden zur Karikatur ihrer selbst geworden.

So wechseln Eindrücke und Forschungsergebnisse fröhlich einander ab. Und wie im Kinderspiel, in dem reihum im Geiste eine Tasche immer voller gepackt wird, stopft Groebner seine Gedanken munter in einen Rollkoffer, der ihm zu einer wiederkehrenden Metapher wird, in der ebenso gut der Ballast des Reisens aufgehoben ist wie die Verlockung eines naiven Glaubens, wonach Leben und Reisen einander bedingen. So klebt es als Slogan auf seinem Deckel.

Lauter Konserven

Und dann rechnet Groebner aus, was es bedeutet, dass im vorigen Jahr zu jedem beliebigen Moment elf Millionen Menschen in Flugzeugen den Himmel querten. Er stellt heraus, wie sich Touristenziele durch den Wusch, sie nicht zu verändern, allmählich zur Konserve ihrer selbst entwickeln, und findet Beispiele für Altstädte, die kurzerhand mit alt aussehenden Fassaden erweitert werden, damit sie noch mehr Besucher aufnehmen können. Und selbstredend kommt er auch um die seit einem halben Jahrhundert gebetsmühlenartig heruntergebetete Kritik nicht herum, wonach der Tourist kaputt macht, was er sucht, indem er es findet. Wobei er darauf verweist, dass alle Versuche, alternativ, nachhaltig und ökologisch zu verfahren, problemlos in den Mainstream eingemeindet werden können und kommerziell nicht weniger nutzbar sind.

Vor allem fragt Groebner, was eigentlich der Urlauber sucht. Aus welchen Quellen sich Sehnsucht speist. Und wie es kommt, dass man einen Begriff wie Traumdestinationen benutzt, obwohl es sich nachgewiesenermaßen bei achtzig Prozent aller Träume um Alpträume handele. Für Groebner wird die Auszeit von der Arbeit selbst wiederum zur Schwerstarbeit. Urlaub bedeute Aushalten: die ungewohnte Umgebung, die ungewohnte Nähe zur Familie, die eigene Unruhe, weil nicht das passiert, was man sich gewünscht hat. Die eigentliche Arbeit des Touristen, hatte das Hans Magnus Enzensberger vor mehr als einem halben Jahrhundert zusammengefasst, sei „die Bestätigung dessen, was man ihm vorspiegelt“.

Man muss sich deshalb nicht wundern, wenn sich die Wunschmaschine Urlaub für den einen oder anderen mittlerweile ausgeleiert anfühlt. „Veränderung beginnt mit Unterbrechung“, schreibt Valentin Groebner, „indem ich erlaube, dass sich eine Lücke öffnet.“ Die beispiellosen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit durch die Maßnahmen angesichts von Covid-19 werden für ihn zu einer Chance, Dinge zu überdenken, anstatt sie wie ein Endlosband abzuspulen, währen die Unternehmer auf ein konstantes Wachstum setzen. „Das Ende des uns vertrauten Tourismus“, resümiert er, „ist die Chance, im Abseits zu landen – dem einzigen Ort, an dem etwas Neues passiert.“ Wirtschaftlich ist das bedenklich. Persönlich sollte es mehr als nur einen Gedanken wert sein.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Langer, Freddy
Freddy Langer
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
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