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Präsidenten im Oval Office

Vereinigte Sonderlinge von Amerika

Von Michael Hochgeschwender
Aktualisiert am 11.12.2019
 - 22:58
Der Herr in der Mitte gehört eigentlich nicht dazu: Woddy Allen als Zelig zwischen Calvin Coolidge (links) und Herbert Hoover.
Roland D. Gerste porträtiert die zwölf seltsamsten Präsidenten der Vereinigten Staaten. Noch Lebende sind ausgeklammert.

Wie oft kann man den Medien die Erkenntnis entnehmen, der gegenwärtige amerikanische Präsident sei so ziemlich die furchtbarste Gestalt, die sich jemals im Oval Office des Weißen Hauses breit gemacht habe. Wenn man ihn mit Lichtgestalten wie George Washington oder Abraham Lincoln vergleicht, mag dies zutreffen, dennoch zeugt sie nicht gerade von einer intimen Kenntnis der amerikanischen Geschichte. Ohne mehr als beiläufig auf den aktuellen Amtsinhaber und seine Idiosynkrasien einzugehen, liefert Ronald D. Gerste auf lockere, unterhaltsame, immer angenehm lesbare Art gewissermaßen den Gegenbeweis.

Unter Trumps Vorgängern findet sich eine ganze Reihe von in mancherlei Hinsicht höchst absonderlichen Gestalten. Wer außer Spezialisten kennt sie noch, die „bärtigen Präsidenten“ der siebziger bis neunziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts, deren Verständnis der Präsidentschaft darin bestand, möglichst wenig zu tun? Vielleicht weiß der eine oder andere noch, dass Grover Cleveland nicht nur der einzige amerikanische Präsident war, der nach einer Wahlniederlage neuerlich gewählt wurde, sondern obendrein mitten in seiner Amtszeit eine blutjunge Schönheit ehelichte.

Aber seine Vorgänger im Amt, Chester A. Arthur und Rutherford B. Hayes, sind bemerkenswert schwach im kollektiven Gedächtnis präsent, obwohl Hayes ein prachtvolles Beispiel für die damals schon erkennbare Anfälligkeit des amerikanischen Wahlsystems für Korruption, Wahlfälschung und andere mehr oder minder subtile illegale Machenschaften war. Immerhin wurde er nur Präsident, weil beide Parteien, nachdem sie in einträchtiger Konkurrenz die Wahlen von 1876 bis an den Rand des Erträglichen manipuliert hatten, sich dann auf den Kompromiss einigten, Hayes zum Präsidenten zu erklären, gleichzeitig aber den solide demokratischen Süden wieder den dortigen weißen Rassisten zu überlassen.

Richard Nixon kommt nicht schlecht weg

Dennoch, und auch das spricht für sein Buch, beschränkt der Autor sich nicht darauf, schlichte antiamerikanische Stereotypen wiederzukäuen. Für ihn steht die Person in ihrer Komplexität, mitunter auch in ihrer Tragik (oder Komik) im Vordergrund, was gelegentlich den analytischen Wert der einzelnen Charakterbilder mit Blick auf die jeweilige historische Gesamtsituation schmälert, zumal Gerste stellenweise gar zu sehr ins Anekdotische abgleitet. Dabei kommen insgesamt aber nuancierte, lebendige Miniaturen heraus, die Einblick in das Denken und Handeln der jeweiligen Präsidenten vermitteln und mehr sind als bloße enzyklopädische Lexikonartikel, die einfach etablierte Mehrheitsmeinungen widerspiegeln.

John F. Kennedy wird mithin, durchaus im Einklang mit der neueren Forschung, recht kritisch beurteilt, während zum Beispiel Richard Nixon wider Erwarten gar nicht so übel wegkommt. Es geht Gerste indes nicht darum, den Richter und Henker zu spielen, sondern sich den Figuren erst einmal mit Verständnis zu nähern. In einem Fall aber fehlt ihm offenkundig die kritische Distanz: bei Andrew Jackson, Präsident von 1829 bis 1837.

Du sollst nicht mit Höchstrichtern streiten

Gewiss, Jacksons Bild ist heute in der öffentlichen Meinung einseitig verzerrt. Galt er einst einem Arthur Schlesinger Jr. als Urvater des New-Deal-Liberalismus, ist er heute zur Karikatur des populistischen Rassisten und Gewalttäters verkommen. Gerste spricht nun zwar Jacksons Duelle an, ansonsten aber stellt er ihn etwas zu verständnisvoll dar. Problematischer ist, wenn konzediert wird, unter Jackson seien die Vereinigten Staaten erstmals schuldenfrei geworden, aber die verheerenden Folgen seines Konflikts mit Nicholas Biddle, dem Chef der Second Bank of the United States ebenso ausgeblendet werden wie die waghalsige Verfassungsauslegung im Streit mit dem Obersten Bundesrichter John Marshall 1831.

Wegen der personenzentrierten Darstellung wird auch der für die Geschichte der Vereinigten Staaten formative Charakter der Regierungszeit von Jackson nicht deutlich. Ohne die zweite evangelikale Erweckungsbewegung der dreißiger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts und ihre sozialen Reformanliegen vom Abolitionismus über die Temperenzbewegung bis hin zu Schul- und Justizreformen, die im Verein mit aufgeklärt-liberalen Philanthropen durchgeführt wurden, ist die Signatur der Epoche eigentlich nicht zu verstehen. Da all dies aber gegen Jackson und primär im Nordosten durchgesetzt wurde, fehlt es in Gerstes Darstellung. Am Ende bleibt ein gar zu verständnisvoller Blick auf einen gelinde gesagt schwierigen Präsidenten und sein stellenweise fragwürdiges Erbe.

Über die Auswahl ließe sich streiten

Im Gegensatz zu Jackson wird Calvin Coolidge, der 1923 als Vizepräsident das schwierige Erbe des republikanischen Nachkriegspräsidenten Warren G. Harding antrat, dessen Administration ähnlich wie die eines anderen Republikaners, Ulysses S. Grant in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts rekordverdächtige Ausmaße an Korruption angenommen hatte, in ein epochenspezifisches Gesamtbild eingebettet. Auf diese Weise gewinnt gerade dieser Abschnitt an Dichte und Aussagekraft.

Man könnte ansonsten an der Auswahl Kritik üben. Es erschließt sich etwa nicht, warum der arme Harry S. Truman in die Liste der seltsamsten Präsidenten aufgenommen wird, nicht aber Lyndon B. Johnson, der mindestens so sonderbar war, wenn nicht eigentümlicher als Truman. Auch über die Abwesenheit von James Buchanan, dessen Vorliebe für attraktive Salondamen wie Rose O’Neal Greenhow der Union im Bürgerkrieg wohl nicht den Sieg, aber doch manches Soldatenleben gekostet hat, wäre begründungsbedürftig.

Lebende Präsidenten wurden offenbar nicht als Kandidaten in Betracht gezogen, sonst wären Jimmy Carter und „The Donald“ Bestandteil des Pflichtprogramms. Immerhin bekennt Gerste sich, vollkommen nachvollziehbar, zum Prinzip der subjektiven Auswahl. Die Kategorie des „seltsamen“ Präsidenten ist für sich genommen ja keine wissenschaftliche Zuschreibung. Unterhaltsam aber ist sie allemal – und genau das macht den Reiz dieses Buchs aus.

Ronald D. Gerste: „Trinker, Cowboys, Sonderlinge“. Die 12 seltsamsten Präsidenten der USA. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2019. 256 S., Abb., geb., 20,– €.

Quelle: F.A.Z.
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